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Times Of Grace: The Hymn Of A Broken Man

Erwartungsgemäß hochwertig
Wertung: 8.5/10
Genre: Metalcore
Spielzeit: 53:19
Release: 14.01.2011
Label: Roadrunner Records

Times Of Grace könnte man fast als Supergroup bezeichnen. Bestehend aus ganzen zwei Mitgliedern, entstand die Combo aus der körperlichen Not von Killswitch Engage-Wirbelwind und Producer von unter anderem Unearth, Adam Dutkiewicz, heraus: Wegen ernster Rückenprobleme musste der Mann einige Zeit im Krankenhaus verbringen (kein Wunder, wenn man sich mal anschaut, wie der Gute live vom Leder zieht), wo ihn die Muse küsste und er, ganz seinem Workaholic-Charakter entsprechend, begann, neue Songs zu schreiben.

Wirklich ungewöhnlich wird die Kombi allerdings erst mit dem zweiten Mann an Bord, keinem Geringeren als Jesse Leach, der KsE-Fans noch gut von den ersten Alben der Band als Sänger bekannt sein dürfte und zurzeit auch bei The Empire Shall Fall hinterm Mikro steht. Den Job bei seiner Topseller-Band musste der Ami nach dem Release von „Alive Or Just Breathing“ an den Nagel hängen, als seine Stimme bei Konzerten immer häufiger aussetzte und er massive psychische Probleme bekam. Kein Wunder also, dass Adam D., bekannt für sein gespenstisch gutes Händchen in Bezug auf Musiker und/oder Songwriter, seinen ehemaligen Bandkollegen und guten Freund für sein neues Projekt verpflichten wollte.

Was dabei herauskommt, dürfte wohl niemanden überraschen, vor allem, wenn man sich die Credits des Debütalbums „The Hymn Of A Broken Man“ anschaut: Leach fungiert als Sänger, Mr. D. verausgabt sich wie selbstverständlich an Drums, Gitarre, Bass und Mikro. Scheinbar gibt es nichts, was der Typ nicht kann, außer vielleicht, ernsthafte Lyrics schreiben. Gut, dass Jesse diesen Part übernimmt, denn der kennt sich mit Leid ja zur Genüge aus. Kein Wunder also, dass beide Männer das Album als eine Art Katharsis beschreiben – Reinung beziehungsweise Heilung durch Leiden. Besagtes Thema wurde zwar im Metal bestimmt schon gefühlte 12.674 mal verbraten, funktioniert aber richtig durchgeführt immer wieder erstaunlich gut.

Die erste Single „Strength In Numbers“ stellt auch gleich den Opener. Ob das taktisch so klug ist, sei mal dahingestellt, aber der Track rüttelt alleine mit dem kriegsmäßigen Intro schon mal ordentlich auf und als dann die typischen, leicht oldschooligen Dutkiewicz’schen Gitarren erklingen, kann man eigentlich nur noch grinsen, erst recht, wenn sich der treibende Gesang von Jesse dazu gesellt. Dass der Mann ein Ausnahmesänger ist, war schon zu Killswitch-Zeiten kein Geheimnis, aber man könnte beinahe meinen, seitdem habe er Gesangsstunden genommen. Vor allem die klaren Vocals wirken viel differenzierter – aber das kann natürlich auch an der Produktion liegen. Muss es aber nicht zwangsläufig.

