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Spock's Beard: Brief Nocturnes And Dreamless Sleep

Diese Band ist noch lange nicht tot!
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 56:00
Release: 22.03.2013
Label: InsideOut

Ende November 2011 wurden Spock's Beard bereits zum zweiten Mal in ihrer Karriere totgesagt. 2002 hatte zunächst Prog-Tausendsassa und Hauptsongwriter Neal Morse die Bärte-Fans mit seinem Ausstieg aus religiösen Gründen schockiert, was darin resultierte, dass fortan Drummer Nick D’Virgilio die Lead Vocals übernahm. Und auch wenn so manch einer den Amerikanern vorwarf, dass sie nie wieder an die Glanzzeiten mit Morse anknüpfen konnten (und es mag sein, dass „Feel Euphoria“ (2003), „Octane“ (2005), „Spock's Beard“ (2006) und „X“ (2010) nicht mehr an das Niveau von Prog-Großtaten à la „The Light“, „The Kindness Of Strangers“ oder „V“ heranreichten, Qualität musste man der sympathischen Truppe aber auch hier bescheinigen), durfte wohl niemand D’Virgilios äußerst überzeugende Leistungen am Mikrofon bestreiten.

Nun ist also auch er weg, und auch wenn kräftig herumgeunkt wurde und ihn bestimmt viele dafür hassten, dass er das lukrativere Angebot des kanadischen Cirque du Soleil dem Musizieren in einer ungleich unrentableren Progressive-Rock-Combo vorzog, muss man seine Entscheidung akzeptieren und insofern verstehen, als dass man es als Profimusiker in der heutigen Zeit wirklich schwer hat, wenn man davon seine Familie ernähren will. Der bisherige Tourdrummer Jimmy Keegan stieg anschließend zum vollen Bandmitglied und Studioschlagzeuger auf und mit Ted Leonard, vielen bestimmt ein Begriff als langjähriger Sänger der Proggies von Enchant, haben sich die Kalifornier wirklich starken Ersatz am Mikro geholt, der auf „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep“ nun sein Studiodebüt für Spock's Beard feiert. Wer Leonards Stimme noch nicht kannte, kann sich beim Opener „Hiding Out“ sogleich davon überzeugen, dass der Mann einen würdiger Nachfolger für D’Virgilio stellt.

Von einem beschwingten Klavierintro eingeleitet, ist der Song so ein typischer SB-Albumauftakt: Eingängig, erfrischend, musikalisch hochwertig arrangiert, und versehen mit hübschen Melodien, die man sofort mitsingen will, versetzt einen das Stück umgehend in die richtige Laune. Im Übrigen stammt „Hiding Out“ aus der Feder von Neuzugang Leonard und wenn man gleich mit solch einer überzeugenden und Band-typischen Nummer aufwartet, beantwortet sich die Frage, ob die Gruppe in Sachen neuer Frontmann eine gute Wahl getroffen hat, wohl von selbst.

Mit dem hymnischen „Submerged“, bei dem er vor allem im Refrain gesanglich alle Register zieht, hat sich Ted noch ein zweites Mal als Beard-Songwriter verewigt. Zwar war der Song ursprünglich für sein 2007er Soloalbum „Way Home“ vorgesehen, doch fügt sich dieser Radio-taugliche Ohrwurm auch hier sehr gut ins Gesamtbild ein – mit fünf Minuten ist er der kürzeste Track geworden und sorgt zwischen den größtenteils wieder relativ langen Epen für willkommene Abwechslung. Ähnlich wie „I Know Your Secret“, das insbesondere mit dem fantastischen Chorus (was für ein Killer-Riff!) punktet.

Im Gegensatz zum Beispiel zum letzten Album hat man mit dem finalen „Waiting For Me“ diesmal trotzdem nur einen Song in petto, der die Zehn-Minuten-Grenze sprengt. Dennoch wird auch auf „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep“ wieder ein Progressive-Feuerwerk abgezogen, dass es eine wahre Pracht ist. Abgesehen von den bekanntermaßen ohnehin ausgezeichneten technischen Fähigkeiten der Protagonisten quellen Tracks wie „A Treasure Abandoned“, das angesprochene „Waiting For Me“ oder das überragende „Something Very Strange“ über vor Spielfreude. Dabei wird viel Wert auf Abwechslung gelegt: Während letztgenanntes Stück düsterer geraten ist und mit seinem strudelartigen Groove etwas aus dem Rahmen fällt, fühlt man sich beim Albumfinale sehr an die klassischen Spock’s Beard erinnert und muss sogleich an Überepen der Marke „The Great Nothing“ denken.

In diesen Momenten wird dann auch klar, weswegen Bassist Dave Meros im Vorfeld davon sprach, dass das Album teilweise Reminiszenzen an alte Zeiten aufkommen lässt. Die Kunst gerade bei „Waiting For Me“ besteht darin, dass es derart stark an die Vergangenheit der Amis erinnert, dass manche vielleicht gar von Selbstkopie sprechen mögen, doch macht die Zwölf-Minuten-Nummer so viel Spaß und wird mit so viel Überzeugung kredenzt, dass das schlichtergreifend kackegal ist – jedenfalls ist der Song garantiert einfallsreicher als der ausgelutschte Titel. Fans, die den alten Zeiten nachtrauern, werden hier mit Sicherheit jubeln, zumal Neal Morse als Co-Komponist aufgeführt wird.

Auch bei „Afterthoughts“ ist der einstige Mastermind als Gast-Songwriter am Start – logisch, dass auch hier Erinnerungen an früher aufkommen, der letzte „Thoughts“-Part fand sich immerhin auf „V“. Was den neuen Teil anbelangt, so liegt wieder ein Track mit tollen A-capella-Gesangsharmonien vor, der außerdem die nötige Beard’sche Kauzigkeit besitzt – darum kann man Meros’ Aussage, es handle sich bei „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep“ um eine Platte mit Ecken und Kanten, durchaus unterstreichen. Spock's Beard sind anno 2013 offensichtlich stark wie lange nicht mehr, Vergangenheit und Zukunft gehen eine fruchtbare Symbiose ein – diese Band ist noch lange nicht tot!

Anmerkung: Es gibt eine Special Edition mit zwei CDs, auf der noch weitere Tracks zu finden sind, da der zweite Silberling in der Promoversion jedoch nicht vorlag, wird in Review, Bewertung, Tracklist und Spielzeit nicht darauf eingegangen.

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