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Wildstyle & Tattoo-Messe 2010 (Bochum)

Ein Spektakel, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt
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Anlässlich der Reunion-Tour der legendären Wildstyle & Tattoo-Messe machte der Tourtross auch im Ruhrgebiet Halt, genauer gesagt im Bochumer RuhrCongress.

Doch weit gefehlt, wer annahm, dass dort lediglich Tattookünstler an ihren Ständen die Nadel zum Einsatz kommen ließen. Denn Jochen Auer, Produzent und Erfinder der Wildstyle & Tattoo Messe, verfolgt seit 1995 das Konzept, neben Ständen von Tattoo-Künstlern, Piercings, Verkaufsständen für Szene-Klamotten und Tattoo-Zubehör den Besuchern der Messe auch ein Show-Programm zu bieten, das sich sehen lassen kann, doch hierzu später mehr.

Zu mittäglicher Stunde kam unser Team am Bochumer RuhrCongress an und musste erstmal feststellen, dass der Besucherandrang an diesem verregneten Sonntagmittag durchaus noch ausbaufähig war. Nach dem Einlass vor Betreten der großen Halle vernahmen wir schon die Klänge, die für Tattoofans die Welt bedeuten: das Surren der Tätowiermaschinen. Also nichts wie rein in die Halle. Drinnen erwartete den Besucher eine nicht ganz mit Ständen ausgefüllte Halle. Man hatte zu diesem Zeitpunkt weiterhin durchaus noch die Chance, sich ein Tattoo stechen zu lassen, ohne dass man stundenlang auf einen Termin hätte warten müssen. Natürlich waren die Tattookünstler beschäftigt – und das war auch gut so, aber da die Veranstaltung zu dieser Zeit noch nicht überlaufen war, ergaben sich für den oder den ein oder anderen eine sehr willkommene Gelegenheit, den Körper weiter schmücken zu lassen. Im Laufe des Nachmittags sollte dies aber auch nicht mehr so bleiben. Im Zentrum der Halle befand sich der Bereich, wo man sich stärken oder einfach nur ein Bierchen heben konnte.

Sowohl einige im Pott ansässige Tätowierstudios als auch namhafte Tätowierer hatten ihre Stände aufgebaut, darunter unter anderem die Japaner Ishi Kaiichi, Hougen, Tattoo Master Hori Tsuna und Horimasa. Rapper Sido mit seinem Tattoo-Studio „Ich! Und meine Katze“ war ebenso vertreten wie Mäx und Gallo von Tattoos to the Mäx und auch Tom vom Freiburger Studio Silver Skull hatte sich sein Plätzchen gesichert.

Klamottentechnisch hätte man sich – von ganz jung bis alt - problemlos ein neues Outfit zulegen können, so groß war die Auswahl: Von Babystrampelanzügen mit frechen Sprüchen, Spitzendessous, Baggyhosen über Gothicröcke und Corsagen bis hin zu ziemlich witzig aufgemachten Gürteln wäre man schon mal eingekleidet gewesen und Fingerringe, Ketten oder speziellen Piercingschmuck rundeten das Angebot ab. Außerdem fand man auch noch einen Stand, an dem es Vinyl zu kaufen gab. Speziell für die weiblichen Besucher hatte man auch einen Nagelstyling-Stand aufgebaut, an dem man sich auch die Fingernägel aufhübschen lassen konnte.

Circus Of Rock

Nach dieser ersten Runde startete aber auch schon das Showprogramm, welches als Non-Stop-Variante angeboten wurde, welcher gegen Ende des Abends noch etwas Besonderes folgen sollte, aber dazu später mehr.

Man begab sich also vor die Bühne, denn das Showprogramm des „Circus Of Rock“ stand kurz bevor. Auf der Bühne standen einige große Fässer. Das Licht wurde gedimmt und dann betraten die Akteure die Bühne und starteten ihre Percussion-Show. Recht beeindruckend wurden dabei Songs beispielsweise von Nirvana in dem ureigenen Percussiongewand der Circus Of Rock-Künstler dargeboten – treibend und mitreißend. Nachdem die Jungs einige Zeit ihr Können dargeboten hatten (da fiel mir unterdessen auf: Schade, dass die nur recht sparsam tätowiert sind – wenn überhaupt), zog sich der Fokus auf zwei junge Herren, die mit freiem Oberkörper die Bühne betraten und – begleitet von den Trommlern – den nächsten Showact auf die Bretter liefern sollten. Die beiden zeigten ihre artistische Performance, die bei aller archaischer Kraft, die dieselbige vermittelte, trotzdem vor Eleganz und Ästhetik nur so strotzte. Als letzter Part des Circus Of Rock folgte ein Artist, der seine Performance lediglich an zwei Stoffbahnen zeigte, die von der Decke herunter gelassen worden waren. Momente, in denen einem der Atem stockte, waren inklusive, erstrecht, als er sich die Stoffbahnen zuerst kunstvoll um die Füße gewickelt hatte, nur um dann in halsbrecherischer Geschwindigkeit und kopfüber quasi wie bei einem Bungeesprung abzustürzen und dann Zentimeter über dem Boden zu stoppen. Eine in allen Belangen beeindruckende und atemberaubende Show. Da hatte der Moderator schon recht, als er nach dieser atemberaubenden Show meinte, dass dies der Teil vor allem für die Ladies unter den Besuchern gewesen sei.