„Willing“ ist dann durchaus ein Stück, das noch vor einigen Jahren so oder ähnlich von Killswitch Engage hätte abgeliefert werden können, aber diesen roten Faden muss man sich bei „The Hymn Of A Broken Man“ gefallen lassen – schließlich prägt der gute Adam den Sound beider Bands wie kein Zweiter. Ein feiner epischer Refrain rundet den ohnehin sehr guten Track ab und sorgt dafür, dass die Zeilen noch Stunden später durch den Gehörgang wabern. Überhaupt spielt die Epik hier auf den ersten Blick eine ähnlich große Rolle wie beispielsweise bei Killswitch – die Gitarren weben die Songs oftmals in einen flirrenden, schwebenden Teppich, bevor sie sich in die Botanik fräsen. Besonders schön fällt das bei einem Track wie „Until The End Of Days“ auf: Eine leicht nachhallende Gitarre paart sich mit etwas verzerrten, klaren Vocals – wunderschön! Dass das so nicht die vollen viereinhalb Minuten weitergeht, kann man sich denken; das Schlagzeug setzt dröhnend ein und der klare, eben noch so fragile Gesang entwickelt sich zu fiesem Geschrei. Grandios, wie die beiden Musiker sich die Bälle zuzuspielen scheinen, wie Adam Jesse mit seiner Gitarre aus der Reserve lockt und der sonst eher still wirkende Sänger dann loslegt! Wem da kein seliges Grinsen übers Gesicht huscht, der hat schlicht und ergreifend keine Ahnung von Musik.

Überraschend wird mit „The Forgotten One“ eine bluesige Nummer eingeschoben – vielleicht auch nicht ganz so überraschend, wenn man weiß, dass Leach in der Blues-Rock-Combo Seemless tätig ist (übrigens mit ehemaligen Shadows Fall- und Overcast-Mitgliedern ebenfalls eine Supergroup). Fein anzuhören ist dann vor allem der gemeinsame Gesang der beiden, unterlegt von der altbewährten Akustischen, die allein auf weiter Flur spielt und so ein regelrechtes Allein-in-der-Prärie-Flair transportiert. „Hope Remains“ bildet dann mit seinem thrashigen Einstieg natürlich das volle Kontrastprogramm, klingt aber ein wenig zu sehr nach KsE – man könnte fast meinen, Howard Jones würde im Hintergrund mitwirken. Ein lustiges Gefühl allemal, aber bis auf die genialen Gitarren im Refrain plätschert der Song so ein bisschen vorbei, ehe im letzten Drittel dann nochmal richtig die Post abgeht und mit Blastbeats, Metalcore-Gitarren und ordentlich Background-Geschrei von Seiten Adams alles aufgefahren wird, was man sich so vorstellen kann.

Das fast sechsminütige „The End Of Eternity“ kann man dann getrost als das Herzstück der Platte ansehen: Im Intro versehen mit einer düster-mystischen, Danzig-mäßigen Gitarre und klarem Gesang, der sich nur langsam aus dem Hintergrund nach vorne schiebt, wirkt der Song erst gemächlicher als er eigentlich ist. Zwar entwickelt sich hier nicht gerade eine Speed-Metal-Granate, aber ganz allmählich werden die Drums im Hintergrund drängender, der Gesang fokussierter und Adams Gitarre spielt sich leicht in den Vordergrund. Ein schönes, eindringliches Stück mit einigen Gänsehautmomenten und schwarzmetallischen Growl-Highlights gegen Ende. Schade, dass nicht noch mal so ein richtiger Kracher als Rausschmeißer herausgehauen wird, aber „Fall From Grace“ gestaltet sich zumindest nicht als Notlösung, sondern als etwas ruhigerer, wenn auch nicht weniger hochwertiger Track.

Fazit: „The Hymn Of A Broken Man“ bietet in etwa das, was man erwarten konnte – nämlich technisch hochwertigen Metalcore mit großartigen Vocals – und darüber hinaus sogar noch ein bisschen mehr. Mit Bezugnahme zu Adams Krankenhausaufenthalt und der dort geschriebenen Songs, die sich hier versammeln, kann die Scheibe fast als Konzeptalbum stehen und unter diesem Licht präsentieren sich die Stücke natürlich alle noch eine Spur intensiver, noch ein wenig deprimierter, einen Tick hoffnungsloser. Hoffnung für Fans, die Times Of Grace gerne auch mal live sehen würden, besteht aber: Adam und Jesse sollen schon mit der Suche nach geeigneten Livemusikern begonnen haben. Versteht sich von selbst, dass das ein hochkarätiges Line-Up werden wird. Den passenden Soundtrack dazu haben wir hier immerhin schon vorliegen.

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