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Swallow The Sun: Songs From The North I, II & III

Drei kompositorisch starke, stilistisch unterschiedliche Platten, die sowohl einzeln als auch zusammen funktionieren
Wertung: 9/10
Genre: Melodic Death Metal / Doom Metal / Melancholic Rock
Spielzeit: 153:46
Release: 13.11.2015
Label: Century Media

Swallow The Sun waren schon immer etwas eigen – sogar für eine finnische Band. Man denke nur an die legendäre „Plague Of Butterflies“-Scheibe zurück, die trotz einstündiger Spielzeit offiziell als EP gilt und deren Titelstück wiederum stolze 34 Minuten Länge aufweist. Nun also hat die Truppe um Gitarrist und Hauptsongwriter Juha Raivio eine ungleich epischere Veröffentlichung am Start: „Songs From The North I, II & III“ ist ein äußerst ehrgeiziges, manche werden sagen, wahnwitziges Projekt, wie ja auch schon Raivio selbst einräumte. Natürlich ist er sich darüber im Klaren, dass viele dieses Unterfangen als verrückt ansehen, in einer Zeit, in der Musik – zumindest von der großen breiten Masse – nur noch als Konsumgut und nicht mehr als die wohl schönste, direkteste und emotionalste Kunstform angesehen wird, und man lieber einzelne Songs herunterlädt, anstatt sich wirklich mit einem kompletten Album auseinanderzusetzen.

So eine Dreifach-Platte ist da schon ein ordentliches Statement, wirkt regelrecht trotzig, wie ein massiver Klotz, den man mitten in die Umgebung gestellt hat, um mal zu gucken, was nun passiert. Mutig ist so eine Maßnahme, aber möglicherweise ja trotzdem erfolgreich, jedenfalls scheinen dies Century Media zu glauben, sonst hätten sie ihren Schützlingen wohl nicht einen solchen Release gestattet. Und vielleicht hilft es ja auch, dass Iron Maiden in diesem Jahr bereits immerhin einen Doppeldecker heraushauten, oder die Tatsache, dass so ein Mammutalbum in jedem Fall Neugier weckt.

Denn selbstverständlich will man wissen, wie sich die Sonnenschlucker über die Distanz von gleich drei Platten auf einmal schlagen. Zunächst einmal sei erwähnt, dass die Band es dem Hörer insofern schon mal etwas leichter macht, als dass jede Scheibe stilistisch für sich steht – die Scheiben können daher auch problemlos einzeln angehört werden. Und keine Angst: Swallow The Sun bleiben stets erkennbar, sie haben lediglich ihre unterschiedlichen Einflüsse klarer als sonst separiert. So bietet der erste Silberling melodischen Death-Doom, der zweite melancholische, teils folkig angehauchte, bittersüße Elegien und der dritte tiefschwarzen, schleppenden Funeral Doom. Um dies schon im Vorfeld zu unterstreichen, veröffentlichte das Sextett bislang je einen Song pro CD als Appetizer.

Eine ebenso effektive wie effiziente Vorgehensweise, um den Fans die musikalische Bandbreite des Tripletts zu offenbaren. „Heartstrings Shattering“, ein Duett mit der südafrikanischen Sängerin Aleah (die bereits auf „New Moon“ und „Emerald Forest And The Blackbird“ sowie dem aktuellen Amorphis-Album „Under The Red Cloud“ in Erscheinung trat), konnte dabei vom Fleck weg begeistern: Eine Mischung aus einer poppig anmutenden, eingängigen Keyboardmelodie, flächigen Gitarren und zerbrechlichen Vocals auf der einen und von Growls unterlegten Düsterriffs auf der anderen Seite, und dabei mit so geschmeidigen Übergängen versehen, dass die unterschiedlichen Elemente mühelos miteinander verschmelzen. Der erste Beweis dafür, dass man nicht einfach nur ein Dreifachalbum veröffentlicht, weil man es kann, sondern dass bei aller Quantität in erster Linie immer noch qualitativ hochwertiges Songwriting an erster Stelle steht.

Die Kunst, butterweich zwischen Härte und traurigen, dennoch ohrwurmigen Melodien zu wechseln, hat die Band auf der ersten CD nahezu perfektioniert, wie erstklassige, mit teilweise zum Sterben schönen Tonfolgen ausgestattete Songs à la „Rooms And Shadows“, „The Memory Of Light“ oder die finale Unglaublichkeit „From Happiness To Dust“ untermauern. Bei „10 Silver Bullets“ und „Silhouettes“ wird auch mal ein wenig aufs Gaspedal getreten und amtlich gegroovt und gerifft, während der neun Minuten lange Opener „With You Came The Whole Of The World’s Tears“ (was für ein Titel…) einen eher langsamen Start markiert, der in der Strophe auf leichtfüßige Akustikklampfen und im Refrain auf Breitwand-Gitarren setzt – insgesamt alles sehr abwechslungsreich und sehr beeindruckend.

