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Steven Wilson: Grace For Drowning

Fantastische Entdeckungsreise
Wertung: 10/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 83:06
Release: 30.09.2011
Label: KScope (Edel)

In dem Interview, das Steven Wilson mit uns vor seinem Konzert in Hamburg geführt hat, sagte er, dass er sich bei seinem Soloprojekt musikalisch noch mehr austoben kann und noch mehr Freiheiten hat als bei seiner Hauptband Porcupine Tree. Dies ist „Grace For Drowning“, seiner zweiten Soloscheibe nach dem 2009 erschienenen Debüt „Insurgentes“ zu jeder Sekunde anzuhören. Das Album ist dermaßen vielfältig und facettenreich ausgefallen, dass man sich monatelang damit einschließen müsste, um alle Details genau zu erfassen. 

Im Gegensatz zur ersten Scheibe, wo die Songs mehr für sich standen, ist „Grace For Drowning“ deutlicher als ein Ganzes zu betrachten, was teilweise auch die Songlängen von bis zu 23 Minuten unterstreichen – hier wurde den beteiligten Musikern viel Raum für Improvisationen gelassen, so dass der Platte häufig ein recht jazziger Charakter innewohnt. Natürlich ist es aber nicht nur dies allein; im Prinzip hat Steven Wilson sämtliche musikalischen Einflüsse, mit denen er im Lauf seiner Karriere bislang konfrontiert wurde, auf dem Doppeldecker untergebracht – dies jedoch ohne dass man jemals von Stückwerk, Affektiertheit oder Selbstzweck sprechen müsste.

Hier und da hört man Porcupine Tree heraus, dort ein bisschen Blackfield, No-Man sind in den ruhigen Passagen definitiv sehr stark präsent und auch Noisigeres der Marke Bass Communion schimmert hin und wieder durch. Klar ist, dass außerdem Stevens Lieblingsband und wohl größter Einfluss King Crimson ebenfalls eine Rolle spielt, doch lässt sich generell über die Platte sagen, dass alter Progressive Rock praktisch allgegenwärtig ist, wo „Insurgentes“ laut dem Musiker selbst eher in den Achtzigern verwurzelt war.

Die Songs sind vollkommen unterschiedlich und bilden doch eine Einheit, angefangen vom mit perlenden Pianoklängen ausgestatteten Titelsong über das instrumentale „Sectarian“, das wunderbar schwelgerische „Deform To Form A Star“ (erst hier ist das erste Mal Text zu hören), den verträumten, poppigen Seelenwärmer „Postcard“, das verstörende, aus der Sicht eines Psychopathen geschriebenen „Index“, bis zum überlangen, 23-minütigen „Raider II“ und dem Finale „Like Dust I Have Cleared From My Eye“. Zwar hat der Porcupine-Tree-Frontmann die beiden CDs mit zwei verschiedenen Überschriften betitelt (die erste heißt „Deform To Form A Star“, die zweite „Like Dust I Have Cleared From My Eye“), doch verdeutlicht schon die Tatsache, dass auf dem ersten Silberling das „Raider Prelude“ zu hören ist und auf dem zweiten der eigentliche Song, dass es sich hier um ein zusammengehörendes Werk handelt.

Es ist einfach unfassbar, mit welch unglaublicher Kreativität dieser Mann gesegnet ist, und dass er diese auch auf so einzigartige Weise umzusetzen in der Lage ist. Zarte Streicherarrangements wechseln sich mit für so manche Ohren sicherlich gewöhnungsbedürftigen, experimentellen, härteren Sequenzen ab (Metal wird hier allerdings nicht gespielt, das ist dann doch eher ein Element, das man bei Porcupine Tree ab und an hören kann), es erklingen ausgiebige Flöten- und Saxophonsoli von Theo Travis (bei Kennern dürfte es bei diesem Namen klingeln, steuerte er doch zu „Stupid Dream“ bereits einige Flötensoli bei), Dunkles macht Platz für Hoffnungsvolles, Glattes steht neben Sperrigem, und spannende, komplexe Songaufbauten machen „Grace For Drowning“ zu einer wahren Entdeckungsreise.

In erster Linie sticht natürlich das erwähnte Epos „Raiders II“ hervor, in dem in absolut unnachahmlicher Manier alle möglichen Stile unter einen Hut gebracht wurden, doch auch ein Stück wie „No Part Of Me“ beispielsweise hat es in sich: Es beginnt als wehmütiger, verloren klingender Tränentreiber (von der Atmosphäre her ähnlich wie „Way Out Of Here“ von „Fear Of A Blank Planet“), mutiert aber zum Ende überraschend zu einer rifflastigen Nummer. Verrückt ist auch „Track One“: Nicht nur, dass der Titel verwirrt, da es sich keineswegs um den ersten, sondern vielmehr den dritten Song der zweiten CD handelt, auch die Struktur ist völlig unkonventionell: Zunächst ist eine unschuldige Gesangsmelodie, die von einem Glockenspiel begleitet wird, zu hören, doch dann setzt plötzlich eine beunruhigende Kakophonie ein, die wiederum von einer sanften Gitarrenpassage abgelöst wird.

Die größte Kunst ist jedoch, dass bei allen Unterschiedlichkeiten der Songs doch immer völlig problemlos herauszuhören ist, um welchen Künstler es sich handelt – Wilson hat bei aller Experimentierfreude eben seinen eigenen Stil. Übrigens tauchen neben Theo Travis noch einige weitere prominente Namen wie Tony Levin, Steve Hackett und Jordan Rudess in der Gästeliste auf, die das ohnehin schon fantastische – selbstredend auch wie immer grandios produzierte – Album noch veredeln.

Ich ahne, dass einige Leute kritisieren werden, dass ich alles von Steven Wilson abfeiere, aber angesichts dieses erneuten kreativen Wunderwerks kann ich nicht anders, als die Höchstnote zu vergeben. Immerhin spricht der dritte Zehner, den ich in diesem Jahr zücke, für ein tolles Musikjahr 2011. Anspieltipps sind überflüssig – schön am Stück hören bitte.

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