Mit solch einer Performance hätte ich persönlich nicht gerechnet. Das war ganz großes Kino auf sehr hohem künstlerischen Niveau. Auch das Publikum zollte diese Vorstellung mit gehörigem Applaus.

Lack, Leder & Latex Performance

Auch die männlichen Messe-Besucher sollten natürlich auf ihre Kosten kommen, und so war es an der Zeit für die Mädels der Lack, Leder & Latex-Performance. Der Schmuse-Rocksong „When I Look Into Your Eyes“ von Firehouse schallte aus den Boxen, als die beiden Schönheiten in äußerst knappen Leder-Outfits die Bühne betraten und mit ihrer Show begannen. Die Choreo sah vor, dass die beiden zunächst voneinander äußerst angetan waren, doch dann kam Eifersucht der einen ins Spiel, als die andere männlichen Messebesuchern schöne Augen machte. Dann kam es zur Versöhnung, indem man sich einen Kerl aus dem Publikum krallte und dieser sich dann auf der Bühne auf einem Stuhl wiederfand und von den beiden betanzt wurde. So weit, so gut. Doch dann bekam er seine Augen zugehalten, damit er nicht sehen konnte, wie zwei weitere Damen, diesmal in Lack & Leder, dazu kamen. Haha, als man dann seinen Gesichtsausdruck sah, als er die Augen wieder öffnen durfte, konnte man unschwer erkennen, dass die Verwunderung nicht gespielt war.

Die Mädels zogen aber auch alle Register: Mit einer Kette wurde der Auserwählte am Sitz festgezurrt, schließlich kam eine Kerze zum Einsatz, die es ja gemeinhin so an sich haben, dass das heiße Wachs tropft. Tja, und wo tropfte das Wachs dann hin? In seinen Hosenbund.

Unterm Strich eine Show, wie sie sich jeder Mann gewünscht hat, auch wenn das Ganze als jugendfrei durchging, weil es kein Mindest-Eintrittsalter zu dieser Veranstaltung gab. Besonders das männliche Publikum war ganz aus dem Häuschen und der Applaus war den Damen im kleinen Schwarzen aber so was von sicher. Eine heiße Show (auch im wahrsten Sinne des Wortes).

Modern Primitives

Waren die bisherigen Programm-Punkte eher ästhetisch und/oder akrobatisch gelagert, so kamen wir nun zu dem Punkt, wo die zu bewundernden Eindrücke schon beim Zuschauen schmerzhaft werden sollten: Die Bühne gehörte fortan den Modern Primitives in Persona von John Kamikaze, dem „Prince of Pain“, und Lucky Diamond Rich, dem meist tätowierten Menschen der Welt (er steht mit diesem Rekord sogar im Guinness-Buch), doch zunächst zu dem Prinzen des Schmerzes:

Als der „Prince of Pain“ mit seiner Sonnenbrille, die er übrigens nie abnehmen sollte, in seinem Kimono und orientalisch anmutenden Pantoffeln langsamen Schrittes auf die Bühne kam, wirkte John irgendwie kauzig, wenn man nicht sogar über ihn schmunzeln konnte. Oder auch nur ein einziges Wort zu verlieren, legte er dann mit seiner Show los. Nägel assoziiert man im Zusammenhang mit einem Hammer im Allgemeinen eher mit Handwerker-Tätigkeiten. Nicht so jedoch bei dem Prinz des Schmerzes. Die Nägel klopfte er sich nämlich einen nach dem anderen in seine Nasenlöcher und dies im Übrigen so lange, bis es im Nasenloch keinen Platz mehr gab.

Wenn man so wie ich ein paar Behandlungen beim HNO-Arzt wegen einer Sinusitis hinter sich hat, bei denen einem die Nasennebenhöhlen punktiert und anschließend mit einem Antibiotikum durchgespült werden, wird es einem beim Anblick dieses Programm-Punktierens … äh, ich meine –Punktes sicher schon mal ganz anders. Zumindest schafft diese Showeinlage bei solchen Mitmenschen eine ganz besondere Assoziation. Nicht, dass ich dieses Empfinden unbedingt noch einmal durchleben möchte, fühlte ich mich doch in die Szene zurück versetzt, in der ich auf dem Stuhl saß und mein HNO-Doc mir in jedes Nasenloch eine solche Hohlnadel bis in die Nebenhöhlen stach und dann… ach, ich glaube, das lassen wir besser.

Desweiteren schluckte Mr. Kamikaze dann noch diverse Dinge: Zuerst einen normalen, dann einen ziemlich langen Löffel. Auch ein Kleiderbügel passte in zurecht gebogenem Zustand in seine Speiseröhre und was man nicht für möglich halten würde… oder bei dem Prince of Pain dann eher doch: Er schluckte zum krönenden Abschluss seines Showparts eine angeschaltete Neonröhre.

