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Steven Wilson: Hand. Cannot. Erase.

Etwas Besseres kommt dieses Jahr nicht mehr
Wertung: 10/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 66:07
Release: 27.02.2015
Label: KScope

Steven Wilsons viertes Soloalbum „Hand. Cannot. Erase.“ wurde mit großem Tamtam angekündigt und der Meister selbst erklärte in den Making-of-Videos, die zuvor bei YouTube verfügbar waren, dass er mit der Scheibe praktisch alle Facetten seiner Karriere abdecken würde – womit er seiner Anhängerschaft natürlich den Mund ganz wässrig machte. Nicht selten ist es dann allerdings der Fall, dass das Versprochene nicht gehalten werden kann und man letztlich doch enttäuscht wird – nicht so beim Porcupine Tree-Frontmann, bei dem man eigentlich immer sicher sein kann, Qualität vorgesetzt zu bekommen. Alte Regel: Was Wilson anfasst, wird zu Gold.

So auch bei „Hand. Cannot. Erase.“, bei dem man ohne Übertreibung sogar so weit gehen kann zu sagen, dass der Brite am Höhepunkt seines Schaffens angelangt ist, obgleich er doch schon so viele Großartigkeiten veröffentlich hat. Das grundsätzliche Konzept als solches ist bereits hochinteressant: Es geht um eine Frau namens Joyce Carol Vincent, die, obwohl beliebt und attraktiv, nach ihrem frühen Tod offensichtlich nicht vermisst wurde und deren Leiche fast drei Jahre lang unentdeckt in ihrer Wohnung verblieb. Dass Steven Wilson nicht gerade die fröhlichsten Themen anpackt, dürfte hinlänglich bekannt sein; faszinierend ist solch eine Geschichte jedoch allemal, genauso erschreckend allerdings ebenfalls, legt sie doch Zeugnis von der Gleichgültigkeit im Großstadtdschungel ab.

Dementsprechend sind auch auf Stevens neuem Album wenig aufbauende Töne zu vernehmen, dafür aber eine Platte, die man getrost als eine der besten in den letzten Jahren bezeichnen darf. Das Hauptthema des eröffnenden Epos „3 Years Older“ erinnert in seiner epischen Erhabenheit irgendwie ein bisschen an „Overture 1928“ von Dream Theater oder „Anarchy X“ von Queensrÿche, steht also ein wenig in der Tradition bahnbrechender Konzeptwerke und lässt bereits durchschimmern, dass etwas ganz Großes auf den Hörer wartet. Allein hier sind schon so viele tolle Melodien und Einfälle zu verzeichnen, dass das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht verschwinden will.

Klang „The Raven That Refused To Sing“ noch ganz eindeutig nach einem Prog-Rock-Album aus den Siebzigern (was ja auch das Ziel war), so ist „Hand. Cannot. Erase.“ wieder moderner orientiert, wenn man so will, mit wesentlich vielfältigeren Einflüssen. Es ist erstaunlich und ringt einem enormen Respekt ab, wie Wilson es wieder einmal problemlos hinbekommt, Pop-, Rock-, Metal- und Electro-Elemente unter einen Hut zu kriegen, ohne den Fluss der Platte auch nur ansatzweise zu stören. Über den recht poppigen, aber selbstredend äußerst geschmackvoll arrangierten Titelsong haben sich einige Trottel ja vorher schon wieder mächtig aufgeregt, obwohl klar war, dass dieser nicht repräsentativ für das gesamte Album stehen würde.

Gelogen hat unser aller Lieblings-Progger jedenfalls nicht, als er meinte, er würde mit Rundling Numero vier seine komplette Laufbahn Revue passieren lassen. So dürfen sich auch Porcupine-Tree-Fans über einen teilweise wieder deutlich gesteigerten Härtegrad freuen; der zweite Teil im fantastischen Longtrack „Ancestral“ erinnert streckenweise an den harten Part von „Arriving Somewhere But Not Here“ und auch beim vertrackten „Home Invasion“ geht es streckenweise ziemlich metallisch zur Sache. Doch wie angedeutet stehen diese heftigeren Eruptionen neben sanfterem Material, ohne dass dies stören würde. „Transience“ beispielsweise besitzt eine starke Storm Corrosion-Schlagseite, „Perfect Life“, bereichert von einer Spoken-Words-Passage durch die walisische Mezzosopranistin Katherine Jenkins, kommt durch die Electro-Elemente sehr trippy und lässt einen fast schweben, und das finale „Happy Returns“ (das keineswegs happy klingt) ist so wunderschön, dass einem buchstäblich die Tränen rinnen.

Keine Frage, dass man sich in ein mit überraschenden Wendungen ausgestattetes Stück wie „Ancestral“ ein wenig reinhören muss, aber dies ist man von Steven Wilson ja durchaus gewöhnt und das ist eines seiner Qualitätsmerkmale; häufig denkt man sich: „Das hätte ich jetzt so nicht erwartet, aber es ist geil“. Mal abgesehen davon hat er schlichtergreifend eine Band, die aus dermaßen überragenden Musikern besteht, dass da gar nichts schief laufen kann. Was allein Guthrie Govan an Gitarrensoli vom Stapel lässt, ist nicht von dieser Welt. Besonders die Soloeskapaden in „Regret #9“ sind unfassbar und für Wilson-Verhältnisse erstaunlich frickelig – ein Dream-Theater-Fan war er ja eigentlich nie. Normalsterblichen klappt so oder so die Kinnlade herunter, bei dem, was Keyboarder Adam Holzman und eben Govan da abziehen.

Unbedingt erwähnen muss man auf jeden Fall auch das unglaublich großartige „Routine“, das auf einer simplen Pianomelodie basiert und sich in Wahnsinnsmanier steigert. Erneut ein Track mit vielen überraschenden Wendungen, die sich jedoch zu einem perfekten Ganzen fügen; sogar Knabenstimmen kommen hier zum Einsatz, etwas, das Wilson laut eigenen Angaben schon lange machen wollte, sowie die fabelhafte Stimme der israelischen Sängerin Ninet Tayeb.

Experimentierfreudig war er ja schon immer, Stillstand gibt es bei ihm nicht. Vor allem das zeichnet „Hand. Cannot. Erase.“ aus: Quasi jede Station seiner Karriere wurde berücksichtigt, aber auch Neues ist wieder dabei. Mit der Scheibe hat sich der englische Ausnahmekünstler wahrlich selbst übertroffen: Grandioses Songwriting, grandiose Einfälle, grandiose Musiker, grandiose Produktion. Eintauchen, genießen und den grauen Alltag mit all seinen Problemen einfach mal vergessen. Zehn Punkte sind für dieses absolute Meisterwerk nicht mal ansatzweise ausreichend und Anspieltipps völlig überflüssig – am Stück hören bitte. Hach, Musik kann manchmal so glücklich machen.

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