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Sylvan: Home

Unter die Lupe nehmen lohnt sich!
Wertung: 8/10
Genre: Artrock / Progressive Rock
Spielzeit: 77:04
Release: 20.02.2015
Label: Gentle Art Of Music / Soulfood

Manchmal ist es schon erstaunlich wiederzuentdecken, was man selbst irgendwann mal vor ein paar Jahren so verzapft hat: Denn auch wenn es meiner Meinung nach – im Gegensatz zur Ansicht so manches Kollegen von Konkurrenzpostillen – immer noch ein gutes Album ist, waren die 9,5 Punkte seinerzeit für „Force Of Gravity“ maßlos übertrieben. Der Doppeldecker-Nachfolger „Sceneries“ ist mir nicht einmal bekannt, wie ich ehrlich gestehen muss, mit dem vorliegenden „Home“ haben sich Sylvan allerdings wieder einmal nicht lumpen lassen und liefern mit 77 Minuten erneut ein pickepacke volles Album ab, das dem Hörer schon allein aufgrund der Länge alles abverlangt und selbstredend nicht mal eben mit einem Durchlauf in seinem Gesamtumfang erfasst werden kann.

Will heißen: Es gibt jede Menge ohrenschmeichelnder Melodien, große Emotionen, viel Pathos, Melancholie, gelegentliche Ausflüge in rockigere bzw. metallischere Gefilde – die Hamburger ziehen alle Register und wer den Sound dieser Band schon immer künstlich aufgeblasen und schwülstig sowie den Gesang von Fronter Marco Glühmann affektiert und weinerlich fand, wird auch an „Home“ mit Sicherheit keine Freude haben.

Mit einem gleichsam traurigen wie opulenten Streicher-Intro startet der Opener „Not Far From The Sky“ und man befindet sich sofort in der sowohl schwelgerischen als auch nachdenklich-melancholischen Welt von Sylvan. In der Strophe eher zurückhaltend und von Cello und Klavier sanft getragen, steigert sich der Song im Refrain in beeindruckender Manier mit symphonischen Klängen, darüber schwebend das unverkennbare Organ von Glühmann. Ein starker Auftakt, der noch durch die makellose, fast unbemerkte Überleitung in die zweite Nummer „Shaped Out Of Clouds“ getoppt wird. Erst hier setzt das Schlagzeug richtig ein, sodass das Ganze scheinbar den behutsamen Aufbau lediglich eines einzigen langen Tracks ergibt. Sehr clever und natürlich nicht von ungefähr kommend: Als Combo in der Schnittmenge von Progressive- und Artrock haben die Jungs Erfahrung mit Konzeptalben und sich mittels „Home“ wieder einmal an diese Kategorie herangewagt.

Inhaltlich geht es um eine Frau, die von „der Wiederentdeckung der lang vergessenen Kindheitserinnerungen erzählt“, wie es im Promoschreiben heißt, und die sich in einer bedrohlichen Welt ohne Hoffnung und Heimat befindet. Die Suche danach, was wirklich Heimat ist und wo diese zu finden ist, mag nicht unbedingt die neueste Idee sein, auf der anderen Seite ist dies natürlich ein täglich aktuelles Thema, das mit Sicherheit mehr Menschen bewegt als man vielleicht annimmt.

Auch im Kalten Krieg dürfte dies eine große Rolle gespielt haben, so werden im überlangen „In Between“ die berühmten Worte „Mr Gorbachev, open this gate!“ aus Ronald Reagans legendärer Berlin-Rede von 1987 eingeflochten. Erst nach diesem sorgsam strukturierten Epos folgt die erste richtige Pause, bevor man in Form von „With The Eyes Of A Child“ nach allen Regeln der Kunst auf die Tränendrüse drückt. Was gar nicht boshaft gemeint ist, auch wenn Die-hard-Metaller schnell das hässliche Wort „Kitsch“ auf den Lippen haben werden; Artrock-Feinschmecker hingegen müssen von der intensiven Stimmung und dem sanften Pianospiel einfach gerührt sein.

Alles in allem ist Sylvan ein in seiner Gesamtheit sehr schlüssiges Album geglückt, was allein wegen der angesprochenen Länge wahrlich keine Selbstverständlichkeit darstellt. 77 Minuten sind viel Holz und erfordern gerade bei den zum Teil sehr komplexen, vielschichtigen Arrangements jede Menge Geduld – ein Track à la „The Sound Of Her World“ ist weiß Gott keine leichte Kost. Aber dass die Hanseaten keine Mucke für den durchschnittlichen Charts-Hörer machen, der eine Aufmerksamkeitsspanne von höchsten vier Minuten pro Song hat, dürfte jedem klar sein.

Verständlich wäre es dennoch, wenn sich bei dem einen oder anderen angesichts dieses Marathons ein paar Ermüdungserscheinungen breit machen, weil eingängig nun mal etwas anderes ist als diese Scheibe, aber lohnenswert ist ein genaueres Unter-die-Lupe nehmen von „Home“ allemal. Nicht nur, weil sich die hübschen Melodien dann allmählich festsetzen, sondern allein wegen der nicht zu leugnenden musikalischen Qualität, zu der auch Gastgitarrist Jonathan Beck seinen Beitrag leistet, der den schon wieder abgewanderten Jan Petersen problemlos ersetzt. Die mitunter eingestreute Härte wirkt manchmal etwas aufgesetzt, dafür aber liefert die Hamburger Formation mit dem brillianten, dynamischen „Shine“, das einen erstaunlich guten Drive besitzt, letztlich sogar tatsächlich so etwas wie einen kleinen Hit.

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