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Waltari: You Are Waltari

Besticht in erster Linie schlicht durch starkes Songwriting
Wertung: 8.5/10
Genre: Crossover
Spielzeit: 54:50
Release: 27.02.2015
Label: Rodeostar/SPV

Den lebenden Beweis dafür, dass Finnen ein bisschen anders – um nicht zu sagen ein bisschen durchgeknallt – sind, dürften Waltari darstellen, jene Band, die sich nach dem finnischen Schriftsteller Mika Waltari (1908 – 1979) benannt hat und sich wie kaum eine andere nie auch nur im Geringsten um Genregrenzen, Szenepolizisten und Erwartungshaltungen gekümmert hat. Man erinnere sich nur an die legendäre Death-Metal / Klassik-Crossover-Platte „Yeah! Yeah! Die Die! Death Metal Symphony In Deep C“ aus dem Jahre 1996 (einfach großartiges Album; Anm. d. Red.).

Sieht man vom 2011 erschienenen Coveralbum „Covers All“ ab, handelt es sich beim vorliegenden „You Are Waltari“ bereits um das 14. Studioalbum, doch wenn man mit so vielen verschiedenen Musikrichtungen experimentiert, wie dieser mittlerweile auf sieben Mann (davon vier Gitarristen!) angewachsene Chaotenhaufen, hat man natürlich auch irgendwo immer Material in der Pipeline. Die Kunst liegt freilich darin, die ganzen unterschiedlichen Einflüsse einigermaßen nachvollziehbar für den Hörer unter einen Hut zu bekommen. Dass man trotzdem stets mit verrückten Einfällen rechnen muss, sollte dabei natürlich klar sein, doch ein Waltari-Fan dürfte in dieser Hinsicht wohl hartgesotten sein.

So tummeln sich auch auf „You Are Waltari“ Elemente aus (extremem) Metal, Rock, Rap, Dance, Techno, Pop und finnischer Folklore. Und mit dem ausschließlich in Finnisch gehaltenem „Right Wing Theme“ hat man sogar eine Country-Nummer am Start – diese ist, wie man sich anhand des Titels bereits denken kann, natürlich als Parodie zu verstehen, schließlich sind Waltari neben ihrem Wildern in sämtlichen musikalischen Bereichen vor allem bekannt für ihren derben Humor. Und auch bei diesem Stück kann man sich mindestens ein Grinsen nicht verkneifen, zumal der Text wenigstens im Booklet auch auf Englisch festgehalten ist.

Insgesamt muss man festhalten, dass das Album trotz verschiedener Stilrichtungen erstaunlich gut fließt, was nicht zuletzt auf bärenstarkes Songwriting zurückzuführen sein dürfte. Der Opener „12“ besitzt einen wirklich fantastisch eingängigen Chorus, den man sofort mitsingen und am besten noch dazu tanzen möchte. Im folgenden „Tranquality“ versucht sich Bandboss Kärtsy Hatakka in den Strophen mit Rap-artigem Gesang, der Chorus aber nistet sich erneut sofort in den Hirnwindungen ein.

„Solutions“ kommt mit mehr Härte als die vorigen Songs daher, hat jedoch den nächsten fetten Refrain zu bieten, während sich bei „Only The Truth“ besonders die Gangshouts ziemlich gut machen und den Track tragen, und „Mountain Top“ einen leicht chaotischen, gleichzeitig aber auch epischen Charakter sein Eigen nennen darf. Dass auf das bereits erwähnte Country-artige „Right Wing Theme“ mit dem kurzen, knackigen „Strangled“ eine deftige Grindcore-Nummer folgt, sieht dieser Band genauso ähnlich wie die Tatsache, dass sie ausgerechnet die erste ausgekoppelte Single „Digging The Alien“ (die allerdings auch nicht zu den stärksten Tracks der Platte gehört) ans Ende des Albums verbannt hat.

So oder so hat „You Are Waltari“ jede Menge starkes Material zu bieten und da die Finnen angesichts ihres gigantischen Outputs und ihrer Vielseitigkeit als eine Art Wundertüte betrachtet werden müssen, konnte man nicht unbedingt damit rechnen – es ist schließlich nicht immer alles Gold was glänzt. Hier reiht sich aber wirklich beinahe Hit an Hit: „Keep It Alive“ kommt erneut mit einem absoluten Mitsing-Refrain daher, nachdem man die Strophe eher ruhig gehalten und mit Keyboardeffekten versehen hat und zu der auf einem völlig primitiven Rhythmus basierenden, aber super-effizienten Hymne „Drag“ würde garantiert in jeder Disco dieser Welt das Tanzbein geschwungen.

Einen der interessantesten Songs dürfte wohl „Singular“ in der Mitte der Scheibe darstellen: sehr originell, wie hier ein melancholisches Akkordeon auf harte Metalriffs und poppige Gesangslinien trifft und trotzdem noch Platz für einen durchaus beeindruckend schnellen Rap ist. Zwar haben sie damit reichlich Erfahrung – trotzdem ist es immer wieder faszinierend, wie diese Herren solch ein Crossover-Programm spannen können, ohne die Zügel komplett aus den Händen zu verlieren, was im Übrigen besonders auch für „Not Much To Touch You“ gilt, das vertrackter als der Rest daherkommt und somit besonders Freunde progressiver Elemente ansprechen sollte.

Fast sechs Jahre sind seit der letzten Platte mit eigenem Stoff, „Below Zero“, ins Land gezogen, aber das Warten hat sich gelohnt: Waltari präsentieren sich vielseitig wie eh und je, übertreiben aber mit den Verrücktheiten nicht zu sehr (wie man auf die Idee gekommen ist, den Song „Televizor“ mit tschechischem (!) Text zu versehen, wäre allerdings mal interessant zu wissen…), sondern bieten ein Album, das zwar wieder mal in alle möglichen Richtungen schnüffelt und viele Überraschungen bietet, dabei aber nicht ziellos und experimentell wirkt, sondern klar strukturiert und in erster Linie durch starkes Songwriting besticht. Bei 14 Stücken das Level konstant relativ hoch zu halten, ist eine respektable Leistung.

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