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Sólstafir: Ótta

Ein weiterer Schritt nach vorne
Wertung: 9.5/10
Genre: Post Rock/Metal, Ambient
Spielzeit: 57:26
Release: 29.08.2014
Label: Season Of Mist

Sólstafir machen keine Musik für die breite Masse. Wirklich nicht. Diese Band war schon immer sehr speziell und besaß von Anfang an einen völlig eigenständigen und auch eigenwilligen Stil, mit dem natürlich nicht jeder etwas anfangen kann – so wie Ex-Kollege Ole Verwold, der damals mit zwei lachhaften Punkten für „Masterpiece Of Bitterness“ wahrhaftig den Vogel abgeschossen hat. Die Soundscapes, die die Isländer kreieren, sind ausgiebig, ausladend und erfordern nun einmal Geduld und vor allem die Bereitschaft, sich komplett darin fallen zu lassen – ähnlich wie bei den Landsleuten von Sigur Rós. Man hat bei isländischen Musikern das Gefühl, dass sie bei allen Unterschieden in gewisser Weise doch alle einen gemeinsamen Nenner haben, sicherlich inspiriert von der einzigartigen Natur dieses wunderschönen Inselstaates.

Die Klangzauberer um Frontmann Aðalbjörn Tryggvason sind nun mit ihrem sehnsüchtig erwarteten fünften Langspieler „Ótta“ zurück, bei dem es sich diesmal wieder ganz standardmäßig um eine Einzelscheibe und nicht ein Doppelalbum handelt, wie beim vor drei Jahren erschienenen „Svartir Sandar“. Dabei bleibt man der Linie des Vorgängers treu, ausschließlich isländisch betitelte Songs in der Tracklist sowie Texte lediglich in isländischer Sprache zu haben. Im Falle von „Ótta“ liegt allerdings ohnehin ein lyrischer Zusammenhang zugrunde, ein Konzept, das sich auf ein altes isländisches System stützt, bei dem der Tag in acht Teile à drei Stunden aufgeteilt wird, wobei die Platte quasi um Mitternacht beginnt, um auch um Mitternacht wieder zu enden. 

Musikalisch gibt es auf den ersten Blick eigentlich wenige Veränderungen, wobei der Sound von Sólstafir natürlich auch einen so hohen Wiedererkennungswert besitzt, dass man sie ohnehin aus tausend anderen Formationen heraushören würde. Es sind – wieder mal – die kleinen Details, an denen das Quartett gefeilt hat und die die Unterschiede zum Vorgänger und die Weiterentwicklung aufzeigen. Fest steht aber schon nach wenigen Minuten Laufzeit von „Ótta“: das Attribut „Wenn Island Klang wäre – so sähe es aus“ (© David Albus) lässt sich auch 2014 noch bestens auf diese Gruppe anwenden. Diese Musik ist nicht nur für die Ohren bestimmt – Bilder von Geysiren, Nordlicht, Eislandschaften, Wäldern und einsamen Küstenstreifen entstehen von ganz alleine vor dem geistigen Auge. Nennen wir das Kind beim Namen: Kiffermucke vom feinsten!

Treibend, hypnotisch, fesselnd, episch – all diese Begriffe kann man für die meist überlangen Stücke Sólstafirs verwenden; der bereits vorab veröffentlichte, fast zehn Minuten währende Titelsong verdeutlichte dies einmal mehr und bewies, dass die Isländer nichts von ihrer Magie verloren haben. Und dabei eben sogar neue Ideen in petto haben, wird in „Ótta“ doch von einem Banjo die Leadmelodie übernommen, was sich überraschend gut macht. Außerdem spielen Keyboards diesmal eine weitaus größere Rolle: In „Náttmál“ wummert im Hintergrund immer wieder majestätisch eine Orgel auf und im Opener „Lágnætti“ ist ein Klavier zunächst die einsame Begleitung für einen emotional singenden Aðalbjörn, der im Übrigen stimmlich auch immer besser wird, bevor sich der Track mehr und mehr steigert und schließlich die gesamte Band, aber auch elegische Streicher einsetzen. Letztere werden ebenfalls des Öfteren sehr geschmackvoll serviert, besonders im ruhigen „Miðaftann“ kommen sie sehr effektiv zum Zuge.

Die Jungs haben ihren Klangkosmos also wirklich sehr durchdacht erweitert und sich auf mehreren Ebenen weiterentwickelt, was ebenso für das Songwriting selbst gilt: Mit den großartigen Longtracks „Ótta“ und „Náttmál“ liegen zwei Epen in mehr oder weniger typischer Sólstafir-Manier mit Überlänge und Rauschgefahr vor und auch „Lágnætti“ und das etwas härtere, streckenweise mit E-Piano angereicherte „Nón“ weisen eine Länge von je gut acht Minuten auf. Bei allem Traumreisen-Charakter wirken diese Tracks klarer strukturiert als ihre Vorgänger, und kürzere Nummern wie „Rismál“ oder „Dagmál“ weisen wiederum mehr Eingängigkeit auf als alles, was die Nordmänner bisher herausgebracht haben.

Auch produktionstechnisch ist „Ótta“ ein weiterer Schritt nach vorne, die Scheibe klingt klarer, differenzierter und sicherlich polierter als das allerdings auch grundsätzlich härtere, ruppigere „Svartir Sandar“, ohne jedoch an Atmosphäre einzubüßen. Ohne Frage eine ganz große Platte, bei der ich mir nur deswegen die Höchstnote verkneife, weil sich das ganz sicher nicht schlechte „Miðdegi“ irgendwie nicht recht ins Gesamtkonzept einfügen will.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann