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The Mute Gods: Tardigrades Will Inherit The Earth

Auch das zweite Album nach nur einem Jahr kann überzeugen
Wertung: 8,5/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 51:57
Release: 24.02.2017
Label: InsideOut

Eigentlich seltsam, dass man heutzutage immer voller Anerkennung ist, wenn einer Band es gelingt, zwischen zwei Platten nur ein Jahr verstreichen zu lassen – früher war dies schließlich gang und gäbe. Und das waren keine Schnellschüsse, so manche Band hat ganz im Gegenteil innerhalb kurzer Zeit mehrere Klassiker hintereinander herausgehauen – so geschehen bei The Beatles, Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath oder The Doors, um nur ein paar zu nennen. Inzwischen ist es normal, wenn zwei, drei oder sogar noch mehr Jahre bis zur nächsten Studiolangrille vergehen; The Mute Gods sind da wie die alten Heroen aus den Sechzigern und Siebzigern von der schnelleren Fraktion. Letztes Jahr im Januar erschien das Debüt „Do Nothing Till You Hear From Me“, Ende Februar 2017 steht bereits der Nachfolger „Tardigrades Will Inherit The Earth“ in den Verkaufsregalen.

Und nachdem die Formation um die (Ex-)Steven Wilson-Musiker Nick Beggs und Marco Minnemann bei ihrer ersten Scheibe mit einem extrem coolen Titel aufwarten konnte (der markante Spruch geht laut Beggs übrigens auf Ex-US-Präsident Dwight D. Eisenhower zurück, als er in seiner Abschiedsrede die sogenannte Freie Welt vor dem Aufstieg des militärisch-industriellen Komplexes warnte), hat sie auch diesmal eine klangvolle Schlagzeile in petto, die schon jetzt locker als „Titel des Jahres“ durchgeht.

„Tardigrades“, zu Deutsch „Bärtierchen“, sind winzige Lebewesen mit enormer Anpassungsfähigkeit, sodass es nicht unlogisch erscheint, dass sie die Menschheit überleben werden – ob sie dann auch die Welt erben würden, sei dahingestellt. Auf jeden Fall zeugt dieser Titel sowohl von einer gehörigen Portion Humor (den die Truppe allerdings auch schon auf ihrem Erstlingswerk durchschimmern ließ) als auch davon, dass sich diese Band Gedanken um den Zustand der Welt macht. Nick Beggs bezeichnete die Scheibe im Vorfeld denn auch als so „zornig wie eine Klapperschlange, deren Schwanz in einer Autotür eingeklemmt wurde“.

Baustellen gibt es auf unserem Planeten definitiv genug und mit dem vorab veröffentlichten Song „We Can’t Carry On“ haben die Stummen Götter ihren Standpunkt bereits sehr deutlich gemacht – auch wenn dem einen oder anderen da vielleicht ein bisschen zu deutlich der moralische Zeigefinger erhoben wird. Musikalisch markiert die Nummer eine höchst eingängige Komposition mit simplem, aber doch zündendem Refrain; einerseits spielt sie mit poppiger Attitüde, beinhaltet andererseits dennoch genügend Rotz und Lässigkeit, um letztlich doch als relativ rockig über die Ziellinie zu marschieren.

Insgesamt hieß es jedoch, das zweite Langeisen sei Metal-orientierter als das erste – diese Einschätzung lässt sich aber nur äußerst bedingt teilen. Als härtestes Stück dürfte „The Dumbing Of The Stupid“ durchgehen (wieder ein herrlicher Titel – worum es da textlich geht, muss wohl nicht näher erläutert werden), das mit einem sehr fetzigen Mainriff und verzerrtem Gesang aufwartet und einige schräge Momente zu bieten hat – besonders bei den chaotisch anmutenden Gitarrensoli, die beinahe ein wenig an kleinere King Crimson-Verrücktheiten erinnern. Ein interessanter Song, den man zu den Highlights der Platte zählen muss.

Zwar präsentiert sich das Trio Beggs, Minnemann und Roger King weniger hart als vermutet, dafür aber erneut recht vielfältig. Der Start nach dem Intro „Saltatio Mortis“ mit „Animal Army“ (erinnert sich noch jemand an die Neunziger-Jahre-Space-Rock-Band Babylon Zoo? Die hatten mal eine Single mit dem gleichen Titel…) fällt noch etwas schleppend (wenn auch nicht schlecht) aus, doch vor allem zur Mitte hin wird das Album richtig stark: Der Titelsong groovt superleger und zeichnet sich neben einer extrem coolen Gesangsperformance von Beggs wiederum durch einen fantastischen Mitsingrefrain aus, auch die darüber thronende Achtziger-mäßige Synthie-Melodie erweist sich in keinster Weise als übertrieben oder gar lächerlich, sondern als bereichernd und sehr griffig.

Auch das wundervoll entspannte, fast sphärische „Window Onto The Sun“ stellt einen Höhepunkt dar – hier ist es die Gitarre, die mit schmeichelnden Klängen im Chorus für den Ohrenschmaus sorgt –, der Achtminüter „The Singing Fish Of Batticaloa“ hingegen fischt wiederum in progressiven Gewässern und besitzt mit den glockenhellen Keyboardklängen eine gewisse Leichtfüßigkeit. Gelungen sind auch das vom gleichnamigen Michael-Crichton-Roman inspirierte, neoproggige Instrumental „The Andromeda Strain“ sowie das ebenso balladeske wie leicht bedrohliche „Early Warning“. Mit der hübschen Kuschelnummer „Stranger Than Fiction“ wird die Platte ähnlich ruhig wie ihr Vorgänger beendet, wenngleich das Stück mehr überzeugen kann als seinerzeit „Father Daughter“.

Zusammengefasst liegt mit „Tardigrades…“ eine Scheibe vor, die als mindestens so stark wie das 2016er Debüt eingeschätzt werden muss. The Mute Gods haben ihren eigenen Sound bereits gefunden, clever werden Prog-, Pop- und Rockelemente zu einem eigenständigen Gebräu vermischt, das Songwriting ist vielfältig, die Ideen sind originell und mit routinierter, aber keineswegs abgestumpfter Coolness dargeboten und über das handwerkliche Niveau muss man wohl kaum großartige Worte verlieren.

Großer Pluspunkt der Truppe ist außerdem das etwas Eigenwillige, Kauzige, da dies wesentlich zur Eigenständigkeit beiträgt. Man darf gespannt sein, ob und was da noch alles kommen wird, vor allem, wenn die Kapelle in diesem hohen Tempo weiterarbeitet. Hinweis: In Form von „Hallelujah“ liegt in der Special Edition noch ein offensichtlich religionskritischer Track vor, der im Promopaket jedoch leider nicht enthalten war und somit keine Berücksichtigung in der Rezension findet.

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