Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Lemmy Kilmister: White Line Fever – The Autobiography

Nicht nur für Motörhead-Fans empfehlenswert

Einen passenderen Titel hätte Lemmy für seine Autobiographie kaum wählen können

Zum Thema

Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister bedarf wohl kaum näherer Vorstellung. Nicht nur innerhalb der Metalszene ist der Motörhead-Frontmann bekannt wie ein bunter Hund, wird er doch als jemand geschätzt, der den Rock’n’Roll-Lifestyle verkörpert wie kein Zweiter, dabei allerdings anscheinend weniger Gehirnzellen eingebüßt hat als so mancher Kollege – beziehungsweise trotz exzessiven Konsums von Jack Daniels, Speed, LSD, Amphetaminen und allen möglichen sonstigen legalen und illegalen bewusstseinsverändernden Substanzen immer noch am Leben ist. Medizinisch gesehen müsste der Bassist und Sänger wohl eigentlich schon tot sein, doch erfreut er sich glücklicherweise immer noch bester Gesundheit und hat immer noch mehr zu sagen als die meisten anderen.

Da es seit inzwischen etlichen Jahren in Musikerkreisen ohnehin Mode zu sein scheint, sein Leben zu Papier zu bringen, war es naheliegend, dass auch Mr. Kilmister seine Memoiren niederschreiben würde (das Buch erschien allerdings schon 2003, sei an dieser Stelle hinzugefügt) – gerade wo er doch selbst ein Bücherwurm ist, der alles liest, was er zwischen die nikotinverfärbten Finger bekommen kann. Aus diesem Grund mutet es auch nicht seltsam an, dass er „White Line Fever“ fast im Alleingang verfasst hat und sich nur zum Redigieren die Journalistin Janiss Garza ins Boot holte, die bereits für einige Musikmagazine geschrieben hat.

Auch wenn man um das wilde Leben des Herrn K. weiß, erwartet man von diesem gebildeten und intelligenten Mann doch ein wenig mehr als nur die Infos, wann er welche und wie viele Drogen genommen, wann er mit welcher Frau geschlafen oder mit wem er wann und wo auf Sauftour gegangen ist und Hotelzimmer zerlegt hat. Da könnte man schließlich auch gleich zu „The Dirt“ von Mötley Crüe greifen. Natürlich ist das Buch voll von diesen Anekdoten und manches wirkt schon arg skurril – so beispielsweise die Episode, als Lemmy und ein paar Kumpels eine völlig überzogene Menge an Pillen eingeschmissen haben, anschließend in einem Krankenhaus aufwachen, wo er schon mal Flashbacks der Marke „Ich lese ein Buch, bin auf Seite 42 und merke plötzlich, dass ich gar kein Buch in der Hand halte“ erlebt –, aber es wird nicht bis zum Geht-nicht-mehr ausgewalzt.

So auch mit den Frauen: Man schätzt ja, dass er so um die 1200 beglücken durfte, dennoch kommt nie das Gefühl auf, er würde die Repräsentantinnen des schönen Geschlechts nur als reine Sexobjekte betrachten, sondern vielmehr verehren; sämtliche erwähnte Partnerinnen kommen jedenfalls gut weg. Und die mögliche Traumfrau seines Lebens hat er außerdem getroffen: Susan Bennett, die allerdings mit nur 19 Jahren an einer Überdosis Heroin verstarb und der Lemmy das Buch auch widmete. „She might have been the one“, heißt es, „might“, weil Susan eben zu jung starb, als dass es sich durch eine längerfristige Beziehung wirklich hätte zeigen können.

Im Prinzip geht der Motörhead-Chef ganz simpel chronologisch vor, streift seine Kindheit und erzählt dann seine Karriere von den Rocking Vicars über Hawkwind bis hin zu Motörhead. Literarisch dürfen natürlich keine Wunderdinge erwartet werden. Das Ganze ist einfach gehalten und lässt sich leicht lesen – im Prinzip so geschrieben wie Lemmy auch redet. Was wiederum bedeutet, dass ein Großteil der Geschichte furztrocken rüberkommt und mit dem für Lemmy typischen bissigen, schwarzen Humor angereichert ist – reichlich F-Wörter inklusive versteht sich. Dies sorgt zumindest für viel Unterhaltung und den einen oder anderen Lacher.

Alte Bandkollegen wie „Fast“ Eddie Clarke, Brian „Robbo“ Robertson oder Michael „Würzel“ Burston kommen nicht immer gut weg, natürlich vor allem dann, wenn es jeweils um die Trennung von Motörhead geht. Aber Lemmy hat im Gegensatz zu manch anderen, die wildeste Schlammschlachten in der Presse zelebrieren, wo es manchmal richtig widerlich wird (siehe jetzt zuletzt Queensrÿche), den Anstand, nicht gemein zu werden oder unnötig hart nachzutreten. Außerdem können die Musiker noch froh sein: wer permanent sein Fett weg bekommt, sind in erster Linie die Plattenfirmen und deren Mitarbeiter. Wie sehr der Engländer diese Institutionen verabscheut, dürfte bekannt sein, doch in „White Line Fever“ wird er nicht müde, sie immer wieder als „Bastarde“, „Motherfucker“ und ähnliches zu bezeichnen. Und gleichwohl manches ungeheuerlich sein mag, was sich einige Labels, bei denen Motörhead untergekommen waren, erlaubt haben, darf man sich schon fragen, ob es nötig ist, diese Leute auf jeder zweiten Seite zu beschimpfen. Ebenso die Tatsache, dass er immer wieder erwähnt, die Sechziger und Siebziger seien die beste Zeit gewesen. Das glaube ich ihm gerne und werde durchaus ein bisschen neidisch, diese Epoche nicht miterlebt haben zu können, aber ein wenig neigt er dann doch dazu, diese Zeit so zu glorifizieren, als sei dort alles toll gewesen und heute sei alles scheiße – dabei hat jede Zeit, die Sechziger und Siebziger eingeschlossen, auch ihre negativen Seiten.

Mit anderen Worten: Lemmy wiederholt sich das eine oder andere Mal und das etwas zu häufig. Insgesamt hätte er hier sparen und über andere Dinge etwas differenzierter sprechen können – das, was allgemein unbekannter ist, wie seine Kindheit und Jugendzeit, hätte beispielsweise ausführlicher zu Wort kommen können. Auch das jetzige Motörhead-Line-up – in dieser Form nun auch bereits seit zwanzig Jahren beständig – hätte etwas mehr Erwähnung verdient gehabt. Dennoch ist „White Line Fever“ eine sehr unterhaltsame und kurzweilige Lektüre, bei der man sich sowohl über die bizarren Zeitgenossen, denen Kilmister in seinem Leben begegnet ist, als auch über Selbstironie, diverse Sprüche und obskure Situationen teils köstlich amüsieren kann. Wer einigermaßen Englisch kann, sollte wohl zum Original greifen, denn zumindest wenn man so manchem Rezensenten auf amazon.de glauben darf, ist die Übersetzung wieder einmal nahe an einer Katastrophe. Nicht nur für Motörhead-Fans empfehlenswert!

Titel: White Line Fever
Autor: Lemmy Kilmister with Janiss Garza
Erschienen: 2003 (deutsche Ausgabe: 2006)
Verlag: Simon & Schuster UK (deutsche Ausgabe: Heyne)
Umfang: 320 Seiten (deutsche Ausgabe: 336 Seiten)
ISBN: 978-0671033316 (deutsche Ausgabe: 978-3453675254)

comments powered by Disqus