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Tool: 10.000 Days

Tool sind halt Gott, alles andere wäre bloß Blasphemie
Wertung: 9.5/10
Genre: Progressive Rock/Metal
Spielzeit: 75:50
Release: 28.04.2006
Label: Sony BMG

"Tool sind Gott, alles andere ist Blasphemie."

Eine von diesen vielen an sich unhaltbaren und überflüssigen Behauptungen, die man im Zuge des allgemeinen Prog- und speziellen Tool-Hypes doch das ein oder andere mal zu hören bekommt. Eine Behauptung, die dreist, pubertär und peinlich ist; aber auch eine Behauptung, die sicher nicht ganz von ungefähr kommt. Um mein übliches, schwachsinniges Gelaber hinten an zu ordnen und gleich zum Punkt zu kommen: Tool haben wieder einmal eines ihrer Märchen geschaffen. Nicht unbedingt ein Märchen für jeden, der an den Weihnachtsmann, den lieben Gott und die makellose Demokratie in Russland glaubt; aber ein Märchen, das so perfekt erzählt, inszeniert und verkörpert nur von dieser Band stammen kann.

Orientiert haben sich die Jungs in ihrer typisch langen, final wirkenden Pause (10.000 Tage sind auch in etwa die gefühlte Wartezeit zwischen zwei Tool-Alben) viel an Bands wie Meshuggah oder Mastodon, selbst an Hardcore-/Techno-Acts wie Aphex Twin. Das Ergebnis ist ein Zeugnis dessen: Die Platte fällt insgesamt durchgehend härter aus als das meiste bisher dagewesene, der Gesang schlägt eine direktere Note an, ohne jedoch experimentelle und bisweilen getragen-voluminös vermittelte Ansätze (Nebenprojekt A Perfect Circle lässt grüßen) vermissen zu lassen, also insgesamt fast wie eine Symbiose zwischen dem Vorgänger "Lateralus" und dem Erstling "Opiate".

Tool haben mit fast 76 Minuten eine wirklich randvolle Scheibe erstellt, für deren komplette Beschreibung sicher 10.000 Wörter nötig wären - vielleicht auch noch mehr, schließlich lässt sich subjektives Musikempfinden schlecht auf numerische Materie reduzieren - aber da dies den Rahmen des Machbaren überdehnen würde, beziehe ich mich bei meiner Bewertung ausschließlich auf einige wenige ausgewählte Tracks und Passagen, um einen etwaigen, flüchtigen Blick auf die Oberfläche zu gewähren.

Alleine für das Artwork würde sich schon der Kauf lohnen, wenn man Wert auf ein gepflegtes Drumherum legt, denn das sperrig-große CD-Case beherbergt eine Art Linsenklappe, die zwischen den Augen des Betrachters und dem Bildwerk selbst gelegt werden kann, um sich den sogenannten stereoskopischen Effekt zu Nutze machen und damit einige imposante 3D-Effekte bewundern zu können: Alle Bilder des Booklets sind zweimal nebeneinander abgebildet, mit minimalen, den Parallaxen entsprechenden, perspektivischen Abweichungen. Mit Kombination der Linsen werden eben so aus zwei zweidimensionalen Bildern ein dreidimensionales Bild. Zur Betrachtung stehen verschiedene, teils mythologische oder fiktionale CGI-/Farb-Motive und Ablichtungen der Bandmember in skurilem Ambiente.

