Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

:Wumpscut:: Body Census

Frische Impulse
Wertung: 9.5/10
Genre: Endzeit-Electro / EBM
Spielzeit: 47:26
Release: 30.03.2007
Label: Beton Kopf Media

Also, wenn man Rudy Ratzinger eines definitiv nicht vorwerfen kann, dann ist dies mangelnde Disziplin und Pünktlichkeit. Denn wie nahezu in jedem neuen Jahr steht das Frühjahr im Zeichen neuer Ausgeburten aus den tiefen Verliesen des Landshuter Electro-Künstlers. So auch in diesem Jahr...

“Body Census“ nennt sich der aktuelle Spross, der genau ein Jahr nach dem gelungenen “Cannibal Anthem“ - Album veröffentlicht wird. Doch wollen wir nun kurz auch ein paar nackte Zahlen sprechen lassen: Seit nunmehr 16 Jahren ist der eigens erschaffene „Endzeit-Electro“ Sound aus den schwarzen Clubs nicht mehr wegzudenken. Insgesamt gesehen ist “Body Census“ das inzwischen neunte Fulltime-Release Ratzingers, zu dem sich zusätzlich noch eine ganze Hand voll Raritäten- und Remixcompilations in Albumlänge gesellen.

Zahlentechnisch wahrlich eine eindrucksvolle Bilanz... Doch bekam mit den beiden (qualitativ leicht fragwürdigen) Exponaten “Bone Peeler“ (2004) und “Evoke“ (2005) das positive Ansehen :Wumpscuts: einen mitunter recht deutlichen Dämpfer verpasst: Viel zu lahme Sounds, lieblos zusammengeschusterte Szenarien und mangelndes Endzeit-Feeling waren mit die häufigsten Vorwürfe, die sich Ratzinger von seinen Fans und Kritikern gefallen lassen musste. Doch dann, im Jahre 2006, kam mit “Cannibal Anthem“ ein Album auf den Markt, das durch seine morbide Erzähl- und Klangstruktur endlich wieder begeistern konnte. Zumal es Ratzinger vom musikalischen Härtegrad her, auch teilweise wieder recht ordentlich krachen liess (siehe “Wir warten“).

Die spannende Frage ist jetzt natürlich: Auf was dürfen wir uns bei “Body Census“ gefasst machen? Die Antwort auf diese Frage hat mich persönlich viele und intensive Hördurchgänge gekostet. Letzten Endes kann ich aber in jedem Falle von Grund auf behaupten, dass “Body Census“ das bis dato reifste, facettenreichste und doch zugleich auch homogenste Album aus den dunklen Gewölben Ratzingers geworden ist...

“Body Census“ gelingt mit seiner insgesamt 11 Tracks umfassenden Playlist eine atemberaubende Verschmelzung aus Moderne, Avantgarde und den frühen Anfangstagen des bayrischen Electro-Projektes. Zwar regieren auch auf “Body Census“ die dominant-aggressiven Töne nur sehr verhalten (ein zweites “War“ oder “Dying Culture“ wird man hier also beispielsweise nicht vorfinden), aber Ratzinger schaffte es dafür spielend, eine wirklich glaubhafte Atmosphäre aus Agonie und endzeitlicher Tristesse zu erschaffen. Auch funktioniert “Body Census“ eindeutig mehr als Gesamtkonzept und weniger als „Zerpflückungsorgan“ für harsche Industrial-Nächte. Von daher lässt sich “Body Census“ am ehesten mit den beiden überragenden (und grösstenteils subtil-zerstörerischen) Werken “Dried Blood of Gomorrah“ (1995) und “Wreath of Barbs“ (2001) vergleichen.

Doch wie eingangs bereits erwähnt ist der dargebotenen Sound auf “Body Cenus“ überraschend vielseitig ausgefallen. Was sich aber dennoch (und trotz allem) immer wie ein roter Faden durch das Album zieht, ist seine fest verankerte Grundbasis aus dogmatischen (Szene-)Traditionen und modernen Weggabelungen zwischen Härte, Melodie und Rhythmus.

