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Supreme Court: Hypocrites & Saints

Auf nahezu allen Ebenen eine Glanzleistung
Wertung: 8/10
Genre: Electro Industrial/Noise, EBM
Spielzeit: 103:4
Release: 23.03.2007
Label: Black Rain

Endlich ist es soweit: Nach diversen Verschiebungen und Umdesponierungen, konnte nun gegen Ende März mit “Hypocrites and Saints“ (= Heuchler und Heilige) das nunmehr zweite Studioalbum der Chemnitzer von Supreme Court veröffentlicht werden.

Das Trio-Gespann um Frontmann und Vokalist Kay Härtel, ist in der rhythmisch-harschen Electroszene schon längere Zeit kein Geheimtipp mehr: Denn das bereits im Jahre 1996 gegründete Electro-Industrial/Noise - Projekt ist zwar nicht gerade das arbeitsintensivste seiner Zunft (also was den reinen Release-Output anbelangt), aber ein dafür umso hochwertigeres Exemplar zeitgenössischer (Dark-)Elektromusik.

So konnte das Höchste Gericht (= Supreme Court) beispielsweise im Frühjahr des vergangenen Jahres mit der Feindflug Kollaborations-EP “We´ll F... you up!“ wieder einmal eindrucksvoll beweisen, wo der wahre (Elektro-)Hammer hängt. Aber auch Live konnte Supreme Court bei der zuletzt absolvierten Black Rain - “Wintergewittertour“ deutlich ihre vorhandenen Qualitäten einem vollauf begeisterten Publikum unter Beweis stellen...

Doch nun zurück zur Gegenwart. Nach dem 90er Jahre Demo-Tape “Enzyklopädie“, ist das lang herbeigesehnte “Hypocrites and Saints“ - Album der gerade mal reguläre zweite Streich der Combo... Wie also werden Supreme Court im Jahre 2007 klingen und welche Chancen haben sie im mittlerweile immer undurchsichtiger werdenden Gestrüpp an heimischen (sich leider immer ähnlicher klingenden) Electro-Acts zu bestehen?

Antwort: Die Chancen liegen insgesamt betrachtet besser als je zuvor! Denn in einer Zeit, in der aktuelle Ergüsse von Bands wie Tumor, Trümmerwelten und Suicide Commando viele Fans enttäuscht zurückließen (zumeist eben auf Grund mangelnder Ideen und Innovationslust), kommt so ein richtig konsequenter „Tritt in den Hintern“ vom Schlage eines “Hypocrites and Saints“ gerade recht!

So bietet das neuste Supreme Court - Klangwerk nämlich all das, was ein gutes, prägendes und polarisierendes „Standartwerk“ einer solchen Formation ausmacht: Nämlich Zeitgeist . Fernab von den schon lange Zeit ausgelutschten Pfaden der Kollegen, begeben sich Kay Härtel, Enrico Kunze und Sebastian Nebel auf eine zielgerichtete Reise durch die aktuellen Niederungen menschlicher und medialer Ausschlachtungen. So stellt “Hypocrites and Saints“ auf deutliche (aber dennoch zugleich intelligente und erfrischend Pathos-freie) Art seine Vormachtstellung zur Schau, die auf intellektueller und tiefgründiger Ebene wohl nur mit einem Peter Spilles von Project Pitchfork zu vergleichen ist...

Platitüden wird man wohl vergeblich suchen, wenn es auf “Hypocrites and Saints“ zumeist um die Verstrickung menschlicher Schicksale durch (politische) Kriege, Embargos und seelisch-körperlichen Missbrauch geht. Supreme Court setzten da an wo es weh tut; ohne dabei aber noch zusätzlich den Finger in die offene Wunde zu drücken... Es ist faktisch der berühmte Spiegel, der einer degenerierten Gesellschaft von feigen Mitläufern und korrupten Großkonzernen vorgehalten wird. Ein Spiegel, der all dies nicht nur reflektiert und schonungslos wiedergibt, sondern in seiner quälenden Gesamtheit deutlich tiefer geht als einem lieb und teuer ist.