Im flotten Schottenröckchen betrat schließlich Lucky Diamond Rich die Bühne, um die Zuschauer mit seiner Show zu begeistern. Im Gegensatz zu seinem Kollegen John Kamikaze quatschte Lucky quasi wie ein Wasserfall mit dem Publikum. Hier jetzt alle seine Kommentare wiederzugeben, würde glatt den Rahmen sprengen. Es gab jedenfalls viel zu lachen für die Besucher der Messe, ob es nun die mangelhaften Englischkenntnisse eines Fotografen waren, der sich für bessere Fotos auf einen Stuhl gestellt hatte und diesen partout nicht hergeben wollte, weil Lucky diesen auf der Bühne benötigte, oder auch auf die Frage von Lucky an einen Zuschauer, den er auf die Bühne beorderte, damit dieser ihm sein schätzungsweise drei Meter hohes Einrad festhalten sollte: „Where are you from?“ „From here.“ „Ah, we're in his livingroom!“, was Lacher ohne Ende zur Folge hatte. Wirklich eine Kunst für sich war es, als Lucky dann jonglierte – zunächst mit Bällen, die dann jedoch teilweise gegen eine Machete und eine Motorsäge ausgetauscht wurden. Die Steigerung dessen erfolgte dann, als er einen Zuschauer auf die Bühne bat, damit dieser ihm sein schon erwähntes drei Meter hohes Einrad hielt. Nachdem Lucky dann in luftiger Höhe angekommen war („Don´t look under my skirt!“ warnte er das Publikum, was man dann wohl noch eher versuchte), ließ er sich vom Helfer aus dem Publikum eine Machete, einen Apfel und die Motorsäge nach oben werfen. Vor dem Wurf der Machete meinte er, dass er dies zuvor schon mal mit seinem Bruder geübt habe. Dieser sei nun seine Schwester.

Zu der Artistik sei zu sagen, dass es schon eine ganz besondere Herausforderung darstellt, sich auf einem so hohen Einrad zu halten und gleichzeitig mit solch unterschiedlichen Gegenständen zu jonglieren.

Den Apfel wollte Lucky dann während des Jonglierens auch noch Happen für Happen essen. Ein paar Mal ging dies gut, doch dann verfehlte er mit dem Apfel seine Futterluke. Womit dann also weiter jonglieren? Hm, mit lecker halb gegessenen Apfelstückcken, die er noch in seinem Mund hatte. Wer da ganz am Bühnenrand stand, hat womöglich auch das ein oder andere Andenken abbekommen – seine Aussprache war mit Apfelstücken im Mund doch etwas feucht.

Eine beeindruckende, artistisch und auch comedy-mäßig richtig geile Show, die ich so gar nicht erwartet hätte. Und dem Publikum hat es auch richtig gut gefallen, denn die Reaktionen waren mehr als zufriedenstellend. Es waren zwar nicht die Massen von Leuten da, aber die, die an diesem Sonntag diese Show miterleben durften, waren vollauf begeistert.

Bei dem großen Finale der Bühnenshow gegen Veranstaltungsende wurden die zuvor schon gezeigten Showeinlagen nochmals durch Verfeinerungen getoppt, wohingegen der Showpart des Circus of Rock sich größtenteils an den zuvor gezeigten Performances anlehnte. Doch das sollte noch gehörig getoppt werden: So gab es bei der Vorführung gar den Gehörnten auf der Bühne zu bestaunen, der – zuvor von zwei in knappes Lack und Leder verpackten Mädels auf die Bühne gezerrt - sich diesmal anstatt an den Stoffbahnen an langen, von der Decke hängenden Ketten eine dermaßen atemberaubende Performance hinlegte, als gäbe es das Wörtchen Schwerkraft nicht. Auch die Girls in Lack und Leder setzten in ihrer Performance noch mal ein Ausrufezeichen und sorgten sicher nicht nur bei dem aus dem Publikum auf die Bühne beorderten Zuschauer, sondern auch bei dem ein oder anderen männlichen Besucher im Publikum für schweißnasse Hände.

Der Part der Modern Primitives stand schließlich an. Was mit dem Auftritt des Prince of Pain als absoluter Höhepunkt nun passieren sollte, stellte an diesem Abend alles andere bisher Gesehene in den Schatten. Der Prince of Pain ließ sich piercen. „Na und? Was ist denn schon dabei?“ meint jetzt vielleicht der ein oder andere. Nun, er ließ sich von Lucky Diamond Rich zwei Haken in den Rücken piercen. Jepp, ihr lest richtig. Und just an diesen Haken ließ er sich dann aufhängen und meterhoch in die Höhe ziehen – unglaublich! Das Ganze zogt der Prince minutenlang durch, ehe er langsam wieder runter und abschließend vom Haken gelassen wurde.

Ein unglaublich eindrucksvoller Abschluss eines tollen Events, was man auch in den Gesichtern der – leider zu wenigen – anwesenden Besuchern unschwer erkennen konnte.

Die Wildstyle & Tattoo Messe 2010 hat, wenn auch leider zu wenig frequentiert besucht, bei denjenigen, die dem Spektakel beigewohnt haben, einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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