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Sons Of Apollo: MMXX

Erstes Drittel eher schwach, Rest klar besser
Wertung: 7,5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 58:41
Release: 17.01.2020
Label: InsideOut

An mangelndem Selbstbewusstsein haben die Ex-Dream Theater-Musikanten Mike Portnoy (Drums) und Derek Sherinian (Keyboards) noch nie gelitten – einen auf dicke Hose zu machen, gehört für sie zum Geschäft scheinbar einfach dazu. Bereits im Zuge der Veröffentlichung des recht erfolgreichen und insgesamt positiv bewerteten Sons Of Apollo-Debüts „Psychotic Symphony“ (2017) war die Rede davon, dass man die „ultimative“ Prog-Metal-Band habe formieren wollen und dass es keine andere Truppe gäbe, die mit derartiger Virtuosität ausgestattet sei und mehr Eier habe.

Alles andere als bescheiden und trotz der unbestrittenen musikalischen Fähigkeiten sämtlicher Mitglieder in seiner grenzenlosen Anmaßung ein eher amüsantes Statement. Nichtsdestoweniger dürfte unstrittig sein, dass das namhafte Line-up sich auf seinem Erstlingswerk nach Herzenslust austobte und jede Menge Spielfreude an den Tag legte. Dass diese Formation nicht lediglich eine Spielwiese arroganter Rockstars darstellt, sondern in deren Leben momentan offenbar sogar Priorität genießt, hat der Fünfer nicht zuletzt auch durch ausgiebiges Touren unter Beweis gestellt.

So entstand im letzten Jahr in Bulgarien auch schon gleich das erste Livealbum „Live With The Plovdiv Psychotic Symphony“ und nun wiederum die zweite Studioplatte „MMXX“, die man schlicht deswegen so nannte, weil sie einen der ersten Releases in der neuen Dekade markiert. Nur sieht das in römischen Ziffern natürlich epischer und cooler aus. Noch epischer, cooler und besser soll angeblich auch der „Psychotic Symphony“-Nachfolger sein, denn nun würden sich ja alle untereinander besser kennen als noch vor der ersten Scheibe, so Portnoy und Sherinian, deswegen sei alles heavier, progressiver und das Songwriting stärker.

Da sind sie wieder, die Superlative, und wahrhaftig gelingt den Söhnen des griechischen Gottes der Musik und Poesie der Spagat zwischen metallischer Härte, instrumentalem Gefrickel und hardrockiger Eingängigkeit auch dieses Mal erstaunlich gut – das hohe technische Niveau der Beteiligten ist sicherlich enorm hilfreich, alles recht flüssig und leicht erscheinen zu lassen, auf der anderen Seite wird auch auf „MMXX“ das Rad nicht neu erfunden. Wer unter „progressiv“ Dream Theater-Gedächtnis-Soloorgien, die man so oder so ähnlich schon x-mal gehört hat versteht, wird erfreut registrieren, dass es davon tatsächlich noch mehr auf der ersten Scheibe gibt.

Das ist nicht innovativ, aber das, was viele Fans gerade von Mike Portnoy hören wollen und wenn die Jungs Lust darauf haben, ist das ja auch völlig in Ordnung, zumal die Band es glücklicherweise versteht, derartige Sequenzen nicht wie auditive Ejakulationen entrückter Egomanen wirken zu lassen. Was jedoch die Kompositionen selbst und insbesondere die Hooklines angeht, müssen vor allem im ersten Drittel einige Abstriche gemacht werden.

Betrachtet man allein den fulminanten Opener „God Of The Sun“ vom Debüt und stellt zum Vergleich „Goodbye Divinity“ vom vorliegenden Werk gegenüber, kann es nur einen Gewinner geben. Der Refrain mag gewisse Ohrwurmqualitäten aufweisen, wirkt gleichzeitig aber auch abgenudelt und wie schon mehrfach gehört, leider stellt sich beim melancholisch gefärbten „Wither To Black“ ein ähnliches Gefühl ein, auch das Mainriff wirkt hier wenig originell. „Asphyxiation“ hingegen kann anschließend zwar mit schön aggressiven, treibenden Klampfenklängen sowie entsprechendem Groove punkten und Jeff Scott Sotos markige Schreie tragen dazu bei, dass die Ankündigung von mehr Heaviness nicht ganz von der Hand zu weisen ist, aber die Gesangslinien und auch die erzwungen wirkenden Reime („sensation, temptation, asphyxiation“, boah…) sind schwach und frei von jeglicher Originalität.

Nach diesem zwar alles in allem nicht wirklich schlechten, dennoch relativ durchschnittlichen Eröffnungstriplett kann sich die Band zum Glück aber klar steigern: Das getragene „Desolate July“ – dem 2017 bei einem Busunfall auf einer Tour von Adrenaline Mob verstorbenen Bassisten David Zablidowsky gewidmet, mit dem sowohl Portnoy als auch Soto früher zusammenarbeiteten – kommt balladesk daher, besitzt aber trotzdem viel Rauheit und Power und wird in Form mäandernder Pianoläufe zudem clever in das fast neunminütige „King Of Delusion“ übergeleitet, dem klar stärksten Track des Albums. Hier agiert man mittels vieler Wendungen und interessanter Variationen des Hauptthemas tatsächlich progressiv, zudem ist die Stimmung konstant unheilschwanger und geheimnisvoll.

Noch mehr Register werden allerdings im finalen 16-Minüter „New World Today“ gezogen; sicherlich kommen auch hier Passagen vor, die man als Proghead (und vor allem Dream Theater-Jünger) in ähnlicher Manier schon häufiger gehört hat, aber die Nummer macht zweifellos Spaß, man will ja auch nicht nach jedem kleinsten Haar in der Suppe fischen. Und die beiden Dampf machenden, kompakteren Ohrwürmer „Fall To Ascend“ und „Resurrection Day“ besitzen zweifellos ebenfalls mehr Qualität als die drei Nummern zu Beginn der Platte und werden sich an der Livefront garantiert hervorragend machen.

Wenn auch die letzten beiden Drittel der Platte klar besser sind als der Beginn, ist das Ganze zumindest im Vergleich mit „Psychotic Symphony“ entgegen den Aussagen der Herren Portnoy und Sherinian ein klein wenig enttäuschend. Trotz mancher eher uninspiriert wirkender Momente jedoch insgesamt eine brauchbare Platte, die selbstverständlich exzellent produziert, gespielt und arrangiert wurde; die überirdischen handwerklichen Fähigkeiten der Kollegen sind ja bekannt – schön, dass auch Billy Sheehan hier und da mit einem kleinen Basssolo glänzen darf.

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