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Tristania: Darkest White

Überraschend großartig!
Wertung: 9/10
Genre: Gothic Metal
Spielzeit: 49:58
Release: 31.05.2013
Label: Napalm Records

Ja, ich gebe es gerne zu – auch meine Person war einer jener Meckersäcke, die von Vibeke Stenes Ausstieg bei Tristania, einer Band, die zweifellos zur Speerspitze des Gothic Metal gehört(e), wahnsinnig enttäuscht war und den Norwegern nichts mehr zutraute. Davon zeugt auch das Live-Review über den Auftritt der Skandinavier beim Wacken Open Air 2009 – wobei man auch aus heutiger Sicht konstatieren muss, dass dieses Konzert einfach nicht gut war.

Wie dem auch sei, es ist nach wie vor irgendwie unfair, die sich seit 2010 in der Gruppe befindende Mariangela „Mary“ Demurtas mit Vibeke zu vergleichen, denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit zu verlangen, deren Zauber und Charisma zu erreichen. Dennoch ist weder Mary eine schlechte Sängerin (weit davon entfernt!) noch war „Rubicon“ eine schwache Platte, auch wenn man sicherlich darüber streiten kann, ob die acht Punkte, mit denen unser werter Herr Chefredakteur das Werk seinerzeit bedachte, gerechtfertigt waren. Fakt ist, man setzte noch etwas weniger auf gotisch-symphonischen Bombast (bereits bei den nicht überragenden, aber immer noch zumindest halbwegs brauchbaren Alben „Ashes“ und „Illumination“ hatte man im Vergleich zu den Vorgängern schon ordentlich entschlackt) und schlug eine etwas straightere Richtung mit größtenteils kürzeren Kompositionen ein, was gerade auch zu Marys Stimme besser passte. Sie singt schließlich deutlich weniger opernhaft, dafür jedoch natürlicher. Trotzdem ist es schlichtweg Blödsinn zu behaupten, die Band habe ihre Wurzeln komplett gekappt.

All jene, die dies trotzdem so sehen wollen, könnten am nun zweiten Tristania-Longplayer mit Mary, „Darkest White“, möglicherweise mehr Freude haben als an dessen Vorgänger. Eindeutig kehrt die Combo wieder etwas mehr zum früheren Sound zurück – das demonstrieren gleich die ersten Töne des Openers „Number“, bei dem es ohne langes Federlesen sofort zur Sache geht: Drums und Gitarren werden dem Hörer unbarmherzig um die Ohren gehauen, darüber krächzt sich Anders Høyvik Hidle die Lunge aus dem Leib. Beim Chorus hingegen wird der Fuß vom Gaspedal genommen und Marys melodischer Gesang groß in Szene gesetzt. Eine tolle und sehr effektive Wechselwirkung, die wahrlich beeindruckt und mitreißt – ein begeisternder Start!   

Der sich anschließende Titelsong kennzeichnet sich durch ein hypnotisch-einprägsames Gitarrenriff und überhaupt hohe Eingängigkeit. Ein kurzer, knackiger Ohrwurm von dreieinhalb Minuten, dem eine gewisse Radiotauglichkeit nicht abgesprochen werden kann. Der Gesang im super-catchy Refrain ist zwar noch leicht gegrowlt, dennoch eher melodisch gehalten. Wer jetzt „Kommerz“ ruft, darf das gerne tun, aber der Song ist insgesamt doch zu anspruchsvoll arrangiert und lässt trotz allem auch nicht den nötigen Biss vermissen, als dass man ihm die Qualität absprechen könnte. Mary setzt hier übrigens aus und tritt erst im nächsten Track „Himmelfall“ (nope, nix Hammerfall) wieder in Erscheinung, der im stampfenden Midtempo gehalten ist und streckenweise geradezu epische Züge annimmt. Das so seltsam betitelte Stück bietet wirklich fantastische Einfälle in puncto Arrangements – absolut atemberaubend, besonders das Zusammenwirken der verschiedenen Gesangsstimmen und das problemlose, butterweiche Wechseln zwischen Melodien und Riffs.  

Es ist kaum zu fassen, wie spielfreudig, einfalls- und abwechslungsreich sich Tristania präsentieren. Jeder, der die Band totgesagt hat (also auch der Verfasser dieser Zeilen) muss anhand dieser hervorragenden Platte seine Meinung noch einmal klar überdenken. Denn glücklicherweise ist es mit diesem überragenden Eröffnungs-Triple noch längst nicht getan: Beim wundervollen „Requiem“ steht Mary wieder klar im Vordergrund – der mehrstimmige Gesang ist tränentreibend schön und dennoch wirkt der harsche Growl-Part zwischendurch nicht deplatziert –, während das schleppende, verträumte „Diagnosis“ dann vor allem dem männlichen Clean-Sänger Kjetil Nordhus gehört.

Überhaupt wurden die drei verschiedenen Stimmen sehr effektiv eingesetzt – ob einzeln oder zusammen, das Ganze wirkt sehr durchdacht und sorgsam geplant. Sicherlich auch ein schleichender Prozess, das Line-up ist mit der Zeit eben besser zusammengewachsen und das facettenreiche Songwriting zeigt eine glasklare Steigerung im Vergleich zu „Rubicon“. „Scarling“ wechselt zwischen geheimnisvoll geraunter Strophe und großem Breitwandkino für die Ohren, „Night On Earth“ und „Arteries“ sind alles in allem wieder rifflastiger und härter gehalten, während sich Kjetils und Marys Stimmen beim schwelgerischen, sich stetig steigernden „Lavender“ höher und höher emporzuschrauben scheinen, und „Cypher“ eine besonders dramatische und etwas komplexere Note offenbart.

Wer hätte gedacht, dass Tristania noch einmal mit solch einem furiosen Werk daherkommen würden? Ich lehne mich selbst mal so weit aus dem Fenster und behaupte, es handelt sich um das beste Album der siebenköpfigen Truppe aus Stavanger seit „Beyond The Veil“. „Darkest White“ bietet fantastischen Gesang, den richtigen Mix aus Härte und nachdenklicheren Klängen, eine gelungene Produktion, eine angenehm düstere Atmosphäre und abwechslungsreiche, spannende Songs, wobei man sehr erfrischend klingt, die eigene Vergangenheit jedoch nicht leugnet. Kurzum: Alles, was sich ein Fan von Gothic/Todesstahl-Gebräu wünschen kann.

Wer trotzdem immer noch davon überzeugt ist, dass Vibeke die einzig wahre Frontfrau dieser Combo sein darf, kann sich allerdings ebenfalls freuen: Vor wenigen Tagen erst kündigte die Norwegerin ihr Comeback in der Metalszene an – sie wird auf dem Debüt von God Of Atheists (wo unter anderem auch ICS Vortex, Asgeir Mickelson und Ihsahn mitwirken) als Gastsängerin zu hören sein. Im Digipak findet sich im Übrigen mit „Cathedral“ noch ein Bonustrack, in der Promoversion war dieser aber leider nicht enthalten.

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