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Stier: Reden!

Da können die New Schooler noch etwas lernen
Wertung: 8/10
Genre: Deutschrock, Krautrock, Experimental
Spielzeit: 45:29
Release: 01.10.2010
Label: Fastball Music

Deutschrock ist heutzutage ja fast schon ein Schimpfwort. Wer Deutschrock als musikalische Präferenz angibt, hat meistens in etwa den IQ einer Kiwi und trägt vornehmlich dicke Kapuzenpullis von den Böhsen Onkelz – könnte man meinen. Stier zeigen, dass es auch anders geht. Ob’s am Alter liegt? Als die Combo um H. Martin Stier nämlich ihre Karriere startete, war an die Onkelz noch gar nicht zu denken und als die damals noch „Törner Stier Crew“ betitelte Band sich auflöste, nämlich 1982, hatten die Onkelz als Band gerade mal zwei Jährchen auf dem Buckel.

Jetzt sind Stier allerdings keineswegs eine greise Altherrenmannschaft, die mit zittrigen Gichtfingern die Instrumente umklammert, im Gegenteil – die Herren haben zwar die Zwanzig und auch Dreißig schon weit, weit hinter sich gelassen, geben auf ihrer neuen Platte „Reden!“ aber ganz ordentlich Gas und zwar mit einer ganz eigenen Mischung, die so eher selten zu hören ist. Das Prädikat „Deutschrock“ ist hier beinahe fehl am Platz, Krautrock ist schon eher das, was Frontstier H. Martin, Bassist Walter Stoever, Keyboarder Charlie Steinberg, Gitarrist Lee C. Pinsky und Schlagzeuger Tom Guenzel hier vom Stapel lassen. Zuviele Synthisounds graben sich in den Gehörgang, als dass man hier von simplem Deutschrock sprechen könnte, außerdem hat das Quintett mehr zu bieten als die obligatorischen drei bis vier Akkorde.

Wir können alle vom Glück reden, dass die Combo von ihrem ursprünglichen Reunion-Namen wieder abgekommen sind – unter dem wunderbaren Pseudonym „Kahle Moenche“ brachten Stier und Co. nämlich ein ganzes Album mit dem Titel „Tanzen!“ heraus, bevor sie selbst merkten, dass der Name irgendwie doof ist - Schwein gehabt. Bevor wir uns jetzt hier aber in das Für und Wider von Haarverlust verlieren, konzentrieren wir uns lieber auf die Musik; die ist auf „Reden!“ natürlich reichlich vorhanden und, man muss es so sagen, macht die Scheibe fast schon zu einem Partyalbum.

Dass uns hier (größtenteils) deutsche Texte erwarten, ist klar, und glücklicherweise wissen sich die Rocker auch adäquat auszudrücken – Songs wie „Stalker“ oder „Auf Der Flucht“ präsentieren sich mit einem kaum übersehbaren Augenzwinkern, was die Scheibe doppelt hörenswert macht. „Diesemal“ startet direkt mit einem, wie soll man sagen, irgendwie westdeutschen Einschlag – man ist ein bisschen an die frühen deutschen Rockbands erinnert, die sich mit entsprechendem Dialekt und leicht rollendem „r“ durch den Untergrund spielten. Ein bisschen Neue Deutsche Welle-Feeling also, nostalgisch, gleichzeitig aber frisch und vor allem macht die Musik Spaß – da darf man auf den Rest gespannt sein!

Szenen einer Beziehung gibt es in „Ich Will Dich Küssen“ zu bestaunen und Herr Stier klingt – Achtung, liebe Fernsehfreunde – wie Donald Arthur, die deutsche Synchromstimme von South Parks Chefkoch. Ein wenig bizarr ist das, aber irgendwie auch wieder cool – genau wie der psychedelisch anmutende, Achtziger Jahre-mäßige Zwischengesang bei „Tanzen“. Großartig ist, was hier allein in den ersten drei Songs passiert!

Bei „Gier“ kann sich endlich auch die Gitarrenfraktion mit ausuferndem Soli austoben und das tut sie auch mehr als ausgiebig. Dabei klingt es, als wäre es Lee C. Pinsky eben einmal so auf der Bühne spontan eingefallen - klasse! Herr Steinberg am Keyboard darf sich bei „Online Macht Süchtig“ etwas mehr ins rechte Licht rücken; obwohl der Song eher traurig ist, verleihen die Krautrock-Töne ihm einen eher beschwingten Touch. „Es Ist Winter“ kommt zwar rein textlich ein wenig zu spät, schließlich strahlt gerade jetzt die Sonne von einem doch recht wolkenlosen Himmel und es ist relativ warm, aber genau das haben die Herren mit dem Song sicherlich heraufbeschworen (statt einem Sonnentanz gibt es hier die schöne Zeile „Denn es ist Sommer, doch es sieht gar nicht so aus“ – scheint zu helfen!) – der Refrain gestaltet sich unerwartet hart, passt aber super zu dem etwas schunkelnden Zwischenstück. Zum Abschluss gibt’s mit „Warum“ zur Abwechslung ein ernsthaftes Lied, das die Rockkante aber keineswegs vernachlässigt.

Fazit: Stier gehören mit Fug und Recht zu den Old Schoolern, verbinden sie doch Elemente der Achtziger mit modernem Rock, ohne sich dabei eindeutig in eine Schublade stecken zu lassen. Auf „Reden!“ sind einige großartige Songs enthalten, einen Fehlgriff sucht man vergens – manche Stücke schießen vielleicht eine Spur zu schnell wieder am Großhirn vorbei, aber so kann man den Musikern wenigstens keine Ohrwurm-Affinität vorwerfen. „Reden!“ ist also durchaus eine Empfehlung für Freunde des gepflegten Rock wie auch für Fans des Krautrock und alle anderen, die nach etwas Neuem und Frischem suchen. 

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