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Steven Wilson: The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)

Es bleibt dabei: Was dieser Mann auch anpackt, es wird zu Gold
Wertung: 9.5/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 54:46
Release: 01.03.2013
Label: KScope/Edel

Wenn man davon spricht, dass jemand den Zenit seiner Karriere erreicht hat, tut man dies im Allgemeinen, wenn der betreffende Künstler oder die betreffende Band ein Album herausgebracht hat, das von Fans und Kritikern gleichermaßen als das Highlight der Diskographie angesehen wird. Bei Steven Wilson könnte man allerdings bei fast jedem Output davon sprechen, da der Brite bisher nicht nur nie etwas Halbherziges oder gar Schwaches veröffentlicht hat, sondern vielmehr ein Granatenalbum nach dem anderen heraushaut; ob als Solokünstler, mit seiner Hauptband Porcupine Tree oder bei seinen zahlreichen Nebenprojekten – stets handelte es sich um (sehr) gute bis fantastische Platten, weswegen Wilson immer wieder völlig zurecht als musikalisches Genie bezeichnet wird.

Wiederholt betont er, mit Mainstream nichts zu tun haben zu wollen, doch dürfte es für ihn sicherlich auch Genugtuung sein, dass sich die breite Masse immer mehr für ihn interessiert, auf dass er die Früchte jahrelanger Arbeit endlich ernten kann. Dass er dabei immer integer blieb und noch nie Musik aus rein finanziellen Gründen gemacht hat oder um Erwartungshaltungen zu befriedigen, zeigte er zuletzt einmal mehr mit dem unglaublich facettenreichen „Grace For Drowning“-Doppelalbum von 2011, und nach diesem sensationellen Werk, das überall grandios abgefeiert wurde, waren die Leute allerorts natürlich gespannt, was der Tausendsassa als nächstes an den Start bringen würde. Da ihm eben nichts daran liegt, bestimmte Erwartungshaltungen zu erfüllen, durfte man sich im Gegensatz zu zahlreichen anderen Bands, die immer nur dieselbe Platte aufnehmen, darauf freuen, von einigen interessanten neuen Einfällen auf der dritten Scheibe „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)“ überrascht zu werden.

Mit dem bereits live aufgeführten und sich auch auf der im September 2012 veröffentlichten DVD/ Blu-ray „Get All You Deserve“ befindlichen Opener „Luminol“ war den meisten Fans ein Stück allerdings schon zuvor bekannt. Zu sagen, dass dieser Song die Marschroute des restlichen Albums vorgeben würde, wäre übertrieben, denn dazu wildert Steven Wilson erneut viel zu sehr in allen möglichen verschiedenen Genres und wartet mit zu unterschiedlichen Tracks auf (den roten Faden behält der Meister natürlich trotzdem stets in der Hand), aber mit diesem größtenteils sehr fetzigen Stück wird zumindest von Anfang deutlich gemacht, dass Steven bei aller Liebe zum Jazz auch immer noch auf gut einheizenden Rock steht.

Unwiderstehlich ist hier der tierisch fett groovende Bass und das wie Hölle treibende Schlagzeug der Marke Marco Minnemann; die Spielfreude der Musiker ist genau wie bei der letzten Tour beziehungsweise auf der DVD jederzeit spürbar und soll sich im weiteren Verlauf des Longplayers noch in zahlreichen Saxophon-, Flöten-, Keyboard- und Gitarrensoli niederschlagen. Auch wenn Wilson erklärte, er habe bei seinen Soloaktivitäten im Gegensatz zu seiner Hauptband mehr kreative Freiheiten und brauche sozusagen nicht auf die anderen Bandmitglieder Rücksicht nehmen, spielen hier nicht einfach nur Mietmusiker. Für diesen hässlichen Terminus sind die Beteiligten aber sowieso viel zu überzeugend in dem, was sie tun.

Es passt zu jemandem wie Steven Wilson, das längste Stück (zwölf Minuten und zehn Sekunden), das noch dazu fast komplett instrumental gehalten ist, an den Beginn der Platte zu stellen – es funktioniert jedoch ohne Probleme, denn bei diesen Riffs und diesem Wahnsinns-Groove muss eigentlich jeder Hörer sofort begeistert aufspringen und abrocken. Erst in der Mitte wird einem in Form eines relaxten Parts eine Verschnaufpause gegönnt, bevor eine stark von King Crimson geprägte Mellotron-Sequenz in den Anfangsteil zurückführt.

Dass die King-Crimson-Einflüsse auch auf „The Raven…“ wieder eine Rolle spielen, dürfte allerdings wohl niemanden überraschen – in der Hinsicht ist er dann eben doch vorhersehbar, wenn man so will. Aber genau wie seine großen Vorbilder um Robert Fripp versucht auch Wilson natürlich trotzdem immer neue Dinge auszuprobieren. Das mit fünf Minuten kürzeste Lied „The Pin Drop“ zum Beispiel hat neben einer post-rockigen teilweise auch eine beinahe brit-poppige Schlagseite, auf jeden Fall hat man solch einen Track so von ihm bisher noch nicht gehört.

Die härtesten Brocken stellen wohl die sich wie der Opener ebenfalls jenseits der Zehn-Minuten-Grenze befindenden Epen „The Holy Drinker“ und „The Watchmaker“ dar, deren komplexe, unkonventionelle Struktur es mittels mehrerer Durchläufe erst einmal zu ergründen gilt. Erstgenannte Nummer besticht abermals durch sehr mitreißendes Riffing zu Beginn und besitzt interessanterweise ein paar an Emerson, Lake & Palmer erinnernde Einsprengsel – wo Steven Wilson doch gerade seine Arbeit an den Remixen der Diskographie der englischen Pomp-Prog-Rocker abgab, weil er sich nicht genügend mit deren Material („I can’t honestly say I love them“) identifizieren konnte; übrigens ein weiterer Beweis für seine Integrität und Ehrlichkeit. „The Watchmaker“ hingegen beginnt ruhig, melancholisch, mit herrlichem Akustikgitarrenspiel und wundervoll zerbrechlichen Gesangslinien, um in einen Soloteil in Walzermanier zu münden, der etwas abrupt ein Ende findet, bevor es wieder ruhiger zugeht, bis schließlich ein düsteres, bedrohlich wirkendes, sich mehr und mehr steigerndes Finale zum Besten gegeben wird.

Dem gegenüber stehen mit „Drive Home“ und dem Titeltrack zwei balladeske Stücke, die mit so himmlischen Melodien, Harmonien und Ideen angereichert sind, dass einem buchstäblich die Tränen kommen. Gerade „The Raven That Refused To Sing“ ist dermaßen herzzerreißend, zumal hier auch noch eine äußerst bewegende Story zugrunde liegt, die in einem sehr sehenswerten Videoclip optisch umgesetzt wurde. Es stellt sich die Frage, wo dieser Mann nur immer wieder diese sagenhaft schönen Einfälle hernimmt – er muss schlicht ein unglaubliches musikalisches Vorstellungsvermögen besitzen. Allein die Gesangsarrangements sind erneut zum Zungeschnalzen, da heißt es einfach nur Augen zu, schweigen, schwelgen und genießen. Dies ist im Prinzip ein gutes Gesamtfazit, denn was soll man sonst noch großartig schreiben? Steven Wilson spielt in einer ganz eigenen Liga und befindet sich auf einem musikalischen Niveau, von dem die meisten (Prog-)Mucker nicht einmal zu träumen wagen. Freuen wir uns, dass es ihn und seine Musik gibt.

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