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Temple Of The Dog: Temple Of The Dog

Ein schmerzhaftes, aber auch befreiendes Album, welches seit 18 Jahren seinesgleichen sucht
Wertung: 10/10
Genre: Alternative Blues Grunge Rock
Spielzeit: 55:17
Release: 23.04.1991
Label: A & M Records

Meistens sind es schöne Dinge, die zu einem Album führen, das war bei Temple Of The Dog anders. Andy Wood (Mother love Bone) starb am 19. März 1990 an einer Überdosis Heroin. Sein Mitbewohner und Freund war Chris Cornell, zu dieser Zeit besser bekannt als Soundgarden-Sänger. In seiner Trauer schrieb er die ersten beiden Songs des Albums, welche aber nicht zu Soundgarden passten. Sich der Qualität der Stücke aber bewusst, schloss er sich mit seinem Drummer Matt Cameron zusammen, lud die beiden Mother Love Bone-Musiker Stone Gossard (Gitarren) und Jef Ament (Bass) ein, um ein Album zu Ehren von Andy Wood aufzunehmen. Beide letztgenannten waren gerade dabei, mit Mike McCready Pearl Jam zu gründen und brachten ihn mit. Geboren war die Besetzung von Temple Of The Dog.

„Say Hello 2 Heaven“ ist somit der perfekte Opener, denn der Name sagt eigentlich schon fast alles über dieses Album aus. Es ist das beste, intensivste Album dieses Genres. Chris Cornell singt wie ein Gott mit jeder Menge Gefühl und so wie er es auch niemals bei Soundgarden, Audioslave oder bei seinem Soloprojekt geschafft hat. Allein dies verdeutlicht, wie stark die emotionale Bindung zu dem Songmaterial war. Die Mischung von Grunge, Alternative Rock mit psychedelischen Einflüssen und das starke Gefühl sorgen für eine sehr traurige Stimmung. Wer schon einmal einen tiefen Verlustschmerz erleben musste, wird genau wissen, wie man sich da fühlt und wie dieses Projekt dies in Musik eingefangen hat.

„Reach Down“ ist die nächste Hymne, die sich schon vor 18 Jahren in meinem Kopf  festgebrannt hat und auch heute immer noch wie aus dem Nichts ins Gedächtnis zurück kommt. Hier wirkt nichts aufgesetzt oder erzwungen, hier halten einfach nur Trauernde eine Jamsession ab. Diese Mixtur aus weißem Blues und Hardrock ist einfach unübertrefflich, da leben sich die Musiker aus und lassen den Gefühlen ihren freien Lauf. Diese grandiose Jamsession dauert dann auch stolze 11:11 Minuten, aber jede einzelne Sekunde ist es wert, gehört zu werden.

Damit wäre aber noch kein Ende der Superlativen zu sehen, denn bei „Hunger Strike“ übernimmt ein gewisser EddieVedder gemeinsam mit Chris Cornell die Leadvocals. Damals noch völlig unbekannt, half er mit, das dritte Highlight in Folge des Albums zu veredeln. Keine Frage, heute kennt ihn jeder als Frontmann von Pearl Jam. Besser kann Alternative Rock nicht klingen.

Trotz aller Trauer geht es dann auch mal nach vorne los: „Pushing Forward Back“. Da kann man den Kopf vor und zurück schmeißen, da kann man den Moshpit eröffnen, da kann man alle Aggressionen, die durch die Trauer aufgebaut wurden, positiv raus lassen. Dass hier alle genannten Musiker nur allerbeste Qualität abliefern, scheint fast logisch, wenn man aber bedenkt, dass hier einige noch nicht den Status hatten, den sie heute haben, dann muss man noch mehr den Hut vor ihnen ziehen. Man könnte aber auch sagen, dass sie sich mit solcher Leistung erst ihren Ruhm eingefangen haben.

Das vom Piano eröffnete und von selbigen getragene Stück „Call Me A Dog“ ist das nächste Denkmal, welches sich die Band selber setzte. Der eindringliche Gesang ist neben der fulminanten, aber nicht egomanischen Instrumentierung der Garant für Tränen in den Augen.

„Times Of Trouble“ ist quasi der gleiche Song wie „Footsteps“ von Pearl Jam. Chris Cornell fand den Song, der für das Pearl Jam-Album, welches ziemlich zeitgleich produziert wurde, so gut, dass er einen eigenen und wie ich finde besseren Text dafür geschrieben hat. Keine Ahnung, ob es noch Sinn macht, irgendwelche Superlativen aus der Schublade zu kramen, denn hier ist einfach alles wie von einer anderen, höheren Bewusstseinsebene.

Das ändert sich auch mit dem superben „Wooden Jesus“ nicht, ein weiteres persönliches Highlight des Albums für mich. Hier wird der Glaube auf interessante Art und Weise in Frage gestellt. Die Emotionen fließen in Selbstzweifeln und ständiger Hoffnung / Hoffnungslosigkeit einfach aus Chris heraus. Besser und unproblematischer kann man das Glaubensthema nicht in Frage stellen. Chapeau!

„Your Saviour“ drängt wieder ein wenig mehr nach vorne, aber immer mit viel Groove. Gerade zum richtigen Zeitpunkt ein kleiner Aufrüttler. Starke Nummer, die zwar die Höchstwertung verdient hätte, aber trotzdem nicht mit den anderen mithalten kann.

„Four Walled World“ drückt dann wieder aufs Gemüt. Eine schwere Bluesnummer mit leichtem Psycho-Touch. Wow, das ist ganz große Musikerkunst, das so zu bringen. Da kommen keine überladenen Songteile raus, hier wird einfach nur straight dem Gefühl gefolgt. Das Ende bereitet dann „All Night Things“ in einer deutlich ruhigeren Stimmung. Der passende Ausklang zu einem aufwühlendem Album, das seinesgleichen sucht und wahrscheinlich auch in den nächsten 18 Jahren nicht finden wird.

Fazit: Ein Album voller Trauer und Schmerzen. Wer jetzt aber an Deprimucke oder Gothic denkt, liegt komplett falsch. Hier wird die Trauer von Männern gekonnt zelebriert. Sehnsucht, Pein, Seelenschmerz, alles das gehört hier herein, aber ohne bewusst auf die Tränendüse zu drücken. Eine absolute Sternstunde der Musik mit tragischem Hintergrund. Unerreicht bis heute. Auch der Sound passt wie die Faust aufs Auge und ist auch jetzt noch up-to-date. Wer eine der oben zahlreich erwähnten Bands auch nur irgendwie mag, wird diese Band lieben, zumindest wenn er nicht künstlich versucht, seine Trauer zu unterdrücken. Hier dürfen auch Männer weinen, und das ist keine Schwäche oder Kindlichkeit, das sind Emotionen pur. Eigentlich mehr als zehn Punkte wert.

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