Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Yes: In The Present - Live From Lyon

Kann man haben, ist aber kein Pflichtkauf
keine Wertung
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 133:23
Release: 02.12.2011
Label: Frontiers Records/Soulfood

Dass Jon Anderson, Original-Sänger der Hippie-Progger von Yes, eine außergewöhnliche Stimme besitzt, die man stets heraushören kann, dürfte wohl jeder bestätigen, der ihn auch nur einmal hat singen hören – sein Falsett-Stil ist einfach unverkennbar. Umso erstaunlicher, dass die legendäre Band, nachdem Anderson 2008 aus gesundheitlichen Gründen seinen Ausstieg bekanntgeben musste, mit dem Kanadier Benoît David, der zuvor in einer Yes-Coverband mit dem Namen Close To The Edge aktiv war, einen Ersatz gefunden hat, der dem eigentlich einzigartigen Organ Andersons so ähnlich ist, dass man es kaum glauben kann.

Davon überzeugen – falls nicht schon mittels der im Juni erschienenen neuen Langrille „Fly From Here“, dem ersten Yes-Studioalbum seit zehn Jahren, geschehen – kann sich nun jeder anhand des vorliegenden Live-Doppeldeckers „In The Present – Live From Lyon“, der ein 2009 in Frankreichs drittgrößter Stadt aufgezeichnetes Konzert beinhaltet, überzeugen. Es gibt weiß Gott schon unzählige Live-Dokumente von dieser Formation, doch „Live From Lyon“ gehört zumindest klanglich, das lässt sich schon nach den ersten wenigen Takten des Openers „Siberian Khatru“ konstatieren, zu den besten. Die Instrumente sind sehr differenziert abgemischt, der Gesamtsound ist transparent und das Publikum zwischendurch ebenfalls sehr gut zu hören, wodurch die Live-Atmosphäre wenigstens einigermaßen erhalten bleibt. Diese bleibt ansonsten nämlich leider ein wenig auf die Strecke, da über die gesamte Distanz von knapp 140 Minuten nicht eine einzige Ansage zu hören ist. Und weil ich nicht annehme, dass David diese ganze Zeit nicht ein Wort an die Zuschauer gerichtet hat, schätze ich mal, dass die Ansagen herausgeschnitten wurden – derlei Maßnahmen werde ich wohl nie nachvollziehen können, so was ist schließlich ein wichtiger Bestandteil von Konzertaufnahmen (jedenfalls, wenn man nicht gerade bei The Devil’s Blood spielt).

Dafür aber kann sich die Setlist sehen lassen: Ein bunter Mix aus über 40 Jahren Bandgeschichte, bei dem sogar zwei Songs aus dem sträflich unterschätzten „Drama“-Album zum Zuge kommen, das während der Anderson-Ära stets ausgeklammert wurde, da er dort damals nicht mitwirkte (die Vocals übernahm stattdessen Produzent Trevor Horn). Ärgerlicherweise kann jedoch besonders die Performance von „Tempus Fugit“ nicht wirklich überzeugen. Der Track ist dermaßen lahmarschig dargeboten – sind die Herren doch so alt geworden, dass sie den Song nicht mehr im angemessenen Tempo spielen können? 

Ansonsten kommen mit „I’ve Seen All Good People“, „Heart Of The Sunrise“, „Starship Trooper“, „Roundabout“, „Yours Is No Disgrace“ oder „And You And I“ jede Menge (meist überlange) Klassiker zum Zuge, wobei natürlich trotzdem einige meckern werden, dass beispielsweise die Übernummer „Close To The Edge“ oder auch „Going For The One“ nicht berücksichtigt wurden, aber darüber kann man immer streiten, jedem kann es eh nicht recht gemacht werden. Es gilt das alte Lied: Eine Band, die es schon so lange gibt und die so viel Unsterbliches veröffentlicht hat, hat bei der Zusammenstellung ihrer Setlist eben die Qual der Wahl, ein Luxusproblem. Ich persönlich hätte zum Beispiel auch auf „Owner Of A Lonely Heart“ verzichten können, das, vorsichtig ausgedrückt, nun wirklich kein Highlight der Yesstory darstellt, aber wegen seines Bekanntheitsgrades nun mal ständig gespielt wird. So wie bei Genesis, die wie Yes zu ihrer „90125“-Phase ja ebenfalls irgendwann zur Pop-Combo mutierten, und immer wieder „Invisible Touch“ oder „Land Of Confusion“ zocken müssen.

Insgesamt betrachtet handelt es sich bei dieser Doppelscheibe (auch als Digipack mit DVD erhältlich, in der Promoversion liegen aber nur die Audiotracks vor) um eine zwiespältige Angelegenheit. Es ist sicher ganz nett, auch ein Live-Dokument mit Benoît David vorliegen zu haben und auch der Sound ist wie erwähnt wirklich exquisit, doch das Hauptproblem ist, dass der Funke meist nicht so richtig überspringen will. Alan White trommelt souverän (bei „Astral Traveller“ darf er außerdem ein Solo darbieten), Chris Squire (das einzige Mitglied, das bei jeder Yes-Veröffentlichung dabei war) haut wie gewohnt seine markanten Basslines in die Massen, und Rick Wakemans Sohn Oliver, der die Tasteninstrumente bedient, überzeugt ebenfalls weitestgehend, doch Magie will nicht recht aufkommen. So kann Steve Howes Performance überhaupt nicht mitreißen, hin und wieder wirkt sein Spiel seltsam fahrig und unkonzentriert (dennoch ist das, was er abliefert, technisch im Vergleich zu anderen Kollegen natürlich trotzdem noch die Oberliga und das Akustiksolo „Corkscrew“ besitzt das Prädikat hörenswert) und Benoît David hat das Problem, dass er zwar prinzipiell tadellos singt und es schon irgendwie cool ist, dass die alternden Herren jemanden gefunden haben, dessen Stimme der von Jon Anderson so ähnlich ist, aber man hat gerade deswegen eben immer wieder Jon Anderson vor Augen. Mit anderen Worten: Er ist letztlich eben nur ein technisch hervorragender Abklatsch des langjährigen Frontmannes der britischen Prog-Institution. Daher lautet das schwammige Fazit: Man kann sich das Teil besorgen, das Geld ist damit bestimmt nicht zum Fenster hinausgeworfen, aber man muss es nicht unbedingt haben.

comments powered by Disqus