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Disbelief Listening-Session „The Symbol Of Death“ (Februar 2017)

Die Essenz ist die Musik

Artwork der neuen Platte "The Symbol Of Life"

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Warten musste man schon lange als Disbelief-Fan, warten müssen auch wir vor den Studiotoren, die zwar mit einem schönen Papier und der „Disbelief-Listening“-Botschaft gekennzeichnet, aber eben auch verschlossen sind. Tatort Essen, in der Nähe vom Hauptbahnhof, „The Symbol Of Death“ lockt mit ersten metallischen Duftstoffen in den Proberaum von Onkel Tom und Eat My Body, der gleichzeitig auch Aufnahmestudio von Ramabado Recordings ist. Schnell eines der ersten Getränke gekrallt, einen guten Sitzplatz mit optimaler Ausrichtung der Boxen belegt, nur um dann doch mit der einen oder anderen Fachsimpelei über Musik oder den Rattenpark- und Drogenumschlagplatz in Essen die Zeit verstreichen zu lassen, so ganz nebenbei die andere Journaille beschnuppernd. Man kennt sich, zumindest teilweise, das Verhältnis ist locker gelöst und zum Teil auch sehr freundschaftlich, was gegen Ende des Abends Gitarrist Alexander Hagenauer, der kurzerhand auch mal schon das neue Booklet für die neue Soul Demise-Scheibe auf dem Handy vorstellt, schon ein bisschen verwundert – da scheint die Presseluft in Süddeutschland ein bisschen dünnhäutiger zu sein.

Gut eineinhalb Stunden später wird es dann aber doch Zeit für den Grund des Abends: „The Symbol Of Death“. Jagger und der Rest der Band ist endlich nach einer Autoreisen-Odyssee über Köln – mitten im Berufsverkehr – in Essen angekommen, die letzten Einkäufe sind erledigt. Das Coverartwork wird dann gleich mal im größeren Format an die Wand gepinnt und bildet zwei Personen ab, die sich auf der einen Seite fast schon segnen und auf der anderen Seite gegenseitig die Klinge in den Rücken pfeffern – ein Sinnbild der heutigen Zeit, ein gemaltes Oxymoron. Der Tonträger selbst bringt es auf gute 64 Minuten und wird es neben der CD-Version auch als Doppel-Vinyl zu den Fans schaffen – zum Glück hat sich das neue Label Listenable Records das Ganze noch einmal überlegt und bringt das Dingen nicht als einfaches Vinyl heraus (falls das technisch überhaupt machbar ist).

Deutlich wird, wie gut, geradezu gelöst doch die Stimmung ist, und auch wenn immer ein Hauch von nervöser Anspannung vorhanden sein sollte, so ist davon in der lockeren Atmosphäre nichts zu spüren. „Wird noch besser“, so Jagger nach den ersten beiden Happen, worauf sich schon einige fragen, wie denn der Trupp das noch besser angehen lassen will. Was aber auffällt, ist das neue Verständnis im Bandfeeling, denn Jagger lässt auch mal wie beiläufig fallen, wie wertvoll doch die neue Konstellation ist und er doch sehr hoffe, dass nun endlich Schluss mit den Mitgliederwechseln ist. Dass man ihm das durchaus abnehmen darf, liegt auch daran, dass er gerade beim Thema letztes Label Massacre Records kein Blatt vor dem Mund nimmt und das mit markigen Worten unterstreicht.

Die Verköstigung selbst bringt schnell den immer wieder drückenden guten Sound zu Tage – da hat doch Knöpfchendreher Rambado-Corny einmal mehr klasse Arbeit geleistet. Nun ja, nicht umsonst knallt ja auch die neue Sodom-Scheiblette „Decision Day“ wie sonst kaum was und wird nahezu überall auch deswegen gelobt.

Nun aber zum kompletten Album, Track by Track, wobei eine endgültige Beurteilung nach einmaligem Hören nur oberflächlich sein kann:

„Full Of Terrors“ – „muss man bei diesem Titel noch mehr sagen?“, so ein sichtbar gut gelaunter Jagger; eigentlich sollte diese Nummer ja als Titeltrack herhalten und war auch lange als Arbeitstitel dafür im Rennen; ein gewohnt fetter Stampfer, der unglaublich intensiv und brutal rollt; aufwühlend, brodelnd und trotz der derben Vocals immer verständlich; gerade vor dem Refrain wuchten sie mit fettem Punch; zackiges Ende.