Auf Rundling Numero zwei wird auf Growls oder Screams gänzlich verzichtet und das Songmaterial kommt ruhig und gediegen daher. Die vielzitierte dichte Atmosphäre der Truppe ist zwar auch hier stets greifbar, aber wer bei den Finnen eher die harte Seite schätzt, muss sich wohl erst mal warm hören. Trotzdem ist auch hier wieder erstaunlich, wie Swallow The Sun es schaffen, trotz vieler Keyboard- und Akustikgitarreneinsätze und herzzerreißender Melodien und Gesangslinien nicht übermäßig in die Kitschecke abzudriften, sondern geschmackvoll und authentisch zu klingen.

Gefühlsmäßig können wohl nur Finnen solche Stücke schreiben, andere würden bei solchen Nummern mit Sicherheit gnadenlos scheitern. Vor allem ab der Mitte wird es stark: „Pray For The Winds To Come“, „Songs From The North“ (mit erneuter, sehr hübscher weiblicher Stimme als Unterstützung) oder „Before The Summer Dies“ sind einfach wundervoll zum Träumen, Versinken und Wegdriften. Und auch das sorgsam aufgebaute Instrumental „66°50´N, 28°40´E“ soll unbedingt Erwähnung finden.

Typisch für die Formation, dass sie die sperrigste CD ganz nach hinten packen: Lediglich fünf Songs, drei davon im zweistelligen Minutenbereich, finden sich wieder, und wie schon erwähnt, präsentiert sich die Combo hier von ihrer finstersten Seite. „The Gathering Of Black Moths“ mutet wie ein tiefschwarzer Trauermarsch an, unheimlich düster, schleppend und mit feierlichen Bläsersounds im Hintergrund garniert. Großes, intensives Funeral-Doom-Kino, und mit „7 Hours Late“ wird es anschließend sogar noch ein bisschen langsamer und schwärzer: Von einem sphärischen Synthesizer eingeleitet, erweist sich die Nummer als eine der beklemmendsten, hoffnungslosesten Kompositionen in der Geschichte der Band.

„Empires Of Loneliness“ beinhaltet wieder ein bisschen mehr melodische Elemente und enthält gegen Ende sogar eine aufwühlende Doublebass-Passage, fällt jedoch kaum weniger erhaben und atmosphärisch aus, hingegen besticht „Abandoned By The Light“ erneut durch feierliche Langsamkeit und wurde mit majestätischen Orgelsounds und breiten Synthieteppichen verfeinert. Das den Schlusspunkt setzende „The Clouds Prepare For Battle“ bietet dann tonnenschweres Riffing, zu dem sich live sicher bestens headbangen lässt, wartet aber ebenso mit einem gregorianischen Chor und am Ende mit einem gewissen Type O Negative-Vibe auf, den der Sechser aber ja auch früher ganz gerne mal durchblicken ließ.

Unterm Strich imponiert die hier an den Tag gelegte Diskrepanz und wie die drei Platten trotz der stilistischen Unterschiede eine klare Einheit bilden, aber eben wie erwähnt auch einzeln funktionieren. Beeindruckend auch, wie konstant hoch das kompositorische Niveau trotz der Menge von 21 Tracks bleibt. Gerade die erste CD ist brillant und zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens (9,5). Die dritte steht dem aber kaum in etwas nach und überzeugt durch Finsternis und Tiefe (9). Die zweite ist ebenfalls gelungen, wenn auch nicht ganz so überragend (8), bietet aber nette Abwechslung von der harten Schiene und zeigt einmal mehr, wie sanft und gefühlvoll Miko Kotamäki singen kann. Ohnehin ist und bleibt der Mann ein Phänomen: die mächtigen Growls, die markerschütternden Screams, der emotionale klare Gesang – alles ist perfekt dargeboten und maximal wirkungsvoll in Szene gesetzt. Seine grandiose Leistung rundet die ohnehin schon tollen Arrangements in bester Manier ab. Wirklich imposant, was Swallow The Sun hier gestemmt haben, allein vor der unheimlichen Arbeit, die darin steckt, kann man nicht genügend Respekt haben.

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