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John Niven: Gott bewahre

Brüllend komischer Roman des schottischen Skandalautors

Bitterböse Religionssatire: "Gott bewahre".

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Vor ein paar Jahren bekam ich durch einen Freund John Nivens Roman „Kill Your Friends“ in die Finger, ein Buch, in dem ein zynischer, arroganter und dekadenter A&R-Manager die Hauptrolle innehat. Brillanter Stoff, gleichzeitig rasend komisch und erschreckend – dieser schonungslose Blick hinter die Kulissen des knallharten Musikgeschäfts ist zwar mit Absicht überzeichnet worden, mehr als nur ein Körnchen Wahrheit dürfte trotzdem darin stecken, weiß der Autor doch genau, wovon er spricht, da er selbst einmal diese Tätigkeit verfolgte. Damals ließ er sich übrigens die später äußerst erfolgreichen Coldplay durch die Lappen gehen, als Begründung gab er an, die Band sei „Radiohead für Trottel“ (womit er ja streng genommen auch nicht ganz Unrecht hat).

2011 erschien der Roman „Gott bewahre“ (im Original „The Second Coming“), der ebenso wie das 2005er Buch „Kill Your Friends“ sehr erfolgreich wurde, den er jedoch auf Druck seines Verlags entschärfte – etwas, das der Schotte mit Sicherheit nur sehr widerwillig tat. Dennoch sollte jeder, der nicht gerade der ultrareligiösen Fraktion angehört, einen Heidenspaß beim Frönen dieser Lektüre haben. Die Grundidee: Gott war für eine Woche im Urlaub und als Er wiederkehrt, muss Er entdecken, dass auf der Erde wirklich alles schief läuft und gerade die religiösen Institutionen so ziemlich genau das Gegenteil davon tun, was Er sich von der Menschheit erhofft hat. Es sei hinzugefügt, dass ein Tag im Himmel ungefähr 57 Jahren auf der Erde entspricht.

Schon der erste Teil des Buches, der im Himmel spielt, ist dermaßen witzig, dass man aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommt. Ob entschärft oder nicht: Religiöse Fanatiker bekommen in jedem Fall ordentlich ihr Fett weg – so heißt es zum Beispiel „Gott liebt Schwuchteln“ (tatsächlich umgibt sich Gott in „Gott bewahre“ gerne mit Homosexuellen) – natürlich eine Anspielung auf unsägliche Hassprediger seitens der Tea-Party-Bewegung, die mit dem widerwärtigen Slogan „God hates faggots“ hausieren gehen.

Als der Herr sieht, in welchem Zustand sich Seine Kinder befinden, zitiert Er umgehend seinen Sohn Jesus Christus herbei, der am liebsten mit Jimi Hendrix abhängt, Gitarre spielt und dicke Tüten qualmt – wie übrigens ein Großteil der Himmlischen Schar, die sich ansonsten auch gerne einen guten Schluck Whiskey gönnen und fluchen wie die Berserker. Jesus wird jedenfalls zu Beginn des 21. Jahrhunderts zurück auf die Erde geschickt und ist erneut – wie vor 2000 Jahren – Anfang 30. Allerdings betätigt er sich nicht als Wanderprediger, sondern spielt mit zwei Kumpels in einem Alternative-Rock-Trio, das zwar Talent, jedoch keinen Erfolg hat.

Auch wenn ihm seine Freunde – neben seinen beiden Mitmusikern noch ein paar Alkoholiker, Obdachlose und Ex-Junkies, also im Prinzip wie vor 2000 Jahren kolportiert die Ärmsten der Armen – nicht glauben, dass er tatsächlich der Sohn Gottes ist, sondern ihn in dieser Hinsicht für ein bisschen durchgeknallt halten, überreden sie ihn aufgrund seines gütigen Wesens, seiner Hilfsbereitschaft und seines Charismas dazu, bei einer erfolgreichen amerikanischen Castingshow mitzumachen, denn wäre er erst berühmt, ließe sich seine Botschaft viel einfacher vermitteln und die Chancen, den Wettbewerb zu gewinnen, sehen sie als durchaus hoch an, da „JC“, wie er auch oft genannt wird, mit einer sensationellen Stimme und großartigen Fähigkeiten als Gitarrist gesegnet ist.

Bei der Castingshow tritt außerdem ein alter Bekannter auf den Plan: Steven Stelfox, der Protagonist aus „Kill Your Friends“ hat seinen zweiten Auftritt als Jurymitglied und verspritzt wieder jede Menge Gift, wobei er nach außen in den Medien natürlich stets den freundlichen, besonnenen Juror mimt, der nur das Beste für die Musiker will und ihnen nur gute Ratschläge mit auf den Weg geben möchte.

Kaum nötig zu erwähnen, dass das Ganze eine ziemliche Eigendynamik entwickelt und unerwartete Wendungen nimmt. Dabei werden vor allem religiöse Fanatiker angepisst, die Doppelmoral des American Way of Life angeprangert und der Musikindustrie gnadenlos der Spiegel vorgehalten. Urkomisch und doch zum Nachdenken anregend – dieser Spagat gelingt John Niven auch in „Gott bewahre“ wieder bestens. Natürlich schadet es nicht, wenn man ein wenigstens ansatzweise ähnliches Weltbild wie der Schriftsteller hat, denn dann kommen die Momente, in denen man denkt, „Ja Mann, genauso ist es!“ von ganz alleine. Auch mit derber Ausdrucksweise sollte man keine Probleme haben, doch sei hinzugefügt, dass in der deutschen Version offensichtlich viel Wert auf eine möglichst exakte Übersetzung gelegt wurde – und in der englischen Umgangssprache herrscht nun mal im Allgemeinen ein deftigerer Ton vor.

Man muss auch kein Atheist sein, um das Buch witzig zu finden (Niven ist übrigens selbst überzeugter Atheist), sondern das Buch schlichtweg als beißende und nötige Gesellschaftskritik sehen. Eins steht jedenfalls fest: John Nivens Jesus kommt der Originalvorstellung von einem bescheidenen, gütigen und gerechten Mann mit Sicherheit näher als es sämtliche kirchlichen Darstellungen tun. Doch dass die Kirche längst vergessen hat, aus welcher Ecke ihr Messias kam und wie er gelebt hat, ist anhand der Protzigkeit, der völlig überholten Moralvorstellungen und der Selbstgefälligkeit des Klerus ja leider nichts Neues. Trotzdem: Unbedingt lesen und abfeiern!

Originaltitel: The Second Coming
Autor: John Niven
Umfang: 400 Seiten (Taschenbuch deutsche Version)
Verlag: Heyne Verlag
ISBN-10: 3453676335
ISBN-13: 978-3453676336

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