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The Wolf Of Wall Street

Review zum neuesten Scorsese-Film

Filmplakat und wohl Cover der kommenden DVD/Blu-ray von "The Wolf Of Wall Street"

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Jüngst auch in die deutschen Lichtspielhäuser gekommen ist Martin Scorseses neuer Streifen „The Wolf Of Wall Street“, der von den Kritikern in den USA alles in allem gesehen sehr positiv aufgenommen wurde und Leonardo DiCaprio nach „Gilbert Grape“ (1994), „Aviator“ (2005) und „Blood Diamond“ (2007) seine vierte Oscar-Nominierung einbrachte. Verdient hätte er es ja endlich mal, nachdem er in schöner Regelmäßigkeit eindrucksvoll bewiesen hat, dass er einer der vielseitigsten Schauspieler Hollywoods ist und es durchaus Gründe gibt, weswegen er außerdem auch einer der bestbezahlten ist. In TWOWS spielt er den Aktienhändler Jordan belfort, der sich in den Achtzigern und Neunzigern ein millionenschweres Vermögen ergaunerte, indem er und seine Firma im großen Stil Kunden finanziell ausnahmen wie Weihnachtsgänse. Mit dem Geld gönnte er sich einen extravaganten und exzessiven Lebenswandel, der vor allem durch Sex- und Drogeneskapaden gekennzeichnet war.

Letztere sind ausführlicher Bestandteil des immerhin drei Stunden langen Films, der auf Belforts gleichnamiger Autobiographie basiert, und dass dies kontroverse Reaktionen hervorrufen würde, war von vornherein klar (man werfe  nur mal einen Blick auf die Ein-Sterne-Rezensionen auf amazon.de – ja, es gibt dort tatsächlich bereits Reviews zu dem Film) – allerdings ist es doch amüsant zu beobachten, wie leicht es auch im 21. Jahrhundert ganz offensichtlich noch ist, die Leute mit solcherlei Dingen zu provozieren. Natürlich darf man sich die Frage stellen, ob es nötig war, diese Szenen in solch einem Ausmaß zu präsentieren (weswegen man über die FSK 16 streiten kann), selbst wenn der echte Jordan Belfort in seinem Buch (das ich persönlich allerdings nicht gelesen habe) dies so geschrieben haben mag. Dass Prominente, die eine Autobiographie schreiben, gerne zu Übertreibungen, Ausschmückungen und Selbstbeweihräucherung neigen, ist ja wahrlich nichts Neues.

Dennoch wäre es nicht fair, TWOWS lediglich auf jene Szenen zu reduzieren, dafür sind allein schon die schauspielerischen Leistungen zu überragend: Neben DiCaprio brilliert vor allem Jonah Hill als sein Geschäftspartner Donnie, der sich mit Recht wie auch Leo über eine Oscar-Nominierung freuen darf, und sehr schön auch der Auftritt von Altmeister Rob Reiner (Metalfans sicherlich noch bekannt als Macher des Kultstreifens „This Is Spinal Tap“, einem breiteren Publikum wohl vor allem ein Begriff als Regisseur des seinerzeit hochgelobten Militärthrillers „Eine Frage der Ehre“) als Belforts Vater Max.

Die vielen Obszönitäten, der ungehemmte Sex, der exzessive Drogenkonsum und überhaupt schon die Umgangsform miteinander (laut Wikipedia wird im Film nicht weniger als 569 Mal (!) das Wort „fuck“ verwendet) haben gleichzeitig etwas Faszinierendes und Abstoßendes. Das zeigt sich bereits an der Person Jordan Belfort: Leonardo DiCaprio spielt hier ein richtiges Ekelpaket, dem jedes Mittel recht ist, die ganz große Kohle zu scheffeln. Dennoch muss sich jeder fragen, ob er nicht klammheimlich davon träumt, selbst so zu sein: Er hat eine wunderschöne Frau, viel Geld, tolle Autos, ein großes Haus, ordentlich Drogen etc. Dass er sich am Ende dennoch alles zerstört – nicht zuletzt wegen der Drogen – ist nur die logische Konsequenz seines Handelns.