„The Unsuspecting One“ – Schuster, bleib bei deinen Leisten, so könnte man auch hier sagen; vielleicht eine Spur eingängiger als noch der Opener, aber auch hier rollen die Riffattacken wie eine breite undurchdringliche, massive Wand, Neudrummer Fab setzt mit der Doublebass sehr geschickt stark drückende Akzente; der Song handelt von der Faszination der Begierde, jemanden zu missbrauchen – harter Stoff; beim Klargesang könnte man fast meinen, Disbelief setzten auf einen Gastsänger, aber auch auf früheren Scheiben hatte Jagger stimmlich gut variabel agiert

„The Symbol Of Death“ – deutlich schleppender, aber nicht minder intensiver als zuvor; hat „etwas bekämpfen, was unmöglich scheint“ zum Thema; „man erweckt die Toten, nur um dann gegen sie kämpfen zu müssen“; von „Game Of Thrones“ inspiriert; schön mit einem „der Mensch nimmt sich zu wichtig“ garniert

„Embrace The Blaze“ – einer von Jaggers Favoriten; tolle Tempoverschärfung von brutal schleppend zu zackig aggressiv; die Leadgitarre sägt gleich an allen Nervenkostümen; „Anti-Kontrolle-Song“, so Jagger; mit nachdrücklich überzeugendem Riff auf Höhe von „to face the fear...“; der vom Bass dominierte Part löst sich in einem endgeilen, leicht melancholischen Solo auf, welches bis zum Ende auf sich aufmerksam macht

„To Defy Control“ – mächtig, böse, nicht gleich der volle Schlag in den Unterleib, sondern sich immer mehr subtil durchsetzend; mächtige Basslinien und ein leicht zögerliches, etwas zurückhaltendes Gitarrensolo, welches aber dadurch deutlich mehr an Faszination gewinnt; morbides Doublebass-Gewummer bis zum Solo, aber auch mit einem ruhigen Instrumentalabschnitt garniert

„Rest In Peace“ – der wohl bisher persönlichste Song von Jagger, seinem verstorbenen Vater gewidmet; fast schon hymnisches Bläserintro; abwechslungsreich wie die „Facetten des Lebens“; spannungsgeladener Aufbau mit aggressiv schneller Erlösung; übergangslose Tempoveränderungen; Emotionen gut transportiert

„Evil Ghosts“ – Lyrics dieses Mal von Bassist Jochen „Joe“ Trunk; an der Thematik von Jagger angepasst nach dem Motto: „Die Geister, die ich rief“; es dreht sich um Fehler in der Vergangenheit und wie sie einen wieder einholen; direkter Einstieg ohne Schnickschnack, sofort auf die Kauleiste; Jagger phrasiert die Lyrics auch anders als gewohnt

„One By One“ – dem österreichischen Nazi-Jäger Simon Wiesenthal, der 2005 in Wien verstarb und zuvor den Holocaust überlebte, gewidmet; schleppender, verzögernder, aber auch fragend anklagender Beginn; ein Statement gegen das Vergessen, ein Aufmerksam machen bei „alle wussten Bescheid“; volle Wucht durch ungezügelte Doublebass-Power

„Nothing To Heal“ – Text dreht sich um diejenigen, die nicht mehr therapierbar sind und die Frage, was man mit solchen Menschen machen soll; auch hier wieder schwer rollend, das Riffing scheint ein bisschen moderner zu sein; beim ausfadenden Ende bleibt auch Ratlosigkeit zurück

„The Circle“ – auch hier wieder von „Game Of Thrones“ inspiriert; fetter Groove, alles zermalmende Riffwände und zackige Erutionen sowie teilweise hypnotische Übergänge lassen auch hier einen typischen Disbelief-Hammer erwarten

„Into Glory Ride“ – hat natürlich nichts mit Moneywar zu tun; fies groovender Headbanger; auf allen Ebenen einfach nur intensiv mit leichter Endzeitstimmung

„Shattered“ – erneut aus der lyrischen Trunk-Feder; musikalisch wie eine Zusammenfassung von allen Disbelief-Facetten; die Essenz ist die Musik; die Matrix, die Blaupause sozusagen; Jagger fasst auch hier zusammen, dass man hier auch hört, dass eine Band spielt; potentieller Kandidat, um in Zukunft die Liveshows auch stilecht ausklingen zu lassen; lässig und rotzig, sphärisch und doch ein Tritt in die Klötze

„Anthem For The Doomed“ – Outro

Applaus bei einer Listening-Session – na, das ist ja mal etwas Neues, an diesem Abend aber auch stimmig. Schön, dass anschließend noch genug Zeit für Bier, Fachsimpelei und auch das eine oder andere Foto ist. Ein entspannter Abend, eine lockere Disbelief-Truppe und mit „The Symbol Of Death“ ein mächtiges Album. Keine Panik, am 21. April 2017 ist es ja soweit...

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„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“