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The Night Flight Orchestra: Aeromantic

Noch mehr Cheese, noch mehr Synthies, noch mehr Kitsch, noch mehr Nostalgie
Wertung: 8,5/10
Genre: Hard Rock / Glam Rock / AOR
Spielzeit: 59:05
Release: 28.02.2020
Label: Nuclear Blast

„You can’t do that!“ – Mantra-artig werden diese Worte im Promoschreiben wiederholt, Worte, mit denen sich The Night Flight Orchestra von allen Seiten angeblich konfrontiert sahen, als sie in Gestalt von Soilwork-Sänger Björn „Speed“ Strid und -Gitarrist David Andersson jene Combo aus der Taufe hoben, dann bei einem Metallabel wie Nuclear Blast einen Deal ergatterten und planten, auf Metalfestivals überall auf der Welt aufzutreten. Natürlich soll dies in sicherlich etwas pathetischer Manier den Exotenbonus der Band unterstreichen, den sturen Willen, entgegen pessimistischen Prophezeiungen oder Szenepolizisten sein Ding durchzuziehen – aber es funktioniert!

Der Erfolg gibt den Schweden recht, das aeronautische Image verfehlt seine Wirkung nicht und auf Festivals sieht man regelmäßig Metalheads glückselig Discotänze zu Auftritten des Nachflugorchesters vollführen. Flott sind sie mit ihren Veröffentlichungen, offenbar geistern ihnen stetig neue Ideen durch den Kopf, wenn man betrachtet, dass „Aeromantic“ – insgesamt das fünfte in der Diskographie – das dritte Studioalbum seit 2017 markiert. Das inhaltliche Konzept wird, wie man schon anhand des Titels erkennt, weiter verfolgt und auch musikalisch wurde wenig an der bisherigen Ausrichtung geändert.

Höchstens die Tatsache, dass man noch mal eine Schippe Cheese draufgelegt hat. Dass man gerade als Metaller aufgeschlossen sein muss für die Mucke dieser Truppe, ist ohnehin klar, eine Nummer wie „Golden Swansdown“ allerdings mag für so manchen dennoch eine kleine Herausforderung sein. Im Prinzip könnte das Stück auch der Feder einer Boygroup entstammen, doch gilt hier einmal mehr wie schon auf den vergangenen Platten von Speed und Co.: Handwerklich und von den Arrangements her ist das beeindruckend und hochwertig gemacht, außerdem schwingt wie bei allem von dieser Band immer eine gehörige Portion Selbstironie mit, was sympathisch ist, des Weiteren ist gerade dieser Song derart over the top (allein der Titel!), dass man das einfach mit einem breiten Grinsen abfeiern muss.

Es ist unfassbar, wie The Night Flight Orchestra erneut scheinbar mühelos einen Ohrwurm nach dem anderen heraushauen und dabei eine relativ breite Palette von Disco über Pop, AOR und Glam bis zu Hard Rock abdecken. So findet sich mit dem oberlässigen „Curves“ eine waschechte Toto-Nummer, während das Klavierintro zu „This Boy’s Last Summer“ sehr stark an ABBA erinnert und das mittig platzierte Albumhighlight „Transmissions“ mit seinen blubbernden Synthesizern wie eine Art Mischung aus Billy Idol und Depeche Mode tönt.

Diese Einflüsse kennt man von den letzten Alben bereits? Das mag schon sein, ebenso, dass der unglaublich eingängige Refrain von „Divinyls“ (nettes Kofferwort) mehr als nur inspiriert scheint von Roxettes „Good Karma“ – aber das Schöne ist: Es ist schlichtweg scheißegal. Auch auf ihrem fünften Album gelingt es der Band trotz des gelegentlich aufkeimenden „Hm, hab ich irgendwie schon mal gehört“-Gefühls, den Hörer mitzureißen. Die teilweise fantastischen Refrains und die zu jedem Zeitpunkt spürbare Spielfreude machen unheimlich viel Spaß und lassen einen vor der heimischen Anlage tanzen und voller Begeisterung mitsingen.

Ja, die Synthesizermelodie in „If Tonight Is Our Only Chance“ ist so cheesy, dass man sich kurz vergewissern will, ob man statt einer CD nicht eine Scheibe Käse in den Schacht des Players gelegt hat, trotzdem kann man halt nicht anders und feiert es ab, und wenn „Dead Of Winter“ loslegt, kommt einem zunächst der skeptische Gedanke „Schon wieder so eine Survivor-Nummer?“, doch dann wächst das Teil zu einem so geilen Bombast-Hit, dass man hier ebenfalls voll dabei ist.

Bei aller Euphorie sei jedoch nicht verschwiegen, dass sich auch ein paar Füller eingeschlichen haben: Der Titelsong geht nach dem grandiosen „Transmissions“ ziemlich unter und „Taurus“ klingt wie das schwächere Pendant zu „Gemini“ vom „Amber Galatic“-Longplayer (dass die Stücke Parallelen aufweisen, ist möglicherweise gewollt, da ja beide nach Sternzeichen benannt sind). Der Opener „Servants Of The Air“, dessen Mainriff auch von Audrey Horne sein könnte, ist hingegen auch aufgrund seiner Länge von sechs Minuten ein wenig sperrig, wächst aber nach mehreren Durchläufen – trotzdem seltsam, dass ausgerechnet bei einer Band, die so von schnell zündenden Hooklines lebt, die Opener regelmäßig zu den Songs gehören, die ein wenig Zeit brauchen, um sich entfalten.

Das Septett hätte also vor allem in der zweiten Hälfte hier und da kürzen können, vielleicht wären nicht unbedingt 13 Tracks notwendig gewesen und alles in allem ist „Sometimes The World Ain’t Enough“ wohl einen kleinen Tick stärker, aber ein tolles Album, das sehr viel Laune macht und jede Menge unwiderstehliche Ohrwürmer bietet, haben TNFO auch dieses Mal wieder abgeliefert. Erneut glückt ihnen außerdem das Kunststück, bei aller Nostalgie und Achtziger-Verbeugungen zeitgemäß und nicht etwa anachronistisch zu klingen. Ärgerlich nur: Bei „City Lights And Moonbeams“ handelt es sich um den Bonustrack der japanischen Edition – erstaunlich daher, dass dieser in der Promo mit dabei war. Wie kann man so einen großartigen Smasher, der einen perfekten Albumrausschmeißer darstellt, zum Bonustrack degradieren und den europäischen und amerikanischen Fans quasi vorenthalten? Ich wäre ohnehin sehr dafür, diesen Bonustrack-Schwachsinn endlich ein für allemal abzuschaffen.

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