Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Ten Years After: Evolution

Noch etwas stärker als "Now"
Wertung: 9/10
Genre: Blues Rock, Rock 'n' Roll
Spielzeit: 55:25
Release: 17.11.2008
Label: Fast Weste (H'ART)

Wer war noch gleich Alvin Lee? Ach ja, der legendäre Gitarrist und Sänger von Ten Years After, einer Band, die schon seit einer gefühlten Ewigkeit existiert und bereits in Woodstock spielte. Was John Petrucci, Michael Romeo, Yngwie Malmsteen, Jeff Loomis oder Joe Satriani heute sind, das war Alvin Lee in den Sechzigern und Siebzigern: Ein Saitenhexer, dessen Finger in einer solch unfassbaren Geschwindigkeit über das Griffbrett rasten, dass jedem Normalsterblichen die Augen aus dem Kopf zu fallen drohten.

Dass nun ausgerechnet dieser Alvin Lee seit der Reunion vor fünf Jahren nicht mehr in der Band ist, in welcher ansonsten mit Keyboarder Chick Churchill, Bassist Leo Lyons und Drummer Ric Lee noch alle Originalmitglieder am Start sind, mochte anno 2003 zunächst etwas befremdlich wirken und die Skeptiker auf den Plan rufen, noch dazu, wo mit dem jungen Joe Gooch nun einer am Mikro stand und den Sechssaiter schwang, der weiß Gott nicht wie ein Rocker aussah.

Als ich letztes Jahr ein Konzert der Jungs (oder vielleicht besser: der drei sympathischen Rock-Opas plus jungem Mann) besuchte, waren diese Zweifel jedoch mit den ersten paar Tönen wie weggewischt: Zu gut präsentierte sich Joe Gooch, zu filigran sein Spiel, zu authentisch sein Auftreten, zu überzeugend seine Stimme.

Mit enthusiastischen Auftritten und der überzeugenden Scheibe „Now“ konnten Churchill, Lyons, Ric Lee und Gooch die Lücke, die der einstige Superstar der Band hinterließ, ohne Probleme füllen und nun liegt uns mit „Evolution“ die zweite Studioplatte in dieser Besetzung vor.

Nun, ob die Scheibe einen Quantensprung in der Evolution der Musikgeschichte darstellt, darf sicherlich bezweifelt werden, Ten Years After machen in erster Linie einfach das, was sie am besten können: Technisch astreinen, mit wunderschönen Melodien und kernigen Rock’n’Roll-Riffs ausgestatteten Rock mit bluesigem Einschlag. Hier klingt jedoch wie schon bei „Now“ nichts nach dem Aufwärmen alter Hits; nichts nach alten Säcken, die ihren Zenit überschritten hätten und mit einem jungen Frontmann versuchen, an glorreiche alte Zeiten anzuknüpfen und sich beim jungen Publikum anzubiedern – nichts mutet altbacken oder lahmarschig an. Hier wird zeitloser bluesiger Rock’n’Roll voller Spielfreude dargeboten, abwechslungsreich und erfrischend.

Natürlich liegt das einmal an Joe Goochs starker Gesangsleistung und seinem anbetungswürdigen Gitarrenspiel, dessen Repertoire von kraftvoller Rhythmusarbeit über filigrane Läufe bis hin zu schmeichelndem Bottleneck-Streichlern reicht. Einen weiteren Anteil hat die zeitgemäße Produktion, die weder auf extra-modern, noch auf übertrieben Old School getrimmt wurde und selbstverständlich das glänzende Songwriting.

Schon der Opener „I Think It’s Gonna Rain All Night“ beweist, wie songdienlich Gooch trotz virtuoser Läufe agiert. Cool, wie hier mäanderndes, melodisches Riffing und bluesiges Slide-Gitarrenspiel kombiniert werden. Auch wird sofort deutlich, dass sich seine Stimme im Gegensatz zum Vorgängeralbum der Musik noch besser angepasst hat. Insgesamt hört sie sich etwas rauher und in den härteren Nummern auch schmutziger an, was bei dieser Art Musik eigentlich nur von Vorteil sein kann.

„She Keeps Walking“ besticht dann durch herrliche Harmonien, sowohl in den Gesangslinien, als auch in den exzellent vorgetragenen Orgel- und Gitarrenläufen. Man moduliert sich in den Solostellen durch die Tonarten, dass es eine wahre Pracht ist. Und nebenbei groovt das Teil auch noch erstklassig. Fett!

Etwas besinnlicher geht es dann mit der balladesken Nummer „Why’d They Call It Falling“ weiter, die mit einem absoluten Ohrwurm-Refrain gesegnet ist, in welchem herrliche Harmonie-Voicings auftauchen. Überflüssig zu erwähnen, dass in der ebenfalls wundervollen Strophe immer wieder über der warmen Orgel schwebende Gitarrenlicks erklingen, die das Ganze nur noch verschönern. Ein ebenfalls genialer Track, der sich zum Ende her immer mehr steigert und schließlich in orgiastischen Orgel- und Gitarrensoli mündet.

Wesentlich riffbetonter geht es dann wiederum bei „She Needed A Rock“ zur Sache, was einmal mehr den Abwechslungsreichtum dieser Scheibe betont.

Und so zieht es sich durch das gesamte Album: In 55 Minuten Spielzeit kein einziger Ausfall; das songschreiberische Niveau ist durch die Bank schwindelerregend hoch, die Spielfreude zu jeder Zeit spürbar. Sei es solch eine melancholische Perle wie „I Never Saw It Coming“ (himmlisch!), sei es das mitreißende „My Imagination“, das rock’n’rollige „Slip Slide Away“, bei dem die Orgel in bester Jon-Lord-Manier groovt, das dank der Slide-Gitarre mit Southern-Rock-Feeling ausgestattete, wehmütige „Tail Lights“, der an den berühmten „Slow Blues In C“ aus den Siebzigern Reminiszenzen weckende unverzichtbare Blues „Angry Words“ (übrigens ebenfalls in C), bei dem sich Chick Churchill und Joe Gooch einmal mehr an Piano und Gitarre austoben dürfen, oder der markige Rausschmeißer „That’s Allright“, der allerdings wohl noch das „schwächste“ Stück darstellt.

Fazit: Man wagt es ja kaum zu sagen, aber der Ausstieg von Alvin Lee war möglicherweise das Beste, was Ten Years After passieren konnte, schließlich agiert nicht nur Joe Gooch auf dem allerhöchsten Qualitätslevel, sondern ebenso seine drei älteren Mitstreiter. Alvin Lee soll ja – ähnlich wie Ritchie Blackmore – nicht der umgänglichste Zeitgenosse sein; möglich, dass Churchill, Lyons und Ric Lee sich nun tatsächlich befreiter fühlen.

Man kann nur hoffen, dass Joe Gooch Ten Years After noch einige Zeit erhalten bleibt, so wie er hier insbesondere durch sein Gitarrenspiel, das Feeling und technische Klasse locker unter einen Hut bringt, begeistern kann. In jedem Fall hat er – jung wie er ist – wohl noch eine große Karriere vor sich. Ten Years After selbst haben allein durch Woodstock die Highlights ihrer Karriere im Prinzip zwar schon hinter sich, beweisen jedoch mit diesem Album, welches wohl sogar noch einen Tick stärker als „Now“ ist, einmal mehr, dass sie deswegen noch lange nicht aufhören müssen, richtig starke Scheiben zu veröffentlichen.

comments powered by Disqus