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Steve Hackett: Surrender Of Silence

Bestes Hackett-Album seit langem
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 57:37
Release: 10.09.2021
Label: InsideOut

Kaum ein anderer Musiker nutzt die Corona-Zwangstourpause so gut wie Progressive-Rock-Großmeister Steve Hackett: Fleißig am Komponieren sind sicherlich viele, doch der frühere Genesis-Saitenhexer veröffentlichte erst im Januar das akustisch geprägte „From A Mediterranean Sky“, nun jedoch folgt mit „Surrender Of Silence“ im Herbst bereits die nächste Platte – diesmal wieder eher traditionell proggy gehalten und (wie bei Hackett zumeist der Fall) diverse Stilrichtungen und Einflüsse umfassend. Dabei hat er erneut nicht mit namhaften Persönlichkeiten im Line-Up gegeizt: Wer allein schon auf der Schlagzeugposition auf Könner wie Craig Blundell (u.a. Steven Wilson, ex-Pendragon), Phil Ehart (Kansas) und Nick D’Virgilio (ex-Spock's Beard) zurückgreifen kann, darf sich äußerst glücklich schätzen.

Auch sonst tauchen alte Bekannte wie Amanda Lehman oder Roger King in der umfangreichen Gästeliste auf, die dem gebürtigen Londoner dabei geholfen haben, sein inzwischen 27. Studioalbum zu veredeln. Man sollte ja meinen, dass jemand, der schon so viel Musik herausgebracht hat, in bloße Routine verfällt und nicht mehr wirklich etwas zu sagen hätte; nicht so Steve Hackett, im Gegenteil: Seine neue Scheibe ist sogar die beste, die er seit langer Zeit in petto hat, wenngleich der diesjährige Vorgänger ebenfalls ein granatenstarker Output war, aber den lassen wir wegen seines rein akustischen Naturells mal außen vor.

Obwohl „Surrender Of Silence“ im Prinzip alle Zutaten enthält, die man von einem Hackett-Album erwarten kann, glänzt der Maestro mit einem Schwall klasse Songs, die vor Kreativität nur so sprühen. Das auf die Einleitung „The Obliterati“ folgende „Natalia“ ist ein reich instrumentiertes Miniepos mit stark symphonischer Note, ebenso bombastisch und komplex wie eingängig, kraftvoll wie zärtlich – die marschierenden Orchesterpassagen und die Kosakenchöre erinnern an russische Komponisten, zugleich schimmert aber auch Soundtrackcharakter durch. Mit jedem Durchlauf treten neue Details zutage, ob es sich nun um Akkordeon-artige Sounds oder Cembalo-Farbtupfer handelt – über allem thront jedoch der wundervolle Refrain, der voller Sehnsucht und Wehmut ist und sich schnell in den Gehirnwindungen festsetzt.

Soundtrackartig tönt auch das Instrumental „Relaxation Music For Sharks“, mit dem Hackett auf jeden Fall schon mal einen der coolsten wie bizarrsten Songtitel des Jahres eingesackt haben dürfte. Wie auch immer er auf diese Idee gekommen ist, stechen hier in erster Linie sein virtuoses Gitarrenspiel und das energiegeladene Drumming Marke Nick D’Virgilio hervor. Im überlangen „Shanghai To Samarkand“ sowie „Wingbeats“ wendet sich der Gitarrero dann der von ihm bekanntermaßen sehr geschätzten Weltmusik zu und hat auf der einen Seite ein facettenreiches Stück Programmmusik erschaffen, das die Reise von China nach Usbekistan musikalisch plausibel nachvollzieht, und auf der anderen Seite einen erfrischenden Ohrwurm, der von afrikanischen Einflüssen durchzogen ist, besonders hervorgehoben durch die charakteristischen Gesänge und die perkussiven Elemente.  

Ohrwürmer scheint Steve sich allerdings problemlos aus dem Ärmel zu schütteln: Ob nun das zwischen akustischer Strophe (die nicht wenig an Genesis denken lässt) und hymnenhaftem Chorus wechselnde „Held In The Shadows“, das mächtig rockende „Fox’s Tango“ oder das überragende, düster und feierlich stampfende, von einem betörenden Geigensolo eröffnete „Day Of The Dead“ – beeindruckend, wie Hackett auf seine alten Tage hier einen Hit nach dem anderen vom Stapel lässt, dabei aber stets gewohnt anspruchsvoll arrangiert und mit tollen Soli brilliert, die sich völlig unaufdringlich ins Gesamtgeschehen integrieren.

Recht düster, geradezu dämonisch agiert man auch in „The Devil’s Cathedral“, in dem sich Nad Sylvan als Gastsänger die Ehre gibt und mit seinem Peter Gabriel sehr ähnlichen Organ dem auch textlich fiesen Stück („I took his life and then his wife“) seinen Stempel aufdrückt. Dem Titel gemäß werden außerdem kräftig Kirchenorgelpassagen eingestreut. Ganz anders das luftig schwebende „Scorched Earth“, das einmal mehr mit wunderschönen Melodien verzaubert und zusammen mit dem hübschen, kurzen Akustikinstrumental „Esperanza“ (womöglich ein Überbleibsel der „Under A Mediterranean Sky“-Sessions) das Album entspannt ausklingen lässt.

Wie eingangs erwähnt: Steve Hackett legt hier eine bockstarke Platte vor, die eindrucksvoll beweist, dass dieser große Künstler trotz seiner 71 Jahre noch immer keinen Grund hat, sich in den Ruhestand zu verabschieden. Spielerisch grandios, spannend instrumentiert, mit herrlichen mehrstimmigen Gesangssequenzen versehen, fantasievoll, abwechslungsreich und durch die Mitwirkung großartiger Gastmusiker verfeinert, gehört „Surrender Of Silence“ definitiv in jedes gut sortierte Prog-Rock-Regal.

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