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Underoath: Ø (Disambiguation)

Zwar ohne Gillespie, aber kein bisschen leise
Wertung: 8.5/10
Genre: Metalcore, Post-Hardcore
Spielzeit: 38:25
Release: 19.11.2010
Label: Roadrunner Records

Der Genrebegriff „Christian Metal“ ist wohl die unnötigste Bezeichnung, die es in der modernen Musikwelt überhaupt gibt. Zahllose Bands schreiben sich, zu Recht oder Unrecht, diesen Begriff auf die Fahne, spicken ihre Live-Auftritte mit „God loves you“ oder ähnlichen Floskeln und singen beziehungsweise schreien die Gottesfürchtigkeit auf ihren Platten in die weite Welt hinaus.

Nun wäre das ja kein großes Problem, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass „Christian Metal“ ähnlich wie „Core“ allmählich zu einer Lächerlichkeit verkommt, die zumindest im bekanntermaßen pseudo-gläubigen Amerika die Plattenverkäufe ankurbeln soll und eigentlich energiegeladene Liveshows von Bands wie beispielsweise Gwen Stacy zu Messen verkommen lässt. Underoath aus dem Sonnenstaat Florida sind schon seit Jahren eine der Bands, der man den christlichen Metal noch am ehesten abnehmen kann. Die Combo, die letztes Jahr mit Drummer und Sänger Aaron Gillespie ihr einziges verbliebendes Gründungsmitglied aus der Band kickte, hat sich trotz oder gerade wegen ihres offenen Umgangs mit ihrem christlichen Glauben in ihrer Heimat wie hierzulande eine große Fanbase erspielen können und das nicht zu Unrecht: Alben wie „Define The Great Line“ (2006) oder das 2008er Meisterwerk „Lost In The Sound Of Separation“ gehören inzwischen zu den Referenzwerken des modernen Metal.

Mit „Ø (Disambiguation)“ hat das Sextett, das mit Timothy McTague einen neuen Leadgitarristen und Sänger für die Clean Vocals und mit Ex-Norma Jean-Drummer Daniel Davison einen neuen Schlagwerker an Bord geholt hat, sein nunmehr siebtes Studioalbum fertiggestellt: Elf Songs, die irgendwie vertrackter daherkommen als noch zu „Sound Of Separation“-Zeiten, die mehr dem Post-Hardcore als dem schnöden Metalcore entsprechen. Regelrecht noisy sind sie geworden, die Amis. Nicht, dass sie vorher leise gewesen wären, aber irgendwie hat die neue Scheibe einen leicht progressiven Einschlag, der mehr als zwei Durchläufe nötig macht, um alle Details zu erfassen.

Der Opener „In Division“ ist so ein Song, der eigentlich mit seinen vorantreibenden Shoutings sofort zünden sollte, es aber nicht tut. Erst nach mehrmaligem Hören kann man dem leicht diffusen Drumming folgen, Band-Schreihals Spencer Chamberlain, der meiner bescheidenen Meinung nach zu den besten Shoutern der Metalcore-Szene gehört, brüllt sich in vollem Galopp die Seele aus dem Leib, ohne stumpf zu wirken, und die Gitarren flirren wunderbar im Hintergrund. Der Einstand muss erstmal getoppt werden!

Dass Underoath nicht nach dem ersten Stück die Puste ausgeht, dürfte niemanden überraschen: „Paper Lung“ verzichtet weitestgehend auf kräftige Shouts, der klare Gesang sorgt bei diesem fragil anmutenden Stück umso mehr für Gänsehaut. Irgendwie sphärisch-entrückt verrichten Tim McTague und „Hal“ Smith an den Gitarren ihre Arbeit, erst in der letzten Minute rastet Spencer völlig aus und brüllt den Song komplett an die Wand – das nenne ich mal intelligentes Songwriting, das, obwohl es auf den ersten Blick eher simpel anmutet, seine Wirkung nicht verfehlt.

Absolut brutal kommt „A Divine Eradication“ daher, bei dem Spencer scheinbar nicht mal die Zeit findet, um Atem zu schöpfen, sondern direkt ab der ersten Sekunde voll loslegt, nur unterbrochen von gelegentlichen Breaks und eingestreuten klaren Vocals. Der Track rast durch die Boxen wie ein Schnellzug, steigert zwischendurch sein Tempo auf Mosh-Geschwindigkeit und findet sogar noch die Zeit, halbwegs entspannte Gitarrenlicks einzubauen. Wer nach diesem Track noch aufrecht stehen kann, darf sich an dem nicht weniger verfrickelt-lauten „Who Will Guard The Guardians“ erfreuen, bevor man sich im Verlauf von „Vacant Mouth“ beim Mit-sich-selbst-Moshen auf der jeweiligen Sitzgelegenheit ertappt. Das zündet aber auch wie Sau, obwohl hier keineswegs stur nach vorne geschreddert wird. Viel mehr scheinen Underoath im Verlauf der Platte die Mixtur von ohrenbetäubenden Shoutings und atmosphärischen Gitarrenläufen perfektionieren zu wollen.

Zum guten Schluss werden die Jungs mit „In Completion“ ein wenig post-apokalyptisch, zumindest was den Sound betrifft: Das Keyboard tritt stärker in den Vordergrund und – ich hätte nie gedacht, dass ich das auf einer Core-Platte mal sagen würde – das ist auch gut so! Großartige klare Vocals, die ein bisschen in Richtung Indie/Alternative tendieren, aber trotzdem zum Underoath-typischen Sound passen, geben sich ihr Stelldichein Seite an Seite mit brillianten Shouts, bei denen sich dem Hörer die Nackenhaare vor Begeisterung aufstellen. Da hat sich tatsächlich gegen Ende nochmal ein essentieller Anspieltipp herauskristallisiert – wer hätte es gedacht?!

Tatsächlich ist „Ø (Disambiguation)“ nicht auf Anhieb so leicht zu verdauen, dafür begeistern die Songs aber durchweg durch schier grenzenlose Energie – wenn man mal von dem etwas verstörenden Zwischenstück „Reversal“ absieht – und technisch großartige Musiker. Mit Davison an den Drums haben die Amis einen guten Fang gemacht; der Mann verdrischt seine Felle, als ginge es um sein Leben, und auch die Gitarrenfraktion liefert offenkundig großartige Arbeit. An der neuen Scheibe kommt man weder als Metalcore- noch als Post-Hardcore-Fan vorbei und sogar aufgeschlossene Progressive-Freunde könnten hier mal das ein oder andere Ohr riskieren.

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