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Spock's Beard: The Oblivion Particle

Bei dieser Band hat der Begriff „progressiv“ tatsächlich noch eine Bedeutung
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 66:13
Release: 21.08.2015
Label: InsideOut

Wer geglaubt hatte, Spock's Beard seien nach dem Ausstieg des großartigen Nick D’Virgilio irrelevant geworden, sah sich nach der Veröffentlichung des starken „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep“ gewaltig getäuscht: Ted Leonard fügte sich umgehend glänzend als neuer Bärte-Sänger ein und konnte sich mit zwei Kompositionen im Alleingang auch gleich in die Songwriter-Riege eintragen. Keine zweieinhalb Jahre später liegt mit „The Oblivion Particle“ nun die zweite Full-length-Platte der Leonard-Ära vor und wie schon beim Vorgänger äußerte sich erneut Bassist Dave Meros im Vorfeld zu der Ausrichtung der Scheibe.

Wie viele Musiker neigen dazu, neue Alben überschwänglich anzukündigen, zu übertreiben oder die übliche „Schneller, besser, härter, eingängiger“-Keule zu schwingen – nicht so Meros, der mit der Beschreibung zum vorab veröffentlichten Opener „Tides Of Time“ voll ins Schwarze traf, den er als „klassische Spock's Beard in Bezug auf Arrangement und Stil“ einordnete, während „alles andere ein wenig anders“ sei. Eine absolut stimmige Einschätzung: „Tides Of Time“ ist tatsächlich ziemlich klassisch geraten, ein gefälliges Stück, das man nicht unbedingt originell nennen kann, das mit seinen hübschen Melodien dennoch sofort gute Laune verbreitet und anhand des anspruchsvollen Arrangement natürlich sofort einmal mehr offenlegt, was für unfassbar talentierte Musiker da am Werk sind.

Ansonsten tönt das Album sehr wohl anders als alles, was die Band bislang aus dem Hut zauberte – wenn auch „in den Parametern dessen, was die Leute von uns zu hören erwarten“, um noch ein letztes Mal Dave Meros zu zitieren. Dass hier die Bärte zocken, ist selbstverständlich zu jeder Sekunde hörbar, dennoch verwendet zum Beispiel Tastendrücker Ryo Okumoto auffällig mehr Synthesizer als früher und so manche Sequenz wirkt sperriger denn je.

Dies gilt insbesondere für das siebenminütige „The Center Line“, das mit zwei gegeneinander laufenden Pianoläufen beginnt, zu denen sich schließlich eine filigrane Bassline hinzugesellt, bevor sich der Track zu einer treibenden Nummer mit hymnischen Gesangsmelodien mausert, im weiteren Verlauf jedoch gleichzeitig so amtlich drauflos geproggt wird, dass die Funken sprühen. Auch „Hell’s Not Enough“ wartet zwar mit einem starken und eingängigen Refrain auf, nennt aber gleichsam eine vertrackte Passage mit zum Teil kauzigen Keyboards sein Eigen.

„A Better Way To Fly“ und „To Be Free Again“ sind mit neun bzw. über zehn Minuten noch länger geraten, erscheinen trotz sehr interessanter Wendungen und viel Abwechslung dennoch etwas weniger sperrig. Erstgenanntes besticht durch sein größtenteils flottes Tempo, bei dem die locker-flockig pumpende Rhythmusgruppe mit ihrer unheimlichen Leichtigkeit beeindruckt, während das Ganze im Hintergrund von warmen King Crimson-Mellotrons untermalt wird – passend zum Titel scheint man auf den trippy Sounds quasi zu schweben. „To Be Free Again“ hingegen bewegt sich eher in schleppenden Temporegionen, besitzt dafür aber einen nahezu epischen, erhabenen Charakter, wobei die Band es dennoch relativ problemlos schafft, auch einen verträumten Chiller-Part mit E-Piano und Besen einzubauen. 

In Form von „Get Out While You Can“ haben Spock's Beard außerdem ein recht kurzes, leichter reinlaufendes Stück am Start, das man so von dieser Combo auch noch nicht gehört hat. Im Midtempo angesiedelt, hat der Song einen fast bedrohlichen Charakter – interessant, auch wenn dies nicht jedem Fan gefallen wird. Aber eine Band, die in der Sparte „Progressive Rock“ einsortiert wird, muss ja logischerweise stets neue Wege gehen, ob es den Leuten nun passt oder nicht. Auch das finale „Disappear“ hat eine sehr eingängige, hübsche Mitsing-Melodie zu bieten, auf der anderen Seite wollen die Amis es einem nicht zu einfach machen und lassen es sich nicht nehmen, auch hier noch eine kleine Prog-Achterbahnfahrt zu kredenzen.

Nein, leichte Kost bieten Spock's Beard mit „The Oblivion Particle“ nicht immer, mit welcher Selbstverständlichkeit und Lockerheit diese Truppe aber vertrackteste Passagen zum Besten gibt, ringt einem immer wieder Respekt ab. Ebenso wie die Tatsache, dass sämtliche Bandmitglieder ziemlich gute Sänger sind; so stellt Schlagzeuger Jimmy Keegan in „Bennett Built A Time Machine“, das besonders durch den ausladenden Refrain überzeugt, seine Künste als Leadsänger unter Beweis, und das mehrstimmige Gesangsarrangement im unglaublich facettenreichen, durchdacht aufgebauten „Minion“ lässt mit Sicherheit wieder jeden Anhänger der Truppe mit der Zunge schnalzen.

Zwar war im direkten Vergleich „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep“ meiner Ansicht nach rein songschreiberisch etwas stärker, dennoch ist es einfach nur bewundernswert, wie diese Band immer wieder aufs Neue tolle Ideen hat und versucht, Neues auszuprobieren. Hier hat der Begriff „progressiv“ tatsächlich noch eine Bedeutung und dafür gebührt dem Kalifornier-Fünfer einfach Respekt.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann