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Type O Negative: Bloody Kisses

Ewig junger Klassiker in der Schnittmenge aus Doom und Gothic
Wertung: 10/10
Genre: Gothic/ Doom Metal
Spielzeit: 73:31
Release: 17.08.1993
Label: Roadrunner Records

Als 1993 das dritte Studioalbum der New Yorker Düsterheimer Type O Negative erschien, ahnte wohl noch niemand so richtig, was für ein großer Wurf der Band da gelungen war. Stilistisch hatte man im Gegensatz zum Vorgänger „The Origin Of The Feces“ eine Kurskorrektur vorgenommen, die thrashigen Elemente, die noch von Frontmann Peter Steeles voriger Band Carnivore herrührten, waren fast komplett über Bord geworfen worden und düsteren Kompositionen im Gothic- und Doom-Gewand gewichen. Das Quartett hatte zwischen stark verzerrten Gitarren- und Basssounds, wahnsinnig atmosphärischen Keyboards der Marke Josh Silver und dem unverkennbaren, vielseitigen Organ Steeles seinen eigenen Stil gefunden und sollte diesen auf den nachfolgenden Alben in variierter Form weiter etablieren.
 
Damals waren die Reaktionen auf „Bloody Kisses“ bei der Presse noch eher zwiegespalten, heutzutage jedoch sieht die Platte fast jeder – und das völlig zu Recht – als Klassiker an. Die Stimmung ist nach wie vor unerreicht und etliche Gothic-Frontmänner versuchten seither, Pete Steele nachzueifern, doch in Sachen Charisma und Coolness konnte noch nie einer an den Zwei-Meter-Riesen heranreichen – geschweige denn, die musikalische Intensität Type O Negatives erreichen.

Das 40 Sekunden lange Intro „Machine Screw“, bei dem Maschinengequietsche und eine stöhnende Frau zu hören sind, lässt einen zunächst etwas irritiert zurück; die Nummer ist das erste von vier seltsamen Interludes, die zwischen die Songblöcke geschoben wurden und bei nicht wenigen auch heute noch ein dickes Fragezeichen auf der Stirn hinterlassen. „Christian Woman“ eröffnet dann jedoch einen absoluten Klassiker-Reigen von ausnahmslos großartigen Kompositionen, von denen viele bis zum Ende der Band im Type-O-Liveset erhalten blieben.

Das elfminütige Epos „Black No.1“ dürfte der bekannteste Song der Jungs aus Brooklyn sein – die Bass-Tonfolge und die schaurig-schöne, schräge Orgel zu Beginn müssen jedem Metalfan ein Begriff sein, und obwohl die Band gerne in die Gothic-Schublade gesteckt wurde, verspottete Zyniker Steele im Text in seiner unnachahmlichen Art die Anhänger jener Musikrichtung, was bereits anhand des ironischen Untertitels des Stückes „Little Miss Scare-All“ ziemlich klar wird.

Mit „Summer Breeze“ liegt ein weiteres recht erfolgreiches Lied vor, das zwar lediglich ein Seals-And-Crofts-Cover und keine Eigenkomposition ist, sich aber – im typischen Type-O-Klangbild dargeboten – problemlos in die Tracklist einfügt und es auch auf den Soundtrack des Teenie-Horrorfilms „I Know What You Did Last Summer“ schaffte und somit noch ein paar mehr Leute auf die kontroversen New Yorker aufmerksam machte. Mit dem unheimlich Laune machenden „Set Me On Fire“ folgt nahtlos ein wundervoll leichtfüßig groovender, beschwingter Track, der ohne den vorigen Song undenkbar wäre und zwischen den ansonsten tieftraurigen Stücken etwas positiver anmutet.

Apropos kontrovers: Dass Steele und Co. sich vor allem wegen der Carnivore-Vergangenheit des hünenhaften Sängers und Bassisten mit – letztlich völlig haltlosen – Rassismus-Vorwürfen herumplagen mussten, ist hinlänglich bekannt, doch die Truppe reagierte wie so oft mit bissigem, schwarzem Humor, indem sie mit den nett betitelten Stücken „Kill All The White People“ und „We Hate Everyone“ auf musikalische Weise antwortete. Besonders bei erstgenanntem Song schimmern die ruppigen Thrash- und Punk-Wurzeln der Combo noch durch, doch hat man sich daran gewöhnt, wirken auch diese beiden stilistischen Ausrisse nicht völlig deplatziert. Dennoch wurden diese genau wie die vier Interludes auf der Digipak-Version von „Bloody Kisses“ entfernt und in die auch ansonsten umgestellte Tracklist dafür noch das achtminütige „Suspended In Dusk“ integriert, das zum restlichen Material sicherlich besser passt.   

Nicht unter den Tisch fallen dürfen neben dem alles überragenden Titeltrack, der als nichts anderes als die perfekte Symbiose von Gothic und Doom Metal bezeichnet werden muss und eine geradezu unfassbare atmosphärische Dichte aufweist, die letzten drei Stücke, die nach all den aus verschiedenen Gründen so berühmt gewordenen Kompositionen zuvor gerne mal ein wenig in Vergessenheit geraten: Dabei ist beispielsweise „Too Late: Frozen“ zweifellos einer der besten Type-O-Songs überhaupt. Grandios, wie Steele mit seinem Gesang die Gleichgültigkeit, die in den Lyrics suggeriert wird, transportiert, wobei durch die Hardcore-artigen Shouts im Refrain auch eine leichte Aggression mitschwingt. Und allein die kleine Gitarrenmelodie beim kurzen Solo am Ende ist wunderschön und trotz dieser Schönheit geht nie die dem Titel gemäße Kälte in der Stimmung verloren.

Auch „Blood And Fire“ ist ein wundervolles Kleinod, bei dem Peters verletzt klingende, emotionale Vocals erneut das Sahnehäubchen bilden und man einmal mehr tolle Songwriting-Fähigkeiten beweist, während das schwelgerische, fast instrumentale und mit Sitar verzierte Finale „Can’t Lose You“ nicht weniger als der – man verzeihe mir die Wortwahl – pornöseste Fick-Soundtrack aller Zeiten ist, der leider etwas abrupt endet, gerne aber noch stundenlang weitergehen könnte.

Wer diesem Klassiker weniger als die volle Punktzahl gibt, kann den Schuss nicht gehört haben. Sicher, nach dem Sinn der vier Zwischenstücke darf man sich nach wie vor fragen (wobei die natürlich auch auf den Bandeigenen Humor zurückzuführen sind), aber wen diese allzu sehr stören, kann ja zum Digipak greifen oder skippen, und zieht man diese von der Tracklist ab, bleiben außerdem immer noch acht erstklassige Gothic/Doom- sowie zwei bitterböse Thrash-Songs, die in ihrer Art nur von einer Band gespielt werden können; als Bonus hinzu kommen Steeles scharfzüngige Texte. Und auch wenn insbesondere das unmittelbar folgende „October Rust“ ebenfalls unverzichtbar ist, kommt man doch stets auf „Bloody Kisses“ zurück: Besonders wenn man dieses Album hört, wird einem einmal mehr schmerzhaft bewusst, was für einen Verlust die Metalwelt 2010 mit dem Tod von Pete Steele erleiden musste. May he rest in peace!

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