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Vulture Industries: The Malefactor's Bloody Register

Ein großer Schritt nach vorne
Wertung: 9/10
Genre: Avantgarde Metal
Spielzeit: 44:21
Release: 08.10.2010
Label: Dark Essence Records

Im Jahre 2007 veröffentlichten Vulture Industries ihr hochgelobtes Debüt „The Dystopia Journals“ und sorgten für Aufsehen in der Schnittmenge zwischen Avantgarde und Black Metal, die vor allem mit einer Band häufig in Verbindung gebracht wurde – kaum ein Bericht über die ungewöhnliche Truppe kam ohne den Namen Arcturus aus, der fraglos zu den größeren in diesem Bereich zählt. Mit „The Malefactor's Bloody Register“ kehren die Norweger nun mit ihrem sehnlichst erwarteten Zweitwerk zurück und festigen einmal mehr ihren einzigartigen Sound, der trotz unbestreitbarer Ähnlichkeiten zu der genannten Truppe unverkennbar zu Vulture Industries gehört.

Der offensichtlichste Grund für den viel gehörten Vergleich liegt sicherlich in dem tiefen, theatralischem Gesang von Bjørnar Nilsen, der mit seinem Gesangsstil und seiner Stimmfarbe so auch problemlos bei Arcturus hinter dem Mikrofon hätte stehen können. Abgesehen davon hat die Band zwar auch einige andere Ähnlichkeiten zu ihren Landsmännern im Sound, geht aber insgesamt deutlich ruppiger zu Werk, als man es von den neueren Songs von Arcturus gewohnt ist. Mit der technisch grandios agierenden Instrumental-Fraktion steht dem exzentrischen Gesang ein ebenbürtiges Pendant zur Seite, das die komplexen und angenehm unvorhersehbaren Songstrukturen erst ermöglicht. Genre-typisch sind natürlich auch ein paar im Metal eher selten gesehene Instrumente wie das Saxophon mit von der Partie, die für so manche Überraschung in den Stücken sorgen.

Obwohl Vulture Industries zu keinem Zeitpunkt weltbewegende Neuerungen in ihrem Sound präsentieren, hebt das gleichzeitig chaotisch und ausgefeilt wirkende Songwriting die Musik deutlich von gewöhnlichen Kapellen ab. Schon nach dem Intro „Crooks & Sinners“ wird der Stil mit „Race For The Gallows“ perfekt charakterisiert: Das hektische Stück schwankt stets zwischen Aggression und geradezu epischen Melodien, selbstverständlich passend unterstützt von Nilsen, der fließend zwischen Flüstern, Sprechen, Brüllen, Singen und Screamen wechselt und dabei eine Theatralik an den Tag legt, die dem ohnehin schon außergewöhnlichen Stück einen noch individuelleren Stempel aufdrückt. Mit Überraschungen muss man jedoch auch abseits des Gesangs stets rechnen, denn wenn die Band einmal Genre-fremde Instrumente verwendet, dann auch wirklich unerwartet. „The Hangman's Hatch“ wird beispielsweise von einem groovenden Solo eingeleitet, nur um wenig später in harte Riffs, die von den Klängen einer Hammond Orgel begleitet werden, überzugehen – dazu gesellt sich noch der beinahe opernhafte Gesang, so dass hier gleichzeitig anspruchsvoller und dennoch spaßiger Stoff geboten wird, der geschickt zwischen Eingängigkeit und Experimentierfreudigkeit balanciert.

Das erwähnte Saxophon findet beispielsweise in „The Bolted Door“ Einsatz und auch hier an Stellen, an denen man es wohl am wenigsten erwartet hätte: Obwohl einige melancholischere Momente vorhanden sind, könnte das Stück instrumental mit seinen mechanischen, präzisen Riffs fast schon aus dem Mathcore stammen – trotzdem gelingt es Vulture Industries, das elegante Blasinstrument so einzubauen, als ob es in diesem Genre heimisch wäre. Abseits dieser Experimente überzeugen die Norweger auch häufig mit großartigen Melodien, die trotz ihrer Eingängigkeit weit entfernt davon sind, als simpel oder poppig abgetan werden zu können – man nehme beispielsweise „Crowning The Cycle“: Machen zu Beginn des Stückes noch die interessanten Gesangsharmonien den größten Reiz aus, wird die Aufmerksamkeit später auf den mitreißenden, hymnischen Refrain gelegt, der auch nach zahlreichen Wiederholungen seine mitreißende Wirkung nicht verliert.

Wer bereits in dem Debüt von Vulture Industries einen Meilenstein des Genres gesehen hat, wird angesichts „The Malefactor's Bloody Register“ in Begeisterungsstürme ausbrechen – der Stil der Band wurde noch weiter verfeinert und um einige Facetten erweitert, ohne dabei die für die Truppe typische zwielichtige Stimmung vermissen zu lassen. Über die gesamte Spielzeit hinweg wirkt die Musik erfrischend anders, ohne jemals den Eindruck von Unzugänglichkeit zu erwecken, zu perfekt durchdacht ist dafür die Symbiose aus waghalsigen Songstrukturen und Mitsing-kompatiblen Melodien. Definitiv ein Album, das weit oben auf der Liste der besten Releases im Bereich des experimentellen Metals in diesem Jahr steht und ohne einen einzigen Ausfall auskommt, denn Vulture Industries gelingt es auf ihrem neuen Werk, von der ersten bis zur letzten Minute die Aufmerksamkeit des Hörers mit zahllosen geschickt eingesetzten Spielereien und technisch ansprechend umgesetztem Songwriting zu belohnen.

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