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Symphony X: The Odyssey

Der Bombast wird zum Teil über Bord geworfen und man orientiert sich thrashiger; der Titeltrack ist den Kauf schon wert
Wertung: 9.5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 73:01
Release: 04.11.2002
Label: InsideOut

Dass noch mehr Bombast als auf dem grandiosen Konzeptalbum „V – The New Mythology Suite“ nicht möglich war, dürfte wohl jedem klar sein. Symphony X taten daher das absolut Richtige und wagten eine leichte Neuorientierung: Die Keyboards rückten auf „The Odyssey“ insgesamt gesehen etwas in den Hintergrund und viele der Songs klingen deutlich aggressiver und sind mit einer leichten Thrash-Schlagseite versehen – dementsprechend rauer singt auch Russell Allen bei den betreffenden Tracks.

Das erste Beispiel für die „neuen“ Symphony X liefert sogleich der Opener „Inferno (Unleash The Fire)“: Wieder mal ein Eröffnungstrack vor dem Herrn, Allens Gesang gerade beim Chorus ist erneut Weltklasse, doch was bei diesem Stück besonders hervorsticht, ist das Riffing von Michael Romeo. Was der Mann an technischen Fähigkeiten drauf hat, weiß sowieso jeder, doch die rasend schnellen, nanopräzisen Läufe bei „Inferno“ sind schlicht unglaublich und können niemanden kalt lassen. Rübe schütteln und Luftgitarre spielen sind vorprogrammiert und den Fans, die der etwas härteren Ausrichtung möglicherweise mit Skepsis entgegen sahen, dürfte der Wind vorerst aus den Segeln genommen sein.

„Wicked“ und „Incantations Of The Apprentice“ schlagen in eine ähnliche Kerbe, kommen nach dem sehr technischen Riffing bei „Inferno“ allerdings etwas straighter daher – gerade deswegen aber nicht weniger heftig. Das schwindelerregend hohe Niveau des Openers können sie jedoch nicht ganz erreichen. Dennoch ist gerade „Wicked“ ein nicht selten gespielter Song bei Konzerten, bei dem Allen die Stelle, wo er alleine „she said“ singt, sehr zugute kommt und die er in Livesituationen auch gerne problemlos dreimal hintereinander bringt.  

Sehr gelungen, was die heftigeren Stücke angeht, ist dann vor allem noch das sehr düstere „King Of Terrors“, welches textlich auf Edgar Allan Poes Erzählung „Die Grube und das Pendel“ basiert, doch auch „The Turning“ mit seiner Mischung aus Verspieltheit und speedigen Arschtreter-Riffs, sowie einem im Chorus wieder einmal über sich hinauswachsenden Russell Allen, hat durchaus seine Qualitäten.

Dass Symphony X bei allen thrashigen Anleihen trotzdem immer noch in der Lage sind, herrlich melodische Stücke mit Bombastfaktor zu schreiben, beweisen sie mit „Accolade II“, das in großartiger Manier sowohl lyrische als auch musikalische Versatzstücke aus dem Klassiker auf „The Divine Wings Of Tragedy“ aufgreift und auch beinahe die Klasse jenes Übersongs vom 1997-er Album erreicht, und dem genialen „Awakenings“, bei dem Michael Pinnella, nachdem seine Keyboards auf den vorigen Songs des Albums meist nicht so deutlich zum Vorschein kamen, alle Register zieht – hier kommen also sicher auch die bereits erwähnten Skeptiker voll auf ihre Kosten.

Klares Highlight der Scheibe ist jedoch völlig unzweifelhaft der von Michael Romeo beinahe im Alleingang komponierte Titeltrack – mit 24 Minuten sogar noch etwas länger als „The Divine Wings Of Tragedy“ –, in welchem, wie man sich denken kann, die Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus erzählt werden.

Allein die Orchestrierungen in der „Overture“ und im „Scylla And Charybdis“-Part, die der Gitarrist höchstselbst programmierte, suchen ihresgleichen und besitzen starken Filmsoundtrack-Charakter, sodass es nicht unwahrscheinlich erscheint, dass Romeo eines Tages genauso gut eine Karriere als Komponist von Filmmusik machen könnte. Das gesamte Epos allerdings ist ein absolutes Meisterwerk, deren Musik der Geschichte zu jedem Zeitpunkt gerecht wird, genau wie Russell Allens variabler Gesang: Herrliche Akustikgitarren untermalen Odysseus’ Wunsch, nach Hause zurückzukehren, der von Allen entsprechend sanft und wehmütig vorgetragen wird, kompromisslose Gitarrenriffs und ein nun wesentlich rauer singender Frontmann schildern den Kampf mit dem Zyklopen, während die verführerische Circe wesentlich melodischer und mit mehrstimmigem Gesang repräsentiert wird. Beim letztlich gewonnen Kampf gegen die Freier wiederum klingt die Musik dann passenderweise sehr triumphal, bevor das Ganze mit dem aus dem Anfangspart übernommenen Thema ruhig ausklingt.

Bei diesem monumentalen, grandiosen Epos geht der in der Special Edition enthaltene Bonustrack, bei dem es sich um eine Neueinspielung von dem auf dem Debütalbum enthaltenen Track „Masquerade“ handelt, schon fast unter, obwohl diese, insbesondere dank Russell Allen, sehr gelungen ausgefallen ist. Einigen Fans allerdings dürfte sie schon von der „Prelude To Millenium“-Compilation bekannt sein; wer diese nicht sein Eigen nennt, sollte daher auf jeden Fall die Special Edition von „The Odyssey“ abgreifen, zumal diese mit einem wesentlich umfangreicheren Booklet als die normale Version ausgestattet ist.

Haben muss dieses Album sowieso jeder Anhänger der Band und Fan progressiver Musik, auch die, die mit der etwas härteren Ausrichtung vielleicht ein wenig Probleme haben; der Kauf lohnt sich schon allein wegen des Titelstücks. Was die Thrash-Einschübe betrifft, so halte ich persönlich diese wie gesagt für einen mutigen und richtigen Schritt, denn lieber ein bisschen mehr Härte, ehe Bombast noch zu Pathos wird (ich erwähnte ja bereits: Mehr Bombast als auf „V“ geht nicht). Insgesamt ist das Experiment auch durchaus gelungen, mal abgesehen davon, dass sich Symphony X auf diese Weise noch vielfältiger präsentieren –  „The Odyssey“ kann sich mit seinen exzellenten Vorgängern messen.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann