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The Tangent: Down And Out In Paris And London

Trotz des Titels weder ein Livealbum noch auf George Orwells Buch basierend
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 57:49
Release: 13.11.2009
Label: Inside Out / EMI

„Down And Out In Paris And London“ ist bereits das fünfte Studioalbum der britischen Progressive Rocker The Tangent (für den Verfasser dieser Zeilen allerdings das erste), und nicht etwa ein Livealbum, das in Paris und London aufgezeichnet wurde, wie man anhand des Titels vermuten könnte. Auch um eine Vertonung des gleichnamigen Buches von George Orwell handelt es sich nicht, wie Mastermind Andy Tillison betont. Lediglich in zwei Songs habe man sich wie Orwell anno 1933 ebenfalls mit dem Thema Armut auseinandergesetzt.

In einem weiteren Stück, „Ethanol Hat Nail“, beschäftigt sich die Band hingegen mit der Frage, ob die Möglichkeit, die heutzutage gegeben ist, auf sehr viel Musik direkt zugreifen zu können, überhaupt noch zu schätzen gewusst wird. Wenn man dies auf das leidige Thema illegales Downloaden bezieht, muss die Antwort wohl nein lauten, gerade bei einer Gruppe wie The Tangent, die sehr komplexe und gewissermaßen „alte“ Musik fabriziert. Die fünf Songs auf vorliegender CD bewegen sich zwischen sechs und 19 Minuten und der Stil erinnert an alte Prog-Helden wie Camel, Genesis und Yes, wobei insbesondere Camel ziemlich eindeutig durchschimmern, was sich nicht nur an der, neben dem häufig verwendeten Saxophon, hin und wieder eingesetzten Flöte, sondern auch an vielen Melodiebögen, die an Andrew Latimers Band erinnern, zeigt.

Trotzdem wäre es falsch, The Tangent als altbacken zu bezeichnen, dazu ist schon die Produktion zu modern geraten, ohne allerdings dass man von „aalglatt poliert“ oder ähnlichem sprechen müsste. Die Gitarren könnten in der ein oder anderen Passage etwas mehr Druck vertragen und deutlicher im Vordergrund stehen, aber The Tangent sind nun mal eine jener Prog-Combos, bei denen das Keyboard die Hauptrolle spielt und ob einem das nun gefällt oder nicht, eingesetzt wurde dieses Instrument auf sehr vielfältige und spannende Weise; es gibt also einiges zu entdecken.

Zweitens merkt man der Band die Spielfreude an – die beiden neuen Mitglieder, Bassist Jonathan Barrett und Schlagzeuger Paul Burgess (letzterer hat übrigens schon mit Camel zusammengearbeitet – der Kreis schließt sich also quasi) fügen sich glänzend ins Bandgefüge ein, da gerade Bass und Drums dank virtuosen und irgendwie leichtfüßigen Spiels ein gewisses Jazzfeeling vermitteln, sicherlich auch bedingt dadurch, dass Barrett es bevorzugt, bundlos zu spielen.

In jedem Fall ist „Down And Out In Paris And London“ eine gelungene Prog-Scheibe geworden, auf der es allein schon durch die Songlängen eine ganze Menge Details zu erforschen gibt. Manch einer mag wohl erst einmal denken: „Ein 19-minütiges Stück als Opener? Wie anstrengend“, aber dem wahren Progger wird natürlich das Herz lachen, wenn er so etwas sieht. Die ersten drei Minuten von „Where Are They Now?“ sind rein instrumental, bevor der Gesang einsetzt; ein bisschen wie eine Mischung aus Camel, Yes und wegen der schrägen Saxophonklänge frühen King Crimson (schräge Momente bleiben ansonsten jedoch weitestgehend außen vor, im Gegensatz zu den kauzigen, schwedischen Kollegen von Beardfish, deren Mitglieder übrigens allesamt mal bei The Tangent spielten), teilweise sehr virtuos vorgetragen. Aber keine Angst: Technische Fähigkeiten sind hier keineswegs mit Aufdringlichkeit gleichzusetzen; Solostellen wie in der Mitte des Stücks dienen dem Übergang und machen viel Spaß (besonders die Hammondorgel), die warmen Saxophon- und Flötenklänge tun ihr übriges, um der Band einen sehr facettenreichen Sound zu verleihen, und die schönen Gesangslinien sind teilweise sehr eingängig. Manchmal mag es Tillisons Gesang ein wenig an Power mangeln, doch das macht er durch seine angenehm natürliche und daher sympathische Art zu singen, durchaus wett. Dennoch sind die Vocals sicher eine Geschmacksfrage.

Nach diesem epischen ersten Stück folgt mit „Paroxetine – 20 mg“ ein mit knapp acht Minuten dagegen geradezu kurz erscheinender Song, der mit seinem Wechselspiel aus spacigen, futuristisch anmutenden Synthieklängen und smooth groovendem E-Piano, sowie eingängigem Chorus sehr zu gefallen weiß. Besonders erwähnenswert ist die Art, wie man das Tempo im Endpart in bester Jazzmanier verdoppelt. 

Apropos Eingängigkeit: Wenn man dem Ex-Kollegen Falkenberg, von dem das Review zum unmittelbaren Vorgänger „Not As Good As The Book“ stammt, glauben darf, so waren dessen Songs nicht gerade mit viel Wiedererkennungswert gesegnet. Doch sei erwähnt, dass auch Andy Tillion darauf hinweist, es handle sich bei der neuen Scheibe im Gegensatz zur vorigen Platte nicht um ein Konzeptalbum, sondern die Songs stünden mehr für sich. Aus diesem Grund sind auf „Down And Out In Paris And London“ mehr Hooklines zu finden, als es anscheinend auf dem letzten Album der Fall war. 

So auch bei „Perdu Dans Paris“, in welchem dem Titel gemäß auch einige französische Zeilen zum Besten gegeben werden. Der zweite Track jenseits der zehn Minuten dürfte sicherlich auch einer der schönsten des Albums sein: Eine regelrechte Traumreise, bei der man einfach nur die Augen schließen und sich treiben lassen kann.

Bei den letzten beiden Stücken „The Company Car“ und „The Canterbury Sequence Vol. 2: Ethanol Hat Nail“ schließlich wird es noch mal ein bisschen schräger, insbesondere bei letztgenanntem. Da sind dann Momente dabei, wo man tatsächlich schon mal an die bereits genannten Beardfish erinnert wird.

Fazit: Sicherlich erfinden The Tangent das Rad nicht neu, aber in dem, was sie tun, sind sie gut. Stücke wie „Where Are They Now?“ oder „Perdu Dans Paris“ sind sehr genau durchdacht, sehr hübsch und sollten schlicht genossen werden. Und mit dem verrückten letzten Track beweisen die Briten, dass sie keinswegs vorhaben, lediglich auf Nummer Sicher zu gehen.

Anmerkung: Der Bonustrack „Everyman’s Forgotten Monday“ war nicht auf der Promo-CD vorhanden und ist daher nicht in der Spielzeit berücksichtigt.

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