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Sólstafir: Berdreyminn

Rauswurf eines Gründungsmitglieds hat musikalisch keine negativen Auswirkungen
Wertung: 9/10
Genre: Post Rock/Metal, Ambient, Alternative Rock
Spielzeit: 57:26
Release: 26.05.2017
Label: Season Of Mist

Reichlich Beigeschmack hatte die Trennung Sólstafirs von ihrem langjährigen Drummer Guðmundur Óli Pálmason vor rund zwei Jahren. Man hege zwar „keinerlei Feindseligkeiten“ gegen den Ex-Schlagwerker, doch handele es sich „um einen tiefgehenden persönlichen Konflikt“, der einen Split unumgänglich machen würde. Pálmasons Aussage, man habe ihn einen Tag vor einer bevorstehenden Tournee aus der Band katapultiert, lässt allerdings den Schluss zu, dass Ersatz bereits seit einiger Zeit bereit stand – ob 24 Stunden vor einer Tour da einen feinfühligen und respektvoll gewählten Zeitpunkt darstellt, den alten Kumpel über seinen Rauswurf zu informieren, sei dahingestellt.

Interessant ist auf jeden Fall die Frage, wie sich der Wechsel musikalisch manifestieren würde: Für den Geschassten sitzt nun Hallgrímur Jón Hallgrímsson hinter der Schießbude – rein technisch gesehen sicherlich eine Verbesserung, von Anfang an wirkt das Drumming auf „Berdreyminn“ (laut der Sólstafir-Website bedeutet dies „dreamer of forthcoming events“, also etwas frei übersetzt „jemand, der von bevorstehenden Ereignissen träumt“) gradliniger und präziser. Natürlich waren viele Fans im Vorfeld skeptisch, immerhin war Pálmason Gründungsmitglied, wodurch der Bruch umso bitterer erscheint. Und wer das mitunter etwas hölzern wirkende, aber eben sehr charakteristische Schlagzeugspiel von Pálmason gerade entscheidend charmant am Sound der Isländer empfand, wird angesichts einer solchen Umschreibung sicherlich erst einmal kritisch die Augenbrauen heben. Die vorab veröffentlichten Songs „Ísafold“ und „Bláfjall“ kamen im Netz jedenfalls nicht sonderlich gut weg.

Dabei kann nach dem Hören von der CD eigentlich niemand behaupten, dass die Truppe einen großen Stilwandel vollzogen hätte. In ihrer Geschichte haben die Nordmänner ihren Sound ja kontinuierlich weiterentwickelt, der Schritt vom für meine Begriffe nach wie vor überragenden „Ótta“ zum gegenwärtigen „Berdreyminn“ ist auf jeden Fall kein Quantensprung, vielmehr ist es – so abgenudelt der Begriff auch sein mag – die logische Weiterführung. Vielleicht noch einen Tick sauberer produziert und kompositorisch eingängiger – aber keine Angst, die Sólstafir’sche Atmosphäre bleibt zu jedem Zeitpunkt erhalten und ist immer noch unverkennbar.

Bestes Beispiel hierfür ist zweifellos das fantastische „Dýrafjörður“, der wohl beste Track des Albums: Majestätisch langsam und getragen, mit ebenso simpler wie hübscher Pianomelodie ausgestattet, die sich durch den Song mäandert, laden einerseits die ätherischen Streicher zum Träumen ein, während andererseits die Gitarren für Düsternis und Tiefe sorgen. Überhaupt versteht das Quartett es arrangementtechnisch immer noch wie kaum eine zweite Band, die maximale Wirkung zu erzeugen und dadurch stets spannend und wie niemand sonst zu klingen.  

Man arbeitet weiterhin gerne mit Keyboards, vorrangig Orgel und Klavier. Erstgenannte tritt gleich im Opener „Silfur-Refur“ sehr prominent zutage, einer nach ausgiebigem ruhigen Intro durchaus stürmischen Komposition, die mit scharfkantigem Drumming und kraftvollem Riffing daherkommt, aber dank toller Dynamik zwischendurch auch wieder Platz für besinnlichere Momente lässt. Stark, wie auch das Finale „Bláfjall“, das ebenfalls mit reichlich Orgel verziert wurde und am Ende regelrecht ins Dramatische ausartet. Im wiederum sehr verträumten „Hula“ übernimmt hingegen wie im erwähnten „Dýrafjörður“ das Klavier eine tragende Rolle – hier liegt sicherlich die sphärischste Nummer der Scheibe vor.

Im kürzeren „Ísafold“ sowie dem bedächtig aufgebauten „Nárós“ sind es stattdessen die Gitarren, die mit erneut einfachsten Melodien (natürlich auch dank dem kompetenten Umgang mit Effektgeräten) ein umso mächtigeres Klangbild zaubern. Bedächtig aufgebaut präsentiert sich auch „Hvít Sæng“, dessen Klimperkisten-Sound zu Beginn an eine melancholische Variante von Saloonmusik erinnert, bevor sich das Stück mit spartanischer Instrumentierung, die es Frontmann Aðalbjörn Tryggvason erlaubt, mit seinem elegischen Gesang im Vordergrund zu stehen, zurücknimmt – um dann den Härtegrad deutlich anzuziehen, während Tryggvason mit anklagenden Vocals Verzweiflung herauszuschreien scheint; ein sehr intimer, aufwühlender Song, wohingegen sich „Ambátt“ in der Mitte fast tänzerisch gibt.

Alles in allem sorgen Sólstafir auch auf „Berdreyminn“ also wieder einmal für viele verschiedene Emotionen und damit auch für viel Abwechslung, sie kombinieren munter unterschiedlichste Stile und schaffen es trotzdem mühelos, die Platte wie aus einem Guss klingen zu lassen. Kompositorisch ist der Vierer noch mehr gereift, ohne seine typischen Trademarks einzubüßen – trotz des Drummerwechsels, der dennoch nicht jedem schmecken wird. Atmosphäre und große Gefühle sind aber auch im Jahre 2017 noch das Wichtigste bei den Strahlenbüscheln, was für jeden Fan wohl die beste Nachricht sein dürfte. Unter Gesichtspunkten wie Produktion, Arrangements und Kompositionen haben sie objektiv die vielleicht beste Scheibe ihrer Karriere veröffentlicht, an „Ótta“ kommt sie für mich aber trotzdem nicht ganz heran.

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