Ob der tatsächliche Belfort daraus gelernt hat, darf trotzdem bezweifelt werden, wo er doch immer noch viel Geld durch Motivationstraining und Seminare verdient und den Opfern wohl nur einen Bruchteil dessen, worum er sie betrogen hat, zurückgezahlt hat. Insofern wäre es vielleicht keine schlechte Idee gewesen, auch mal das eine oder andere Opfer zu zeigen, dessen Leben Belfort und seine Mischpoke zerstört haben. Dadurch hätte der Film klarer Partei ergriffen, doch dass man nicht für den Protagonisten sein kann, dürfte ohnehin klar sein. Zu narzisstisch, egozentrisch, arrogant, misogyn und ordinär gibt sich der Aktienhändler.

Grundsätzlich wertet der Film jedoch nicht, sondern wird vielmehr „neutral“ aus der Sicht der Broker geschildert. Keine Ahnung, wie exzessiv es tatsächlich zugegangen ist, doch die Szenen, über die sich so mancher vehement echauffiert, mögen übertrieben sein und teilweise arg obszön (Beispiel: Donnie holt sich bei einer Poolparty vor allen Leuten einen runter oder pinkelt im Büro in einen Mülleimer), doch hat das Ganze einen sehr zynischen, satirischen Unterton. Man hat viel zu lachen (allein die Szene, in der Max Belfort sich aufregt, als es jemand wagt, bei ihm abends anzurufen, ist zum Wegschmeißen), teilweise auch an Stellen, die eigentlich nicht zum Lachen sind. Mit anderen Worten: Bitterböse! So beispielsweise die Sequenz, als Belfort im Drogenrausch versucht, in sein Auto zu gelangen, aber durch die Wirkung des Stoffs weder in der Lage ist, sich vernünftig zu artikulieren noch überhaupt zu laufen. Das ist urkomisch anzusehen (und sofort kommt einem „Fear And Loathing In Las Vegas“ in den Sinn), eigentlich aber natürlich erschreckend und denkwürdig.

So auch das Frauenbild: Außer den beiden Ehefrauen, die Belfort in seinem Leben hat (seine erste, Teresa, wird dargestellt von Cristin Milioti, der Mutter aus „How I Met Your Mother“, die zweite, Naomi, von der jungen Australierin Margot Robbie), sind fast alle nur als willige Lustobjekte dargestellt. Das mag sich ekelhaft anhören und es ist zugegebenermaßen schon auffällig, dass komplett nackt immer nur Frauen zu sehen sind, doch meine ich, man sollte das nicht überbewerten. Letztlich wird nur gezeigt, dass sie für die Männer in der patriarchischen, dekadenten Börsenwelt eben nichts anderes als Lustobjekte sind – woraus jeder selbst seine Schlüsse ziehen kann. Von einem Bild zu sprechen, das Frauen grundsätzlich abwertet und das in diesem Film vermittelt würde, scheint mir jedenfalls dann doch ziemlich weit hergeholt. Und ein zweites „Caligula“ liegt nun auch nicht gleich vor.

Insgesamt ist „The Wolf Of Wall Street“ für meine Begriffe sehr gute Unterhaltung mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen. Trotz satirischen Untertons kommt so etwas wie eine Message dabei nicht unbedingt herum, dazu hätte man wie erwähnt vielleicht auch die Rolle der Opfer zeigen müssen. Doch ob Message oder nicht: Jeder, der den Film ansieht und dabei sein Gehirn eingeschaltet lässt, kann den Lebenswandel dieses Mannes nicht als erstrebenswert ansehen und die betrügerischen, schmierigen Broker nur verachten. Gerade die streckenweise Überzogenheit sollte klar machen, dass es wohl Scorseses Absicht war, das Ganze als Satire anzulegen – remember: es darf viel gelacht werden.

Daten:

Titel: The Wolf Of Wall Street
Produktionsland: USA
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 179 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Terence Winter
Produktion: Riza Aziz, Leonardo DiCaprio, Joey McFarland, Martin Scorsese, Emma Tillinger Koskoff
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Thelma Schoonmaker

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Bernthal, Cristin Milioti u.a.

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