Mit der musikalischen Unterstützung von renomierten Electro-Acts wie Painbastard (“Carefully Deceived“) und Solitary Experiments (“Things wie forgot“), legen Supreme Court auf “Hypocrites and Saints“ ein beeindruckendes Feuerwerk aus schneller und aggressiver Härte aufs Parkett. Die Bässe krachen eingängig aus den Boxen und untermalen so perfekt Kay Härtel´s mal kalte, mal klare, mal verzerrte Stimme. Aber dennoch versteht es das eingespielte Trio zugleich auch rechtzeitig die Reisleine zu ziehen und sich nicht nur in derben Industrial/Noise - Sounds zu verlieren... Viel mehr suchen Supreme Court mit fein säuberlich eingestreuten EBM-Melodien einen bewussten Balanceakt aus Club-tauglicher Härte und melodischer Eigenständigkeit mit sichtbarem Wiedererkennungswert.

So geht also praktisch der Großteil an enthaltenen Kompositionen nicht nur direkt in die tiefsten Hirnwindungen hinein, sondern Dank seiner treibenden Rhythmen und ergebnisorientierten Hooklines auch enorm schnell in die Beine. Die Atmosphäre auf “Hypocrites and Saints“ ist auf Grund seiner vorherrschenden Thematik eher düster ausgerichtet, aber dennoch niemals erdrückend oder klischeehaft übertrieben ausgespielt.

Gut; inwiefern bei “Things we forgot“ die hörbare Remisenz an alte “Ominous Future“ - Zeiten von Terminal Choice beabsichtigt war, kann ich an dieser Stelle natürlich auch nur schwer einschätzen. Und auch die Tatsache, dass mit Songs wie “What is it...?“ und “Dream to share“ zwei eher schwächere Vertreter auf dem Album Einzug gefunden haben, schmälert nur eher sekundär den äußerst positiven Gesamteindruck von “Hypocrites and Saints“. Zumal Tracks eines Kalibers wie “Jealous Man“ (elegisch apokalyptisch und hymnenhaft), “Rush of Blood“ (rhythmisch peitschend) und “Traitors & Cowards“ (eine perfekte Symbiose aus dreckiger Härte und melodiösen Zwischenparts) natürlich nicht am „Fließband“ produziert werden können! So viel sollte eigentlich allen hier automatisch bewusst sein...

Fazit: Mit ihrem aktuellen Gesamtwerk “Hypocrites and Saints“ haben Supreme Court auf nahezu allen Ebenen eine Glanzleistung dargelegt. Insbesondere die Frische und textlich-musikalische Unverbrauchtheit der drei Chemnitzer ist hierbei besonders hervorzuheben. Inhaltlich eher politisch links ausgerichtet, beerben sie auch auf lyrischer Sichtweise namhafte Bands wie Project Pitchfork und Prager Handgriff. Ansonsten dürfen aber auch gerne all diejenigen beherzt zugreifen, die Acts wie Feindflug, Funker Vogt, Hocico und (die alten) Suicide Commando bevorzugen.

Erhältlich ist übrigens auch eine auf 999 Einheiten begrenzte Doppel-CD Erstauflage. Diese bietet auf zusätzlichen 41 Minuten noch 11 weitere Songs, die eine empfehlenswerte Kombination aus diversen Remixen und bisher gänzlich unveröffentlichtem Material aus dem Hause Supreme Court darstellt. Besonders sei hier der explosive Amnista - Edit von “Next Exit Extinction“ empfohlen, der eigens sogar mit originalen Klaus Kinski - Zitaten aus dessen legendärer Bühnenperformance “Jesus Christus - Erlöser“ (vom 20.11.1971, Berliner Deutschlandhalle) aufwartet. Aber auch die Electro-Noise Fraktion dürfte angesichts solcher Glanzperlen wie “Szintiscanner“, “Reaktor Fermi“ und “VEB Kondensator“ vor Freude im Dreieck springen. Herzlichen Glückwunsch!

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