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My Dying Bride, Oceans Of Slumber im Konzert (Hamburg, April 2016)

Düstere Doom-Romantik am bislang sonnigsten Tag im Jahr

My Dying Bride

Bereits bei der Vorband war der Sound sehr brauchbar, bei einer garantiert alles andere als leicht abnehmbaren Band wie My Dying Bride hegt man nun zumindest die Hoffnung, dass es mindestens genauso gut klappt. Gerade bei den ausgefeilten Kompositionen der Engländer, bei denen häufig gerade die Details wichtig sind, muss einfach alles stimmen. Sollte selbstverständlich sein, aber man kennt das ja.

Umso erfreulicher, dass von Anfang an alles top ist und man bis auf ein paar fies fiepende Rückkopplungen absolut keinen Grund zur Klage hat. Glücklicherweise stimmt an diesem Abend tatsächlich alles, denn auch die Performance selbst kann nur als makellos bezeichnet werden: Jeder der wundervollen Harmonieläufe des Gitarrenduos (an der Seite von Andrew McCraighan zockt bekanntermaßen inzwischen wieder Calvin Robertshaw, nachdem man sich vor rund zwei Jahren wegen „unvereinbarer Differenzen“ vom langjährigen Axtschwinger Hamish Glencross trennte) sitzt wie eine Eins, Lena Abé am Bass und Shaun Taylor-Steels am Schlagzeug bilden die stets präzise Basis und Nesthäkchen Shaun Macgowan wechselt locker zwischen Keyboards und Violine. Nicht einen falschen Ton schluchzt die Geige, davon können sich zahlreiche grausam fiedelnde Folk-Fiedler gleich mehrere Scheiben abschneiden.

Mittelpunkt ist natürlich auch hier eindeutig der Sänger: Schon als Aaron Stainthorpe nach dem langen Intro von „Your River“ den Ort des Geschehens betritt, darf er sich Sonderapplaus abholen und auch wenn er wie gewohnt wenig Ansagen ans Publikum richtet, mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte so gar nicht „Metal“ aussieht und auch seine Matte mittlerweile eingebüßt hat, hat er nichts an Charisma verloren. Er leidet jede Textzeile mit, scheint manchmal sekundenlang apathisch in die Leere zu starren, kniet sich wie ein verzweifelter Gottesanbeter auf den Boden, fleht den Allmächtigen an (obwohl er ironischerweise ja eingefleischter Atheist ist) und kommuniziert wenigstens nonverbal mit dem Publikum, indem er sich an den Bühnenrand begibt und vereinzelt bestimmte Personen fokussiert.

Erstaunlich ist vor allem, wie brillant Stainthorpe immer noch bei Stimme ist: Klargesang, Growls und Screams sind jeweils ohne Fehl und Tadel und man nimmt ihm schlicht jedes Wort ab. Vor allem aber die Songauswahl hat es in sich: Bei einem Dutzend Full-length-Alben und mehreren EPs ist es wahrlich alles andere als leicht, eine jeden einigermaßen zufriedenstellende Setlist zusammenzustellen. Legitim, dass das aktuelle Album „Feel The Misery“ mit drei Songs am stärksten vertreten ist, ansonsten bietet das Sextett einen Querschnitt durch seine gesamte Karriere, fast jede Platte ist mit einem Song vertreten („The Angel And The Dark River“ sogar mit zweien), nur die bei Fans sehr zwiespältig gehandelte Scheibe „34,788%... Complete“ wird ausgeklammert, ebenso allerdings (und das darf schon eher verwundern) die Klassiker „Like Gods Of The Sun“ sowie „The Dreadful Hours“.

Ansonsten sind es schon die Rosinen, die man sich herausgepickt hat: Ob das grandiose „The Prize Of Beauty“ von „Songs Of Darkness, Words Of Light“ oder „My Body, A Funeral“ vom unterschätzten „For Lies I Sire“ – die Zuschauer sind glückselig, die Stimmung dank eines nun proppevollen Ladens intensiv, und als Aaron nach dem für MDB-Verhältnisse beinahe fröhlich tönenden „Thy Raven Wings“ ankündigt, dass es von nun an weniger Clean-Vocals geben würde (O-Ton: „For all of you who like it a bit rowdy, a bit nasty“), treibt dies den Stimmungsbarometer noch ein wenig höher. Eine fast schon vergessene Perle stellt außerdem „Erotic Literature“ vom 1992er Debüt „As The Flower Withers“ dar, das, so Stainthorpe, was für die ältesten der Anwesenden sei, also auch für die Leute auf der Bühne, sehe man einmal von Lena und Shaun ab.

Naturgemäß wird jedoch vor allem in den beiden größten „Hits“ der Band geschwelgt: Sofort, als Calvin Robertshaw das hypnotische Riff von „The Cry Of Mankind“ anspielt, wird lauthals gejubelt, und bei „She Is The Dark“ wird in puncto Headbangen noch mal einer draufgesetzt. Für die anschließenden Zugaben lassen sich die sterbenden Bräute nicht lange bitten, kurz stellt Aaron Rückkehrer Calvin vor, bevor es mit „Like A Perpetual Funeral“ weitergeht. Danach allerdings, stellt der Frontmann klar, gibt es wirklich nur noch einen Song zu hören, dafür sei dieser aber „fucking long“. Genial, dass das Publikum somit noch in den Genuss des fantastischen Zehn-Minuten-Epos „Symphonaire Infernus Et Spera Empyrium“ kommen darf, ebenfalls ein Frühwerk, das übrigens Empyrium zu ihrem Bandnamen inspirierte.

Ach, das war so was von großartig, dass man um kurz vor zehn und nach rund 100 Minuten Spielzeit kaum glauben kann, dass die Veranstaltung schon wieder vorbei ist. Ein sagenhaftes Konzert, mit unglaublicher Tightness und bei tollem Sound haben My Dying Bride hier ein Best-of-Feuerwerk à la bonne heure herausgehauen. Abgesehen vom Sänger kaum Bewegung auf der Bühne, nur wenige, distanziert wirkende Ansagen, keine sichtbare Spielfreude, sondern eher eine konzentrierte Performance – und doch eine Intensität, die nicht viele Bands zustande bekommen. Das war ganz großes Kino, wer soll das dieses Jahr bitte noch überbieten?  

Setlist:

Your River
From Darkest Skies
And My Father Left Forever
My Body, A Funeral
Feel The Misery
Thy Raven Wings
The Prize Of Beauty
Erotic Literature
To Shiver In Empty Halls
The Cry Of Mankind
She Is The Dark
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Like A Perpetual Funeral
Symphonaire Infernus Et Spera Empyrium

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