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Soko Friedhof: Klingeltöne Satans

Existenz und Surrealismus sowie Sein und Schein zusammen
Wertung: 7.5/10
Genre: EBM
Spielzeit: 44:27
Release: 07.12.2007
Label: Grafenwald Verlag

Nachdem die Untoten mit “Die Nonnen von Loudun“ bereits im letzten Monat eine sehr gelungene Veröffentlichung vorweisen konnten (siehe unser entsprechendes CD-Special), lässt sich auch das rein elektronische Soloprojekt von David A. Line - Soko Friedhof - nicht lange bitten: “Klingeltöne Satans“, so der Name des jüngsten Sprosses, welcher es wirklich mehr als gelungen versteht, den bereits bestehenden Spagat aus beißender Ironie und bitterer Ernsthaftigkeit noch weiter zu vertiefen.

Vorgewarnt seien aber dennoch erst mal alle so genannten „Partypeople“, die von dem aktuellen Soko - Output eine „Tanzflächengranate“ erwarten: Denn eben auf genau diese zielt “Klingeltöne Satans“ am wenigsten ab…

Zum Grundtenor des Albums sei angemerkt, dass es sich trotz vorhandenem Zynismus ernster und nachdenklicher präsentiert, als alles bisher dagewesene aus den Reigen von Soko Friedhof. Mit am besten lässt sich dies wohl an den beiden Titeln “eXistenZ“ und “Mein Fleisch“ aufzeigen: So ist es hier u.a. eine fundamentale Einsamkeit und innere Leere, welche die Inhalte dieser beiden Songs repräsentieren. Des Weiteren verstören sie die aufmerksame Hörerschar durch einen gnadenlosen Seelenstrip seiner Protagonisten, die nicht nur „ganz unten“ in der Gesellschaft angekommen sind - sondern auch viel tiefer zu sinken drohen.

Die Kunst ist hier allerdings zugleich, dass es David A. Line geschickt versteht, die gnadenlose Kälte der Realität in teils bizarre (Klang-)Momente zu tauchen. So ist es beispielsweise kein Zufall, dass nicht nur die Schreibweise von “eXistenZ“ an das verkannte Meisterwerk des kanadischen Regisseurs David Cronenberg aus dem Jahre 1998 erinnert (siehe u.a. die entsprechenden, vorhandenen Filmsamples).

Das gleiche Spiel dann auch bei dem forschen “Mein Fleisch“, dessen Anfangsmelodie wohl bewusst an ABBA´s Evergreen “Mamma Mia“ von anno 1975 angelehnt wurde, aber nur, um dann endgültig die Realität zu verzehren und seinen gequälten Hauptakteur in eine Welt aus Drogen und Paranoia zu ziehen…

Nicht ganz so emotional nieder ziehend fällt “Liebling, das Fernsehen hat gesagt…“ aus. Eine experimentelle, aber musikalisch eher gelassenere Nummer über den Wahnsinn und Stumpfsinn der heutigen Medienlandschaft. Schlagwörter wie „Unterschicht“, „Superstars“, „Jugendwahn“ und „Magersucht“ prägen sehr stark diesen Song um den medialen Terror in den heutigen Fernsehprogrammen (welchen wir ja dankenswerterweise alle mitfinanzieren „dürfen“).

Nicht weniger nervtötend die nahezu allgegenwärtige „Klingeltonmafia“ in den einschlägigen Fernsehsendern: Jedoch geht “Des Satans liebster Klingelton“ lyrisch nicht gar so ernst an dieses Thema heran, wie es zuvor noch bei “Liebling, das Fernsehen hat gesagt…“ noch der Fall gewesen war. Eben in gewohnt überdrehter Soko Friedhof - Manier brettert diese Komposition hinaus in den Orkus und wird beim Zuhörer sicherlich weit mehr als nur ein kurzes und zustimmendes Nicken hervorrufen.

Spöttisch bleibt es aber auch beim donnernden Opener “Danke!“, welcher seinen wohlüberlegten „Mittelfingergruß“ in die weite Welt hinaus schickt… Aber was soll man eben auch von einer Gesellschaft erwarten, die zum größten Teil nur noch aus Heuchlern, Egoisten und „Seelenhändlern“ besteht?

Übertragen lässt sich dieses kranke Spiel auch auf sexuelle Handlungsweisen: “XXX Maschine“ reduziert des menschliche Individuum auf die purste und primitivste Triebbefriedigung, welche keinerlei Widerspruch duldet.

Einen ähnlichen Charakter weist so dann auch “Uniform“ auf (welcher übrigens der einzige Song auf dem Album ist, der komplett von Untoten - Sängerin Greta Csatlos intoniert wurde): Macht und Demut sowie Schönheit und Fanatismus: Beide Extreme liegen auf Grund menschlicher Handlungsweisen sehr dicht beieinander und schaden am Ende mehr, als dass sie irgendjemanden nutzen würden.

Ansonsten bieten die “Klingeltöne Satans“ aber auch noch zwei abgedrehte (dafür aber relativ kurze) Intermezzi aus harschen Elektrorhythmen und Filmsamples (gemeint sind hier “Strange Circus“ und “Schaffot“), sowie aber auch die nötige Selbstironie, die sich dieses Mal hinter den Titeln “Sonderkommission“ und “Groupie“ verbirgt (wobei “Groupie“ hier nur als exklusive Live-Version zu hören ist, die lediglich mit Akustikgitarre und Mundharmonika(!) auskommt).

Weiterhin sollte das Auge des Betrachters auch auf der offiziellen Tracklist des Albums liegen: Denn “Klingeltöne Satans“ hält in Wirklichkeit nicht 11, sondern 12 Tracks parat! Das Geheimnis: Nach “eXistenZ“ folgt NICHT direkt der Titel “Liebling, das Fernsehen hat gesagt…“, sondern eine quirlige Fortführung von eben jenem “eXistenZ“, die allerdings wiederum mehr spaßiger denn dynamisch anmutet.

Fazit: Nach dem eher diabolischen “Jesussaft“ von 2006 erscheinen die “Klingeltöne Satans“ nun wieder viel mehr in der Wirklichkeit unserer Zeit angekommen. Die Songs sind größtenteils bodenständiger, aber deswegen noch lange nicht weniger bedrohlich oder gar harmlos! Viel mehr wird uns der „langweilige (da altbekannte) Horror“ unserer (zwangs-)zivilisierten Gesellschaftsordnung vorgehalten, dabei aber so voll gepackt mit deprimierenden Erkenntnissen und Wahrheiten unserer Welt, dass sie nur durch die „spaßigen Zwischenspiele“ erträglich werden.

Von daher: Vielen Dank, Soko Friedhof! Denn Existenz und Surrealismus sowie Sein und Schein so miteinander zu verpacken, dass sie immer noch degustierbar bleiben, ist weiß Gott keine Selbstverständlichkeit…

Anmerkung:

Wer sich aktuell aber auch noch gerne weiterhin mit David A. Lines bizarr-ironischer Weltanschauung aus überspitzer Realität und grotesken Traumata auseinandersetzen möchte, dem lege ich an dieser Stelle doch seinen neuen Roman “Schwarze Messe 2“ ans Herz (erschienen Ende Oktober ´07, in der Reihe “German Horror“ des Grafenwald Verlages).

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