Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Tool: Fear Inoculum

Wirklich Neues wird trotz 13 Jahre Wartezeit nicht geboten – trotzdem großartig
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal / Alternative
Spielzeit: 79:10 (CD) / 86:40 (digitale Version)
Release: 30.08.2019
Label: Sony Music

13 Jahre sind seit dem Release von „10,000 Days“ nunmehr vergangen – das sind zwar keine 10.000 Tage (sondern lediglich knapp die Hälfte), aber eben doch eine sehr lange Zeit. So mancher Fan fühlte sich angesichts der endlosen Posse, die sich aus ewigen Ankündigungen und Terminverschiebungen aufgrund von angeblichen persönlichen, geschäftlichen, musikalischen und juristischen Problemen zusammensetzte, schon mehr oder weniger verarscht. Dass Tool gern mit der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit spielen und letztere auch mal foppen, ist nichts Neues und eher amüsant, doch erreichte das Theater um die neue Platte „Fear Inoculum“ Ausmaße, die einen irgendwann nur noch frustriert zurück- und kaum mehr daran glauben ließen, dass da überhaupt noch irgendwas kommen würde.

Man fragt sich ja immer wieder fasziniert, wie es diese Band geschafft hat, den Mainstream zu knacken, denn so brillante Musiker sie auch sind, ist ihre Musik wahrlich alles andere als massenkompatibel. Dass sie von einem Teil ihrer Anhängerschaft, der keinerlei Kritik an der Band duldet, geradezu kultisch verehrt wird, ist ein Phänomen, das sicherlich mit der mystischen Aura zusammenhängt, mit der sich die Amerikaner umgeben, an dem meditativen und einzigartigen Klangkonglomerat aus Alternative Metal und Progressive Rock-Elementen, das mittlerweile x-fach kopiert, doch nie erreicht wurde.

Das meditative Feeling tritt auf „Fear Inoculum“ markanter zutage denn je, setzt man diesmal doch konsequent auf Longtracks; die Stimmung ist fast durchgängig relativ ruhig, der Härtegrad wurde deutlich heruntergeschraubt und aggressive Ausbrüche sind kaum zu verzeichnen. Dadurch ist einerseits Hit-kompatibles Material der Marke „The Pot“, „Schism“ oder „Æenima“ praktisch nicht existent, andererseits wirkt das Ganze auf diese Weise mehr wie aus einem Guss – wie ein einziger langer Rausch, ein hypnotischer Trip und es verwundert im Nachhinein gar nicht mal so sehr, dass Drummer Danny Carey ursprünglich mal die Idee hatte, ein Album mit einem einzigen gigantischen Song zu füllen.

Auch sind Maynard James Keenans Gesangseinsätze klar reduzierter – das mag schade erscheinen, dennoch kommt man nach einigen Umdrehungen zwangsläufig zu dem Schluss, dass das alles so und nicht anders gehört. Faszinosum Tool halt. Wohl die ultimative Band, die aus wenig viel macht: Die Grundideen sind eher spartanisch gehalten, doch wie diese im weiteren Verlauf der Songs Jam-artig variiert und gesteigert werden, ist einzigartig. Kaum eine andere Formation ist fähig, auf diese Art zur gleichen Zeit komplex, progressiv, verschachtelt und technisch zu agieren, ohne dass es verkopft wirken würde und trotz psychedelisch-bedrohlicher, klinisch-kalter Atmosphäre Emotionen zu wecken und total in den Bann zu ziehen.

Beim vorab veröffentlichten, das Album einläutenden Titeltrack handelt es sich wohl sogar noch um den – verhältnismäßig – schwächsten Song, „Pneuma“ mit seinem effektiven Mainriff beweist im Folgenden, dass man trotz des Fehlens kompakter Hits nicht zwangsläufig auf Eingängigkeit verzichten muss, während „Invincible“ mit seinem Stakkato-artigen Rhythmus inklusive versetzten Bass- und Schlagzeugspuren am Ende vertrackter daherkommt. Auch hier jedoch wird mit nur wenigen Riffs als Basis gearbeitet und nicht ziellos durch die Gegend geproggt. Sehr cool und wirksam auch der Vocoder-Effekt, den MJK etwa in der Mitte des Stücks verwendet.

