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Weto: Das zweite Ich

Unglaublich, persönlich, außergewöhnlich
Wertung: 10/10
Genre: Rock
Spielzeit: 49:49
Release: 24.11.2006
Label: F.A.M.E. Recordings

“Weto” - lateinisch für “ich verbiete”. Aber wer bitte sind denn Weto? Ich gestehe, ich stieß auch nur durch Zufall auf den Namen. Durch fröhliches Herumklicken im Schandmaulforum. Und da tauchte der Name “Weto” immer wieder auf. Durch ein paar weitere Klicks bei “google” wusste ich definitiv schon mehr: Weto, das sind Thomas Lindner, Martin Duckstein, Matthias Richter, Stefan Brunner und Heiner Jaspers. Die Namen kennt Ihr? Ich auch; Weto, das sind vier mal Schandmaul und einmal Regicide. Der Schandmaulhasser sollte jetzt bitte nicht aufhören, weiterzulesen, denn es sei noch einmal betont, dass Weto nicht nach Schandmaul, sondern vor der Folkkombo gegründet wurde und deswegen überhaupt gar nichts mit Geigen und Dudelsack zu tun haben.

1993 zusammengesetzt, machten Weto damals noch rebellischen Punkrock. Neben dem Musikstil wandelte sich auch die Zusammensetzung, sind doch nur Thomas und Martin noch vorhandene Gründungsmitglieder. Und wer Weto damals wirklich verpasst hat - ein Requiem ist auf dem “zweiten Ich” noch zu finden: “In unserer Mitte”, "Wolfsherz" und “Flucht” stammen noch aus den Anfangszeiten.

Schon die Gestaltung der CD zeigt: Weto befassen sich mit der Kehrseite der Medaille. Denn neben Fußball-WM und Spaßgesellschaft gibt es jede Menge Abgründe, denen sich Thomas in den Texten gewidmet hat. Hauptsächlich aus der Ich-Perspektive geschrieben, schildert er Dinge, die ihn persönlich bewegen. Der Tod eines Freundes, einen Unfall, in dessen Folge das Opfer taub, stumm und blind wurde. Vergewaltigung, Mord, Depressionen.

Rockig und hart kommen Weto daher. “Tief” zeigt schon im Intro, wohin die Reise musikalisch geht. Laute Gitarren, eine kräftige Gesangsmelodie, die in den Strophen fast akustisch nur noch vom Schlagzeug und Bass begleitet wird. Textlich wird einem auch ganz anders: Beeindrucken wäre das falsche Wort, berührend, entstellend, mit verletzender Klarheit schildert der Song die Vergewaltigung einer Frau. Ein musikalischer Pluspunkt: Das Gitarrensolo am Ende.

Szenenwechsel: Eine Person läuft durch die dunkle Straße, schaut sich immer wieder panisch um. Der Blick ist gehetzt, verwirrt, voller Angst. Am Ende der Gasse liegt die leblose Gestalt einer Frau. Und in seinem Kopf steht nur die Frage, was denn eigentlich passiert ist.

“Das zweite Ich” steht schon fast gegensätzlich mit der ruhigen Klaviermelodie zum Inhalt. Nur leise von Gitarre und Drums begleitet, könnte es fast schon eine Ballade sein. Könnte - wenn da nicht die Geschichte des Schizophrenen wäre.

Im zweiten Teil des Liedes löst die Gitarre unauffällig das Klavier ab, eine gute Wahl, wäre das Lied mit durchgängigem Piano etwas zu überladen und voll gewesen. Konzentriert wird hier auf den Inhalt. Auch Thomas Stimme klingt auf morbide Weise genial: Fast könnte man meinen, er würde wirklich fliehen, ist die Furcht durch steigende Gesangshöhe im Refrain fast deutlich auszumachen.

“Koma” beginnt leise. Nur die ruhigen Atmenzüge und das ständige Piepen des Herzrhymtmuses sind zu hören. Der Ton geht, unterstützt vom Schlagzeug, plötzlich zum Metrum des Songs über, Keyboard und Gitarre setzen ein - und dann erzählt Lindner mit fast nicht mehr erkennbarer Melodie die Gefühle eines Komapatienten. Taub, blind und stumm wartet er nur noch auf sein Ende. Ein Horrorvision, vielleicht auch auf die Sterbehilfe übertragbar. Fühlen solche Patient noch etwas? Haben sie noch ein Bewusstsein? Ist es richtig, die Zeit anzuhalten?

Musikalisch wieder ein absolut gelungener Mix aus verzerrten Gitarren, einen treibenden Rhymtmus und der einzigartigen Stimme Lindners.

Noch eine Spur härter kommt “Flucht” daher. Auffällige Gitarrenmelodie trifft auf ruhige Bridge und verzweifelten Refrain. Eine unschlagbar emotionale Stimme und einen fragilen Ohrwurmcharakter. So zerrissen untermalt, passt sich das Klangkostüm der Geschichte eines Drogenabhängigen an, der vor seiner Sucht zu fliehen versucht.

Das mich persönlich berührenste Lied der CD war trotzdem “In unserer Mitte”. Eine Beerdigungsszene, begleitet vom Keyboard und einem wunderschönen Refrain. Nachdem ich die Hintergründe des Liedes erfuhr - den Tod eines Bekannten, der im Urlaub und vor den Augen seines Vaters verunglückte - noch schwerer zu beschreiben. Thomas fasziniert noch einmal mit seiner Stimme, trotz des balladesken Charakters verzichtet die Band nicht auf Gitarren.

“Das zweite Ich” ist eine unglaubliche CD. Daher auch der Verzicht, jedes einzelne Lied zu zerpflücken. Weto muss man für sich selbst entdecken, sich eine eigenen Gedanken machen. Meine Hochachtun vor der Band, diese kritischen Themem so gekonnt in Lieder zu verpacken. Und nur noch die Wertung “unglaublich, persönlich, außergewöhnlich”.

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