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Stone Sour: Audio Secrecy

Irgendwie überraschend, irgendwie anders, aber trotzdem typisch Stone Sour
Wertung: 8.5/10
Genre: Alternative Metal, Rock
Spielzeit: 54:35
Release: 03.09.2010
Label: Roadrunner Records

Corey Taylor ist ein Ausnahmesänger, keine Frage. Nicht nur, dass er bei Slipknot seit Jahren beweist, was für ein Lungenvolumen er besitzt; mit seiner „Zweitband“ Stone Sour, die er sogar schon vor seinem Eintritt bei den Maskenmännern gegründet hatte, widmet er sich der etwas rockigeren Seite seiner Musikerseele. Dass Stone Sour knallharten Slipknot-Fans nicht zusagt, ist eigentlich kein Wunder – zu massenkompatibel, zu soft, zu wenig durchgeknallt präsentiert sich die Band, in der nebem dem Sänger auch Slipknot-Gitarrenriese Jim Root tätig ist. Dennoch: Qualität ist hier gefragt; schließlich sind alle mit Leib und Seele Musiker, auch wenn das neue Album „Audio Secrecy“, das bisher dritte im Backkatalog, mit Argusaugen begutachtet wird.

2002 brach nämlich das selbstbetitelte Debütalbum wie eine Abrissbirne durch die Wand. Rohe, dennoch seltsam einprägsame ,Stücke wie „Orchids“, gänsehautartige Balladen à la „Bother“ und mit „Get Inside“ gleich zu Anfang ein Monsterstück, das einem fast schon in Slipknot-Manier die Schuhe auszog. Es ist damals wie heute ein brilliantes Album. Die Erwartungen an den Nachfolger „Come What(Ever) May“  waren dementsprechend hoch, konnten aber nicht ganz erfüllt werden, obwohl sich einige ebenso starke Stücke auf der Platte befanden, die aber in eine völlig andere Richtung gingen. Relativ experimentell geht es jetzt auch auf dem berüchtigen dritten Album zu – „break it or make it“ ist der Leitspruch, der mit dem dritten Album jeder Band einhergeht. Und nicht jede Combo hat ein „make it“ in ihrer Diskografie.

Bei Stone Sour besteht die Gefahr eines totalen Reinfalls nun eher nicht. Dennoch gibt es uuf der neuen Scheibe keine solche Hammerballade wie „Through Glass“, keine offensichtlichen Ohrwürmer, die sich beim ersten Durchgang schon ins Gehirn fräsen. Stattdessen hören wir erdige Gitarren, recht experimentelle Einsprengsel, die mal psychedelisch-funkig, mal ein wenig Country-lastig anmuten – und natürlich Coreys Stimme in all ihren Facetten. Dabei ist es schwer, den Slipknot-Fronter mal außen vor zu lassen und ihn als wirklichen Sänger zu sehen, der hier etwas völlig anderes kreiert als mit seiner viel erfolgreicheren Band.

Man muss es so sagen: Nach einem Klavierintro startet die Platte relativ vorhersehbar mit „Mission Statement“, das die typischen Merkmale der Band in sich vereint: Wummernde Drums, Jim Roots Gitarrenspiel und Coreys Mischung aus herausgepressten, aggressiven Vocals und klaren Gesangslinien. Noch dazu ist der Song eine Spur leiser abgemischt als sein ähnlich klingender Nachfolger „Digital (Did You Tell)“, das einen Tick druckvoller daherkommt. So weit also alles beim Alten, obwohl letzterer Song eine unverkennbar geniale Basslinie hat.

Erst „Say You’ll Haunt Me“ mit seiner großartigen Gitarre hat das Zeug zu einem Ohrwurm, obwohl der Song recht komplex anmutet – ein wenig Popappeal ist in den Refrain gemischt, aber eine erste Gänsehaut macht sich dennoch breit und lässt hoffen, dass der etwas enttäuschende Albumeinstieg der Vergangenheit angehört. Mit „Dying“ haben sich die Jungs allerdings selbst ins Knie geschossen, da der Track doch textlich wie musikalisch sehr schmalzig daher kommt. Daran ändert auch das ambitionierte Gitarrensolo nichts. Apropos Gitarrensolo: Ein ebensolches wunderbares findet sich in „Unfinished“, das zwar nicht unbedingt einprägsam zu nennen wäre, sich aber als guter Song entpuppt und die Band in hörbarer Spielfreude zeigt.

Einige Fans dürften sich schon unter Tränen in die Polster gedrückt haben, denn bisher – seien wir ehrlich – war der große Reißer noch nicht dabei. Größtenteils solide Songs, die Spaß machen, aber kein wirkliches Highlight. Das ändert sich aber kurioserweise in der zweiten Hälfte der Platte schlagartig: Den Anfang macht das etwas schleppende „Nylon 66“, bei dem Drummer Roy Mayorga zu wahrer Höchstform aufläuft (die Drumline muss man, glaube ich, mal live erlebt haben), bevor „Miracles“ eine ganze Reihe Anspieltipps einläutet. Schon bei den ersten Tönen der Akustikgitarre gibt es meterweise Gänsehaut. Der Gesang erinnert ein wenig an „Through Glass“, obwohl der Grundton der Songs viel düsterer anmutet. Der Refrain tut sein Übriges und kann durchaus als Ohrwurm-tauglich bezeichnet werden.

„Pieces“ hat in den Strophen einen leichten Grunge-Einschlag, erinnert im Refrain aber eher an US-amerikanischen Radiorock. Dies passt in diesem Fall  jedoch durchaus zusammen und klingt vor allem gut. Wieder ist ein sehr dominanter Bass zu hören. Jim Root liefert einige psychedelische Einschlüsse – genial. „The Bitter End“ schlägt in eine ganz andere Kerbe, hätte so durchaus auch auf der ersten Scheibe erscheinen können und weiß durch Shoutings, rasantes Riffing und einem düsteren Refrain zu überzeugen. „Threadbare“ dient als Rausschmeißer und bedient sich nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, an Arschtritt-Riffs und Geschrei, sondern einer sehr bedrückenden Stimmung, die ein wenig an Slipknots „Snuff“ erinnert, aber noch endgültiger, noch dramatischer, noch unnachgiebiger den Hörer in den Bann zieht. Ein großartiger Abschluss, das muss man der Band lassen.

Auch wenn „Audio Secrecy“ keinesfalls die rohe Aggression der ersten Platte weiterführen kann, ist es doch eine interessante und abwechslungsreiche Scheibe geworden. Vor allem die zweite Hälfte weiß zu überzeugen, es findet sich unter den letzten sechs Songs kein einziger, den man nicht immer und immer wieder hören möchte. Vor allem bei düster gehaltenen Stücken kommt Coreys Stimme absolut genial rüber. Doch auch die klaren Gesangslinien in manchen Refrains zaubern ein Grinsen auf das Fan-Gesicht. Dadurch, dass die starken Songs der Platte nicht gut, sondern wirlich erstklassig und nur wenige Ausfälle dabei sind, kann zwar keine volle Punktzahl gegeben werden, aber über die Acht-Punkte-Marke hechtet das Album allemal.

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