Oberflächlich betrachtet haben Tool wenig an ihrem Sound geändert, was so mancher nach 13 Jahren Wartezeit auf eine neue Platte als etwas enttäuschend empfinden könnte, doch schleicht sich dieses Gefühl vielleicht auch nur deswegen ein, weil die Band seit jeher einen derart typischen Signature-Sound auffährt, dass tatsächliche Innovationen nur schwer realisierbar erscheinen. Man wird sogar das Gefühl nicht los, dass der Vierer sich hier und da selbst zitiert, wie zum Beispiel beim melancholischen „Descending“, das man bereits live austestete und in dem einmal mehr der signifikante Synthesizersound zum Tragen kommt, der auch schon bei „Reflection“ und „Rosetta Stoned“ zu hören war. Interessanterweise stört dieses Handhaben probater Mittel nicht im Geringsten, spannend und detailverliebt wie die Songaufbauten gestaltet sind, reibungslos wie das Album fließt.

Zweifellos das absolute Highlight bildet das fast 16-minütige Finale „7empest“, das mit grandiosem, mächtigem Riffing startet, welches gleichzeitig die metallischsten Momente von „Fear Inoculum“ birgt. Hier wir dann doch mal ein wenig aggressiver zu Werke gegangen, was sich auch in Keenans Vocals niederschlägt; anschließend erklingt eine ausgiebige, effektgetränkte Gitarrenorgie von Adam Jones, bevor man sich wieder zum Anfangsthema zurückbewegt. Ein irrsinnig gutes und mitreißendes Epos, das keine einzige überflüssige Sekunde enthält.   

Überflüssig sind auf Tools fünftem Full-Length-Album höchstens die Interludes, die allerdings ohnehin lediglich auf der digitalen Version zu finden sind, da sonst der Kapazitätsrahmen des Silberlings gesprengt worden wäre – eine Doppel-CD jedoch wäre wegen ein paar Minuten Überlänge allerdings wohl auch zu übertrieben gewesen. Brauchbar ist einzig und allein „Chocolate Chip Trip“ (das wiederum auch auf der CD enthalten ist), denn was Danny Carey in diesem Schlagzeugtrack zum Besten gibt, ist nicht von dieser Welt; doch dass es die zahlreichen technischen Kabinettstückchen der Beteiligten in sich haben, bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung. Ansonsten aber gab es in puncto Zwischenstücke in der Vergangenheit wesentlich unterhaltsamere Skurrilitäten à la „Die Eier von Satan“.

Auch die Produktion befindet sich selbstredend auf allerhöchstem Niveau – wenn man neben den unnötigen Interludes überhaupt etwas kritisieren will, dann die Veröffentlichungspolitik: Da kann man nur zwischen schweineteurer Superduper-Porno-Deluxe-Version mit eingebauten Boxen (!) sowie Bildschirm (!!) oder einem mp3-Download wählen – eine Standard-CD oder -LP wurde parallel bislang nicht auf den Markt geworfen.

Natürlich könnte man jetzt wieder anführen, dass das eben zum Gesamtkunstwerk Tool gehört, doch wenn die Band kurz vor der Veröffentlichung der Scheibe ihren gesamten Backkatalog plötzlich bei Spotify reinstellt, wogegen sie sich jahrelang konsequent geweigert hat, darf man bezweifeln, dass hier ausschließlich die künstlerische Vision eine Rolle spielt, sondern das Ganze vielmehr pekuniärer Natur ist. Ändert trotzdem nichts daran, dass die Kalifornier einen beeindruckenden Longplayer herausgebracht haben, der trotz nicht wirklicher Innovationen intensives und ganz starkes Songmaterial beinhaltet.

comments powered by Disqus

Wenn es im August schneit und trotzdem alle schweißgebadet nach Hause gehen

Fantastisches Open-Air, bei dem alle um die Wette strahlen

Familiäre und friedliche Metalparty am Kanal, Take 17

Fantastischer Abend, der viel zu schnell zu Ende ging

Trotz eher kurzem Set des Headliners ein schöner Konzertabend

Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann