Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

The Night Flight Orchestra: Aeromantic II

Mindestens so gut wie der letztjährige erste Teil
Wertung: 8,5/10
Genre: Hard Rock / Glam Rock / AOR
Spielzeit: 51:22
Release: 03.09.2021
Label: Nuclear Blast

Auch The Night Flight Orchestra gehören zu jenen Bands, die die Corona-Pandemie besonders hart getroffen hat: Am 28. Februar des letzten Jahres veröffentlichten sie „Aeromantic“ und wollten damit eigentlich auf große Tour gehen. Der absolute Durchbruch schien endlich möglich, immerhin sind die Achtziger schon seit längerer Zeit wieder total in – doch nach nur wenigen Terminen musste die Tournee aus den bekannten Gründen abgebrochen werden. Wie viele andere Combos in dieser Situation entschloss man sich, früher als gedacht neue Musik zu schreiben und ins Studio zu gehen.

Das Ergebnis in Form von „Aeromantic II“ führt erwartungsgemäß die im Vergleich zu den vorigen Platten noch poppigere Ausrichtung des ersten Teils weiter, wobei es trotz der titelmäßigen Fortsetzung etwas hochgegriffen wäre, von Konzeptalben zu sprechen, wenngleich man, wie es im Promoschreiben heißt, auch hier wieder „das aufgreift, wofür diese Band steht: Immer unterwegs sein, Romantisieren des Reisens, manchmal auch mit gebrochenem Herzen, dennoch begleitet von den guten Dingen im Leben“.

Und obwohl nur rund anderthalb Jahre zwischen den beiden „Aeromantic“-Scheiben liegen, hat es die Truppe unglaublicherweise erneut geschafft, eine ganze Reihe Gassenhauer zu komponieren, die sich irgendwo zwischen AOR, Disco und Pop befinden. Da ist natürlich wieder viel Cheese vorhanden, Kitsch ist nicht weit und nicht weniges kommt einem wie schon mal gehört vor – viele bekannte Acts werden geradezu zitiert und in eklektischer Manier zusammengefasst; dennoch gilt auch für das nunmehr sechste Studioalbum des Nachtflugorchesters, dass das irgendwie keine Rolle spielt, dazu macht die Angelegenheit schlichtweg zu viel Spaß. Zu jeder Sekunde ist die Liebe der Formation zu jener musikalischen Ära spürbar.

Schon der Einstieg mit „Violent Indigo“ könnte hymnischer kaum sein: Die Keyboardfanfaren haben einen leichten Van Halen-Touch, insgesamt schimmern hier jedoch nicht zum ersten Mal in der Bandgeschichte Survivor durch, mit den rockigen, kraftvoll im Midtempo groovenden „Midnight Marvelous“ und „Burn For Me“ hat man allerdings weitere exzellente Hymnen auf der Pfanne. Dagegen sind das asiatisch eingefärbte „You Belong To The Night“ (Achtziger-Karatefilme kommen einem in den Sinn) und das superfetzige, energiegeladene „White Jeans“ (eine Hommage an die LGBTQIA+-Community) sehr tanzbar, sehr schnell und Disco-Pop allererster Güte pur – aber mindestens genauso eingängig.

„How Long“ trumpft ebenfalls mit einem grandiosen Refrain auf und wird von Fronter Björn „Speed“ Strid als „Deep Purple in den Neunzigern auf Kokain“ beschrieben und der Groove von „Chardonnay Nights“ hat was von Kiss’ „Dynasty“-Phase. In „Change“ wird dann einmal mehr ein zünftiger Toto-Kniefall zelebriert, insbesondere bei dieser Nummer kommt der neue Keyboarder John Manhattan Lönnmyr mit vielen kleinen hübschen Synthie-Schnörkeln zur Geltung, während „Amber Through A Window“ einen Rückbezug auf das eigene Schaffen darstellt (das 2012er Album „Amber Galactic“). Musikalisch handelt es sich um einen der spannendsten Songs der Platte, die cleveren Tonartwechsel und die leicht Beatles-artige, an ein Stück wie „Eleanor Rigby“ erinnernde kurze Streicherpassage in der Mitte lassen die Nummer progressiv angehaucht wirken.

„I Will Try“ hingegen klingt fast schon wie Kim Wilde mit männlichem Gesang; allertiefste Achtziger, muss man mögen oder eben nicht – ich find’s geil. „Zodiac“ tönt etwas mystischer, der Beat lässt an die Michael Jackson-Klassiker „Beat It“ und vor allem „Billie Jean“ denken. Abgeschlossen wird mit dem ruhigen, leicht verträumten „Moonlit Skies“, das die Platte in einer Art beendet, als wenn man nach durchgefeierter Nacht allmählich vom zugedröhnten Zustand runterkommt und die letzte Zigarette raucht, bevor man dann doch irgendwann endlich pennen geht.

Man kann nur hoffen, dass die Band bald wieder auf Tour gehen kann und dann könnte sie eigentlich gleich doppelt so lange Sets spielen, denn mit dieser weiteren Fülle an Hits im Gepäck muss sie einfach unbedingt so schnell es geht wieder auf der Bühne stehen. Mit „Aeromantic II“ haben TNFO wieder eine mehr als solide Platte abgeliefert, die ihrem Vorgänger definitiv die Stirn bieten kann und alle Sounds der Spätsiebziger über die Achtziger bis zu den frühen Neunzigern abdeckt, dabei aber gewohnt frisch und spritzig klingt. Nostalgiker und Freunde poprockig-cremiger und schmissig-funkiger Ohrwürmer, die bei aller Eingängigkeit trotzdem anspruchsvoll genug arrangiert sind, dass einem auch nach mehreren Durchgängen noch neue Details auffallen, kommen hier erneut voll auf ihre Kosten.

comments powered by Disqus

Sieben Alpha-Hein-Mücks

Doomiges Live-Konzert in eine mögliche neue Normalität

Der Erstlingsroman des Musikers kann sich sehen lassen

Werkschau einer der größten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten

Wie mit einer Ex-Freundin

Willkommen in der Husumer Sauna

Von Jahr zu Jahr kommt man einfach immer mehr auf den Boden der Tatsachen