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Transzendentale Influenza: Frühstück Rückwärts

Zeigt dem Jungvolk, wo der Reflexhammer hängt
Wertung: 10/10
Genre: EBM
Spielzeit: 45:13
Release: 01.04.2012
Label: St. Camillus Tonträger

Wenn das harte Berufsleben überstanden ist und der wohlverdiente Ruhestand ausgekostet werden will, kommt so mancher auf seine alten Tage noch auf skurrile Ideen. So geschehen bei Prof. Dr. med. Hans-Werner Gummerblum und Dr. Dent. Meinhard Wärmel: Die beiden 72-jährigen promovierten Mediziner lernten sich im letzten Jahr auf einem überregionalen Skatturnier kennen, an dem sie als Abgesandte ihrer Altenheime teilnahmen. Im Turnier noch Konkurrenten, offenbarte sich im anschließenden Gespräch bei Kaffee und Zupfkuchen nicht nur die gemeinsame Leidenschaft für Eichenholzmobiliar und das Sammeln historischer Skalpelle, sondern auch eine heimliche Liebe für – Electric Body Music. Getreu dem Motto „Besser spät als nie“ beschlossen die beiden auf der Stelle, dass alte Säcke nicht die Dubliners sein müssen, um noch Musik machen zu dürfen und gründeten Transzendentale Influenza.

Nachdem anfängliche Schwierigkeiten in Form von Lärmschutzbestimmungen und verständnislosen Pflegerinnen überwunden waren, wurde in atemberaubender Geschwindigkeit das Debüt „Frühstück Rückwärts“ aufgenommen: Ganze zwei Tage lang schloss sich das Duo im Studio ein, um seine brutalen elektronischen Beats zu kreieren und mit Samples und Shoutings zu verfeinern. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Klirrende Skalpelle und das Geräusch von zerschnittener Haut leiten „Schwester, Tupfer!“ ein, bevor sich der Track zu einem basslastigen Stomper entwickelt, dessen Text aus lauthals gebrüllten Kommandos an das OP-Personal eine schaurig-schöne Frankenstein-Atmosphäre herbeizaubert. Auch in „Blutsturz“ plaudern die beiden Doktoren wieder aus dem Nähkästchen; wer mit lateinischen Medizinerbegriffen nichts anfangen kann, darf aber auch einfach nur tanzen.

Denn Tanzbarkeit ist oberstes Gebot auf „Frühstück Rückwärts“. Jeder der acht Tracks entwickelt vom ersten Takt an eine unbändige Kraft, die den Hörer nur mitreißen kann. Effektvoll gesetzte Soundeffekte und hochverzerrte Samples malträtieren das Trommelfell wie Zahnarztbohrer einen kariösen Zahn und lassen 45 Minuten lang keine Ruhepause zu. Klarer Fall: Mit dem B in EBM kennen sich die beiden betagten Musiker hörbar aus, denn manche Effekte sind ohne medizinischen Hintergrund wohl kaum zu bewerkstelligen: Wenn in „EKG“ die exakte Herzfrequenz des Menschen (inklusive natürlicher Unregelmäßigkeiten) als Beattempo gesetzt wird, fühlt man sich wie in den Song hineingesogen und fürchtet fast, die eigene Pumpe würde stehenbleiben, sobald der Track endet.

Faszinierend und beängstigend zugleich, welche Macht diese Senioren mit ihrer Musik auszuüben wissen. Vielleicht muss man Gummerblum und Wärmel tatsächlich dankbar dafür sein, dass sie nicht auf die Idee gekommen sind, die berüchtigte „brown note“ irgendwo in ihren Groovemonstern zu verstecken. Darüber nachgedacht haben sie offensichtlich, denn der letzte Track trägt den unheilvollen Titel „Brauner Ton“ und es kostet einige Überwindung, die CD nicht nach sieben Songs einfach aus dem Player zu schmeißen oder von vorne abzuspielen. Glücklicherweise setzt der Rausschmeißer im Gegensatz zum restlichen Material sogar auf einigermaßen gemäßigte Sounds und setzt sich thematisch – ganz harmlos – mit der altenheimsinternen Töpfergruppe auseinander.

Wenn „Frühstück Rückwärts“ die Clubs nicht im Sturm erobert, will ich nie wieder EBM hören. Was hier geleistet wird, ist mit Altersrüstigkeit aufs Höchste untertrieben. Diese beiden Alten zeigen dem ganzen in Leder und Tarnhosen gehüllten Jungvolk derart eindrucksvoll, wo der Reflexhammer hängt, dass so mancher Möchtegern-Beatbastler verschämt den Software-Synthesizer vom Rechner schmeißen dürfte. Eine kleine Revolution der Tanzmusik und gleichzeitig ein beeindruckendes Beispiel für sinnvolle Zeitgestaltung im fortgeschrittenen Alter. Bitte bald mehr davon! Schließlich wussten auch die schon erwähnten Dubliners: It's too late to stop now!

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