“Body Census“ vollführt somit ein schönes und mutiges Spiel mit dieser Mischung aus Club-tauglichen Up-Tempo Nummern wie “My dear Ghoul“ (da schön schnoddrig und basslastig), neo-klassisch getragener Endzeitstimmung ("Ain´t that hungry yet“) und lupenreinen Huldigungen an die Gothic-Szene selbst (“You are a Goth“, sowie “Homo Gotikus Industrialis“).

Die kollektive Essenz daraus mündet in einem ungewohnt anspruchsvollen und „bunten“ Hörgenuss. Aber sie funktioniert definitiv und zieht gerade daraus ihre besonderen Reize... So scheut das neue :Wumpscut: - Album auch nicht davor, mit rituellen Chören zu arbeiten und diese mit avantgardistischen Synthesizerklängen der 80er Jahre zu untermalen, so wie es in diesem Falle beim ohrwurmtauglichen Starter “The Beast sleeps within you“ eindrucksvoll praktiziert wurde.

Der nachfolgende Titel “Remember One Thing“ lässt sogar ganz feine Future-Pop Einsprengsel erkennen und erinnert in machen Momenten nicht zu Unrecht an den 2000er Kultsong “Hang Him Higher“.

Das melodisch-pulsierende “We Believe, We Believe“ gibt sich inhaltlich auch endlich mal wieder schön sozialkritisch (frei nach dem Motto: „Selbst denken, und nicht nur Anderen blind gehorchen!“), während das knapp fünfminütige “Hide and Seek“ den obligatorisch-ruhigen Instrumentalpart auf dem Album einnimmt. Am elegisch-treibenden “Adonei, My Lord“ führt genauso wenig ein Weg vorbei wie beim aufwühlenden Titeltrack “Body Census“.

Wenn man allerdings mit aller Härte einen Schwachpunkt auf “Body Census“ ausmachen möchte, so ist dieser beim Abschlusstrack “The Fall“ zu finden. Jenes Stück Musik stammt aus der Feder der schon vom “Cannibal Anthem“ bekannten Gastsängerin Onca, die hier gleich auch den kompletten Gesangspart übernahm... Und nun ja, wie auch schon beim “Cannibal Anthem“ - Release ist Onca´s Gesangsleistung (auf Grund ihres dünnen Stimmchens) als eher dürftig zu bezeichnen. Hier sollte sich Rudy Ratzinger vielleicht doch mal überlegen, ob er für zukünftige Arbeiten dieser Art nicht doch besser wieder auf die überragend bedrohlich wirkende Stimme von Aleta Welling (“Dr. Thodt“, “Fear in Motion“) zurückgreifen sollte.

Worin sich “Body Census“ zusätzlich noch ein wenig von früheren Releases unterscheidet, ist die Tatsache, dass es hier kaum noch eingestreute Film-Samples in den Songs zu hören gibt. Aber das ist bei diesem abwechslungsreichen Klanggut auch nicht wirklich von Nöten...

Das optisch extrem gelungene Coverartwork (mit zusätzlich vielen, eklig-schönen Zeichnungen im Booklet) stammt übrigens abermals von Francois Launet, der sich seinerzeit schon bei der graphischen Gestaltung von “Evoke“ positiv empfehlen konnte.

Fazit: Konnten sich :Wumpscut: mit dem letzten Output “Cannibal Anthem“ musikalisch schon wieder deutlich steigern, so setzt “Body Census“ dem ganzen allerdings die (verdiente) Krone auf. “Body Census“ bietet experimentellen Endzeit-Electro, der frische Impulse setzt und sowohl alte wie auch neue Fans begeistern wird (insbesondere dann, wenn sie einen grossen Gefallen an der “Dried Blood of Gomorrah“ - Compilation haben).

Zur Besprechung dieses Reviews lag mir die von Rudy Ratzinger persönlich signierte - und auf 5000 Einheiten limitierte - Auflage im Digipak mit edlem Prägedruck vor. Diese enthält neben einem schwarzweißen “Homo Gotikus Industrialis“ - Aufkleber und dem XL-Booklet zusätzlich noch einen kostenlosen Download-Code für vier exklusive Remix-Songs des Albums.

comments powered by Disqus

Von Jahr zu Jahr kommt man einfach immer mehr auf den Boden der Tatsachen