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Warm Blue: To Draw A Face

Eine Stimme wie eine warme Decke
Wertung: 9/10
Genre: (Post-)Grunge, Alternative Rock, Emo, Shoegaze
Spielzeit: 20:19
Release: 18.09.2020
Label: Midsummer Records

Die zauberhaften Midsummer Records enttäuschen ja selten das zerbrechliche Fanherz. Von Emo über Post-Grunge, Post-Rock, Alternative und Indie hat das kleine Saarländer Label so ziemlich alles im Gepäck, was Körper und Seele erfreut. Manchmal wird man dabei sogar noch überrascht, wenn nämlich eine Albuminfo eintrudelt und die Scheibe dann nicht nur gut klingt, sondern quasi auch noch sofort veröffentlicht wird – die hier besprochene Debüt-EP der Alternative-Truppe Warm Blue „To Draw A Face“ erscheint nämlich bereits morgen, zumindest in digitaler Form. Ein Full-Length-Album sei dann schon für nächstes Jahr ins Auge gefasst – ist ja gar nicht mehr so lange hin.

Allein der Bandname weckt schon widersprüchliche Assoziationen, ist Blau doch an sich eher eine kühle und unnahbare Farbe, wird hier aber sanft aufgewärmt und mausert sich so zur Schutzhülle, in die der erschöpfte Körper sich einkuscheln und von fernen Gefilden träumen will. Da passt es nur umso besser, dass der Gesang durchweg an Drawing Circles-Sänger Vincent Alex erinnert; eine samtig-weiche, warme Stimme, die den Geist einwebt und gelegentlich auch die ein oder andere Träne als Pfand fordert.

Schon im Opener „Every Castle“ fällt die Stimme angenehm positiv auf und kleidet sanft den Gehörgang aus; in Kombination mit den perlig-gezupften Gitarren und dem grungigen Grundgerüst, das vor allem im Refrain mit einer Portion Geschredder punkten kann, können Warm Blue hier schon einen schönen ersten Eindruck hinterlassen. Gedoppelter Gesang bringt dann in „Down The Green Alley“ deutlich mehr Verzweiflung ins Spiel, „we‘re both fucking helpless“ muss man den Jungs da einfach glauben, gerade die hintergründigen Zweitvocals schleppen da noch mal eine ganze Schippe Melancholie mit aufs Feld.

Dass Warm Blue aber nicht nur stimmlich, sondern auch in der Instrumentalfraktion einiges zu bieten haben, sollte ja schon bei den allgegenwärtigen Grunge-Parts klar geworden sein, wird beim verspielt-traurigen „Daze“ aber noch mal umso deutlicher, wenn die Gitarren sich immer wieder in den Vordergrund drängen und ein dynamisches Wechselspiel mit den Gesangsparts beginnen. Ein großartiger Leadriff katapultiert den Track dann direkt aufs Treppchen und für den Rest des Tages sicherlich auch ins Hirn.

Wer sich „To Draw A Face“ als verpennte Scheiblette mit Schlafzimmerblick vorgestellt hat, wird spätestes bei „Seattle“ dann eines Besseren belehrt, traut sich die Truppe doch hier auch mal ein bisschen Geschrei einfließen zu lassen, das natürlich bei „Down The Green Alley“ im Hintergrund schon anklangt, hier aber die Bühne kurz für sich ganz alleine in Anspruch nehmen darf. Final haben Warm Blue dann mit „Sighs“ sogar sowas wie eine Post-Rock-Ballade in petto, die wieder ganz deutlich an die Bonner Kollegen von Drawing Circles erinnert und die EP mit gepellter Gänsehaut nach knapp 20 Minuten ins Nichts verabschiedet.

Die Münsteraner haben das große Glück, dass hier alles stimmt: Eine unfassbar tight abgestimmte Instrumentalfraktion, die es tatsächlich schafft, Spritzigkeit in ein Grunge-Gewand zu verpacken (siehe das großartige „Daze“) trifft auf einen Sänger, dessen Stimme sich wie eine warme Decke schützend um das eigene Ich legt. So kann man sich für 20 Minuten in die Behaglichkeit kuscheln und vor sich hin weinen – denn auch die sanfteste Stimme kann nicht über die Melancholie hinwegtäuschen, die bei Warm Blue absolut nicht zu kurz kommt.

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