Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

The Vision Bleak: The Unknown

Stärker und vielschichtiger als der Vorgänger
Wertung: 9/10
Genre: Horror Metal
Spielzeit: 48:14 (59:02 inkl. Bonustracks)
Release: 03.06.2016
Label: Prophecy Productions

Wenn eine Band sich in der heutigen Zeit dazu entschließt, bereits knapp zwei Monate vor dem Release ihrer neuen Platte auf Tour zu gehen, muss sie schon verdammt viel Selbstvertrauen haben und sehr viel von dieser Scheibe halten. The Vision Bleak haben dieses Selbstvertrauen allerdings völlig zu Recht, haben die beiden Poe- und Lovecraft-Fans ihre Anhängerschaft doch noch nie enttäuscht. Passender könnte der Titel der neuen Langrille mit „The Unknown“ gar nicht ausgewählt sein, war es sowohl für die Band als auch deren Fans gewissermaßen eine Reise ins Ungewisse, indem man auf besagter Tournee gleich vier neue Songs vorstellte, und sogar eine Prelistening-Session mit einigen glücklichen Supportern veranstaltete.

Letztlich aber eine Taktik, die aufging, denn so wurden die Leute nur noch heißer auf den 3. Juni gemacht – jedenfalls kam das neue Material sehr gut an und auch der Verfasser dieser Zeilen konnte es kaum erwarten, das sechste Studioalbum aus dem Hause Schwadorf und Konstanz nach genannter Session endlich mit weiteren Durchläufen zu beehren. Das Intro „Spirits Of The Dead“ versetzt einen umgehend in die wohlige TVB-Grusel-Atmosphäre, bevor „From Wolf To Peacock“ mächtig Dampf macht: Flottes, kompromissloses Schlagzeugspiel treibt die Nummer nach vorne, die Gitarrenmelodie sorgt für den Eingängigkeitsfaktor, der gewaltige Soundwall zeigt, dass bei der Produktion wie gewohnt keine halben Sachen gemacht wurden, und in der Mitte des Stückes ist via stampfendem Midtempo-Riffing ordentlich Headbanging vor der heimischen Anlage angesagt.

Alles wie gehabt also? Dass die Truppe unter hundert verschiedenen Metalcombos herauszuhören ist, weiß man schon seit dem Debüt „The Deathship Has A New Captain“, dass sie trotzdem nicht auf der Stelle treten will, allerdings ebenso. So zeigt sich bereits im Opener, dass wieder verstärkt Screams (von Schwadorf dargeboten) eine Rolle spielen, auf die man beim Vorgänger „Witching Hour“ komplett verzichtete. Man hat sich also wieder ein bisschen mehr auf die Wurzeln konzentriert und geht wieder etwas aggressiver zu Werke, zumal die harschen Vocals auch im weiteren Verlauf der Platte ziemlich häufig eingesetzt werden.

Auf der anderen Seite wird ebenso relativ viel mit Akustikgitarren gearbeitet (möglicherweise auch durch Schwadorfs Reanimierung von Empyrium bedingt), die auf dem letzten Werk ebenfalls praktisch nicht zu finden waren, und die für sehr viel Dynamik sorgen. Das Songwriting erweist sich dadurch als komplexer, weswegen der Ohrwurm-Faktor nicht so vordergründig ist, die Stücke dafür jedoch umso nachhaltiger wirken.

Vor allem der großartige Titeltrack glänzt mit viel Abwechslung: Ein bedrohlicher Anfang mit ein paar simplen, aber enorm effektiven Gitarrenklängen, der gleich Großes verspricht, dazu dann erneut walzendes Midtempo-Riffing, über dem eine mäandernde Melodie liegt und zu dem es wieder ganz klar Pflicht ist, die Rübe in Rotationsmodus zu versetzen. Zwischendurch aber wird diese druckvolle Nummer immer wieder durch ein paar luftige Akustikklampfen-Farbtupfer aufgelockert, die sich ganz hervorragend machen.

Auch das folgende „Ancient Heart“, dem mit seinem erhabenen, beschwörenden Gesang in der Strophe ein nahezu ritueller Charakter innewohnt und das dadurch eine besonders düstere, feierliche Stimmung gewinnt, setzt viel auf die Akustische, was sich auch hier als absolut gelungen entpuppt, da es viel zu Dynamik und Abwechslung beiträgt und das Ganze angenehm auflockert.

Eine der interessantesten Kompositionen stellt insbesondere „The Whine Of The Cemetery Hound“ dar, das in beeindruckender Manier die songschreiberischen Fähigkeiten des Duos vorführt: Schleppend und doomig beginnend, wird die Härte mittels geheimnisvoll klingender Pianoparts zwischendurch komplett herausgenommen, während gegen Ende dann doch noch das Gaspedal durchgetreten wird – und das alles völlig unaufgeregt und aus einem Guss. Ein ähnliches gilt für „How Deep Lies Tantaros?“, das immer mal wieder mit unerwarteten, aber umso geileren kleinen Schlenkern zu überraschen weiß, und das finale „The Fragrancy Of Soil Unearthed“, bei dem das gute alte Cembalo ausgepackt wird und das gegen Ende gar mit einem Part, der an My Dying Bride erinnert, aufwartet.

In Form von „The Kindred Of The Sunset“ findet sich allerdings doch eine kurze und knackige Ohrwurm-Nummer, die sofort zündet, in der Tracklist wieder – kein Wunder, dass sie dann auch als erste Single veröffentlicht wurde. Irgendwie eher ein Standardsong und sicherlich vorhersehbarer als der Rest, aber wenn man auf einem solchen songschreiberischen Niveau agiert, ist das an sich völlig schnurz – live ist Pommesgabel-Alarm hier auf jeden Fall garantiert.

Versteht sich also, dass „The Unknown“ einen klaren Pflichtkauf bedeutet. Für meine Begriffe noch stärker und vielschichtiger als der Vorgänger, in jedem Fall (nicht nur durch Schwadorfs Screams) aber härter und düsterer. Textlich haben die Jungs sich entschlossen, ebenfalls neue Wege zu gehen, sodass diesmal weniger alte Meister der klassischen Horrorliteratur als vielmehr Persönliches im Fokus steht – verpackt natürlich in die gewohnt archaische, poetische Sprache, für die die Band ja ebenfalls bekannt ist. Unbedingt übrigens die limitierte Auflage zulegen, denn mit dem kauzigen „The Ghost In Me“ und dem Edel-Gothic-Doom-Rocker „Luster Nocturnal“ stehen hier zwei weitere starke Songs zu Buche.

comments powered by Disqus