Die Vorabsingle "Vicarious" ("Vicarious" bedeutet "stellvertretend", vielleicht ganau deswegen ausgekoppelt...) gibt textlich gesehen bereits all der Gleichgültigkeit und Anteilnahmslosigkeit im Menschen einen Namen und erzählt die Geschichte, wie einer ganzen Welt aus der sicheren Distanz beim Sterben zugesehen wird. Der Blick Richtung Fernseher offenbart dem lyrischen Ich die benötigte Genugtuung, da es in seiner vojeuristisch geprägten Natur die alltäglich gewordene Tragödie begehrt, die Aussage "Don’t look me at like I am a monster" soll unterstreichen, dass es sich hier nicht um ein singuläres Phänomen handelt, sondern etwas, was klaren Gewöhnungscharakter besitzt: MJK sagt Reality TV und "if it bleeds, it leads"-Billigjournalismus eindrucksvoll den Kampf an und überspitzt das Ganze noch durch ein unbekümmertes und gleichzeitig ungemein catchiges "La la la la la la la-lie". Das Riffing selbst ist so Tool-typisch, dass man es definitiv noch näher schildern sollte, denn als Hörer das Unerwartbare zu erwarten ist bei dieser Band sicherlich noch eine Untertreibung des Erwartungshorizontes: Cleanen Bass- und Gitarren-Instrumentallicks wird im Intro noch viel Raum gelassen, während sie im Chorus dann förmlich explodieren. Das Drumming von Symbolfetischist Danney Carey ist enorm komplex, schwer greifbar und dennoch technisch genial. Fernerhin gibt es einen ziemlich vertrackten Taktsprung zwischen Dreier- und Fünfergruppe bei 3:26 Minuten, die einen Meshuggahartigen Unisonolauf einleitet. Raffiniert, aber alles andere als eingängig, so wie eigentlich der meiste Rest des Albums auch. Verflüchtigen tut sich der ganze Zauber dann effektvoll in einem triolischen Hochgeschwindigkeitsfinale.

"Jambi" macht genau da weiter: Furztrockener, fast thrashiger Gitarrensound, delayhaltige bassfills und ein vergleichbares Carey-geprüftes Knüppelfinale - das fasst es etwa in einem Satz zusammen.  Der Track mit Hitpotenzial schlechthin ist jedoch, trotz gesalzener Länge von sechseinhalb Minuten, eindeutig "The Pot". Der Gesang wird insgesamt melodisch und eingängig von einem fast funkigen Basslauf begleitet, ohne jedoch die Unberechenbarkeit der Musik vermissen zu lassen. Vordergründig geht es, wie der Name bereits verrät, ums Kiffen. Was dahinter steckt, wieso Maynard die Angesprochenen als "fucking hypocrites" beschimpft, soll wohl jeder selbst herausfinden.

"Rosetta Stoned" muss wohl bei einer Exkursion ins British Museum entstanden sein, denn genau wie der mysteriöse Stein als Verbindung und Übersetzer verschiedener antiker Sprachen herhält, so ist der Song Mittler zwischen verschiedenen Klang- und Bewusstseinsebenen: Befremdliche, munter drauflos blubbernde Gesprächsfetzen werden wie Gebetswirrwar eingeworfen, kombiniert mit einem allmählich ansteigenden Spannungsbogen, aber auch immer wieder melodische Einwürfe. So wie ich die kranken Tool-Hirne einschätze, hat auch die Länge von genau 11 Minuten und 11 Sekunden eine hintergründige Bedeutung. Einige Takte und Zählzeiten kann ich nur noch blind schätzen, denn sie bilden ein ebensolches Rätsel wie besagter Stein. Wenn jemand die Effekte kennt, die Gitarrist Adam Jones in diesem Song verwendet, bitte melden, denn sie haben neben Adams Zauberhändchen einige der bis dato befremdlichsten und exotischten Gitarrensounds hervorgebracht. 

Auch nach fast 15 Jahren haben es die Techniker, die das Visions-Magazin einst die "Opposition zum Garagensound" taufte, immer noch nicht verlernt, wie man im Gleichschritt durch ein sehr tückisches Minenfeld marschiert, durchkommt und eine bild-, wort- und soundgewaltige Performance sondergleichen ablegt, an der sich kommende Generationen von Musikacts unterschiedlichster Couleur messen können. 

Ist das perfekte Album in dieser abstrakten Form jedoch überhaupt zu realisieren frage ich mich. Eine fast moralische Frage? Wer sagt mir, dass das nächste Album nicht noch besser wird und damit einer Note über der Referenzwertung von 10 Punkten zuwider handeln würde? Niemand tut es und insofern würde ich mich hüten, zu behaupten, dies sei das Beste, was Tool-mäßig möglich sei. Nichtsdestotrotz, das Album benötigt jedoch seine Zeit. Sänger MJK ist nebenbei als Winzer tätig und weiß, dass guter Wein lange lagern muss, um wirklich erlesen zu werden und genauso muss man dem Tool-Album ein wenig Wartezeit gönnen, bis es sich dem menschlichen Ohr vollends erschließt. Was damals gilt, gilt heute nach wie vor noch und auch nach längerer Überlegung kann ich nur unmündig beipflichten:

Tool sind halt Gott - alles andere wäre bloß Blasphemie.

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