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Umnachter Project: Schall und Rauch

Akustisch, archaisch, atmosphärisch
Wertung: 8/10
Genre: Folk/Acoustik/Roots
Spielzeit: 52:15
Release: 19.02.2010
Label: Eigenproduktion

„Das Feld des Folks ist weit – es gibt fast nichts, das es nicht gibt“ - so urteilte Kollege Frommeyer Mitte letzten Jahres über „Jenseits vom Ende der Zeit“ der Band Ballycotton aus dem Nachbarland Österreich. Und tatsächlich stellte die Fusion von folkloristischer Musik mit urtümlich anmutenden Klängen wie dem orientalischen Obertongesang eine ganz eigene musikalische Handschrift dar. Hauptverantwortlicher für die seltsamen Kehlenklänge bei Ballycotton ist ein gewisser Robert Polsterer, der sich mit dem Umnachter Project eine Plattform für Soloaktivitäten geschaffen hat. Nun veröffentlicht er mit „Schall und Rauch“ den Nachfolger des Werks „Gedankensplitter“ aus dem Jahre 2008.

Ist man sich über obige Informationen noch völlig im Unklaren, so mutet die „Aufzählung“ der Bandmitglieder des Umnachter Projects auf der CD-Rückseite einigermaßen seltsam an: Robert Polsterer als einziges Mitglied an Akustikgitarre, Maultrommel, Didgeridoo, Human Beatbox, Oberton-, Kehlkopf- und sonstigem Gesang. Wie soll das denn klingen?

Die Antwort liefert der Opener „Kleingeist“: Die Akustische schrammt einen rhythmischen Untergrund und darauf legt sich Robert Polsterers Stimme, füllt vibrierend und volltönend das Klangbild aus. Didgeridoo und Obertongesang schichten akkordartige Klänge aufeinander, im Hintergrund tickt leise die Hi-Hat eines Beatbox-Schlagzeugs.

Umnachter ist ein Soloprojekt im extremen Sinne: Hier spielt der einzige Musiker nicht nur alle Instrumente selbst ein, die meisten Klänge stammen komplett aus seinem eigenen Rachen. Dabei findet man so gut wie keinen Gesang im klassischen Sinne vor, dafür aber eine breite Auswahl an Vokalgesangstechniken - bis hin zum Jodeln. Dann hat es ein wenig den Anschein, als wolle Polsterer das durch Alpentourismus, Lederhosen und Volksmusik arg gebeutelte musikalische Image seiner Heimat aufmöbeln. Songtitel wie „Mooswald“, „Nebeltal“ und „Harzblut“ suggerieren Naturverbundenheit und Mysterium; andererseits lassen Titel wie „Wurzelwicht“ und „Elegie der Irrwische“ erkennen, dass der Musiker und sein Anliegen durchaus mit Humor zu verstehen sind. Das spiegelt sich auch musikalisch wider, wenn beispielsweise „Wurzelwicht“ zuerst geheimnisvoll brummend und raunend beginnt, sich stetig steigert und schließlich in einen Teil gipfelt, der durch die „Plong“-Geräusche der Maultrommel an einen wildgewordenen Gummiball erinnert.

Größtenteils von der Akustikgitarre getragene Stücke wie „Von Hinnen“ und „Nach Dannen“ und Stücke wie „Verloren im Sturm“ oder „Da Capo“, die vollständig auf Polsterers Gesang basieren, halten sich auf „Schall und Rauch“ einigermaßen die Waage. Und auch wenn das beeindruckendste an dem Musiker sicherlich seine vielseitigen Gesangskünste sind, so macht er auch an der Gitarre eine gute Figur. Seine Kompositionen muten durch die ungewöhnlichen Klänge natürlich relativ experimentell an; teils eher wie Soundstudien als wie „richtige“ Songs. Schlecht ist die Platte deshalb aber keinesfalls; es dauert nur ein wenig länger, bis man sich auf ihre Stimmung eingelassen hat. Dann sorgt das Umnachter Project für mystisches Kopfkino, entspanntes Hören und das ein oder andere Schmunzeln. Folkfreunde ohne Scheuklappen, die auf der Suche nach der etwas anderen Folklore sind, sollten „Schall und Rauch“ nicht verpassen.

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