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Steven Wilson: The Future Bites

Wird Wilsons Anhängerschaft spalten
Wertung: 8,5/10
Genre: Synthpop / Electronic
Spielzeit: 42:02
Release: 29.01.2021
Label: Caroline International

Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Steven Wilson mit dem Konsumwahn der Menschen, noch nie jedoch hat er es so ausgiebig getan wie auf seinem sechsten Soloalbum „The Future Bites“. Beißend ist da auch die Ironie, dass er noch nie eine derart umfassende Marketingkampagne startete wie bei dieser Platte – wieder einmal hält der Prog-Rock-Großmeister der Gesellschaft den Spiegel vor; dies u.a. in Form der eigens eingerichteten Website thefuturebites.com, auf der z.B. „klare, antarktische Luft“ in Dosen oder TFB-Klopapierrollen zu exorbitanten Preisen angeboten wurden. Selbstverständlich ist das nicht ernst gemeint, sondern als ebenso bissiger wie amüsanter Fingerzeig darauf zu verstehen, dass die Leute eben jeden Scheiß kaufen, wenn ihnen nur lange genug eingetrichtert wird, dass man ihn braucht.

Daher kann man die Zeile „buy the shit you never knew you lacked“ in „Personal Shopper“, dem zehnminütigen Herzstück des Albums, im Prinzip als den zentralen Satz der Scheibe ausmachen. Die erschreckend akkurat personalisierte Werbung heutzutage verleitet tatsächlich schnell dazu, alle möglichen Güter zu horten, ohne sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob man das alles wirklich benötigt. Dass Wilson jenen Longtrack als erste neue Nummer von „The Future Bites“ vorstellte, scheint seltsam, weil man doch an sich nicht sofort das Tafelsilber auftischt, andererseits wird hier sofort das Konzept deutlich und vor allem die noch einmal deutlich mehr in die Synth- und Electro-Abteilung gehende musikalische Ausrichtung.

Viele Fans taten sich bereits mit dem 2017er Werk „To The Bone“ recht schwer, das insgesamt mit einer sehr viel unterkühlteren Atmosphäre als die warmen Prog-Rock-orientierten Vorgänger und einem großen elektronischen Anteil aufwartete und im Nachhinein somit als eine Art Übergangsalbum angesehen werden kann. Jeder Fan weiß, dass Steven nicht nur für die alten Prog-Götter der Siebziger schwärmt, sondern außerdem eine große Schwäche für Synthwave/Synthpop hegt. Doch auch wenn er früher schon stets mit diesen Elementen spielte, wird es naturgemäß nicht jedermanns Sache sein (genau wie die vielen Falsett-Gesangspassagen), dass er nun fast ein ganzes Album in dieser Ausrichtung herausbringt.

Wer damit gar nichts anfangen kann, für den wird „12 Things I Forgot“ definitiv das einsame Highlight markieren, denn mit seinen Akustikgitarren und dem warmen Sound hebt sich der Song deutlich vom futuristisch-kalt tönenden Rest ab. Eine wunderbare Nummer im Stile von „Happiness III“, „Postcard“ oder „Nowhere Now“, die auf diesem Album vielleicht deplatziert wirkt, welche man allein wegen ihrer songschreiberischen Qualität jedoch nicht missen möchte.

Ob man das übrige, auf Synthesizer und programmierte Drums und weitaus weniger auf elektrische Gitarren setzende „The Future Bites“ mag oder nicht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen und es ist ganz klar, dass dieser Longplayer die Anhängerschaft des Briten spalten wird wie noch kein Werk zuvor. Rein objektiv betrachtet ist das alles aber wieder großartig komponiert, arrangiert und produziert – alles andere würde bei einem Ausnahmemusiker wie Wilson allerdings auch stark verwundern.

Atmosphärisch mag die Scheibe insgesamt vergleichsweise (gewollt) steril und kalt daherkommen, dennoch sind solche Momente wie der beklemmende Refrain von „King Ghost“ oder das von der Stimmung her sehr an Pink Floyds „Welcome To The Machine“ erinnernde „Man Of The People“ erstaunlich intensiv, ebenso das wunderschön traurige, mit üppigem Synthieteppich versehene „Count Of Unease“, das einen sehr ruhigen Abschluss bildet.

Auch in puncto Eingängigkeit hat der frühere Porcupine Tree-Mainman nichts verlernt: Der Quasi-Opener „Self“ sowie der straight forward ballernde Seitenhieb an alle Instagram-Selbstdarsteller „Follower“ setzen sich ganz schnell fest und der Refrain des bereits erwähnten Albumgipfels „Personal Shopper“ geht einem ebenfalls tagelang nicht aus der Birne. Kunstvoll, wie er in diesem überlangen Stück mal wieder völlig unterschiedliche Parts schlüssig zusammensetzt und natürlich supercool, dass er Elton John für den gesprochenen Part, in dem alle möglichen käuflich zu erwerbenden Dinge aufgezählt werden (einige sinnvoll, andere weniger sinnvoll), gewinnen konnte und der Megastar witzigerweise als erstes „sunglasses“ nennt.  

Alles in allem muss man Steven Wilson attestieren, dass er mit „The Future Bites“ erneut ein starkes Album abgeliefert hat. Sicher wagt er hier stilistisch noch größere Veränderungen als schon beim kontrovers diskutierten Vorgänger, andererseits ist wie schon angedeutet ja nicht alles neu was er hier macht, nur hat er seine Achtziger-Synth-Pop-Schwäche eben wesentlich deutlicher ausgelebt. Wer mit dieser Richtung nur ansatzweise etwas anfangen kann, sollte der Scheibe eine Chance und ein paar Durchläufe geben.

Letztlich gilt wie bei all seinen Alben: Stillstand darf es nicht geben, jede Platte soll anders klingen ohne den Wilson-Wiedererkennungswert zu verlieren und das hat er auch hier wieder oder Wenn und Aber geschafft. Mal sehen, wie er das Ganze auf der Bühne umsetzen wird – da er Show und Album und alles was dazugehört, als Gesamtkunstwerk betrachtet, hatte er den Release von „The Future Bites“ vom Juni 2020 auf den Januar 2021 verschoben; hoffen wir, dass er die geplanten Livetermine im September und Oktober dann auch realisieren kann.

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