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Artwork der "Schweineherbst"-CD

Slime: Schweineherbst

Slime sind definitiv reifer und erwachsener geworden
Wertung: 9/10
Genre: Punk Rock
Spielzeit: 48:5
Release: 22.04.2004
Label: Indigo

Als sich im Jahre 1979 in Hamburg die junge Punk-Combo mit dem markanten Bandnamen Slime gründete, konnte wohl zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen, dass aus diesen Rotzlöffeln einst eine der bekanntesten, legendärsten und politischsten Punk Bands Deutschlands werden sollte. Nicht minder fast 16 Jahre (mit zwischenzeitlicher Unterbrechung) war die Band um Sänger Dirk unbeirrt im Einsatz, um ihr politisches Anliegen in die weite Welt hinaus zu tragen.

Angefangen hatte damals alles im Jahre 1980 mit der Veröffentlichung der ersten Single-LP “Wir wollen keine Bullenschweine“, welche innerhalb der Punk-Szene ein voller Erfolg wurde und Slime auch recht schnell einen Platz unter den „Polit-Punk-Bands“ der ersten Stunde verschaffte. Die Band gab nicht nur eine deutliche und direkte Sprache von sich, sondern bohrte auch noch gnadenlos im „Hintern der Nation“.

So sorgte z.B. bereits ein Jahr später im Jahre 1981 die Veröffentlichung der ersten offiziellen Slime LP mit dem schlichten Namen “Slime I“ für einen handfesten Skandal bezüglich des enthaltenen Titels “Polizei SA-SS“. Bei diesem noch nicht mal zwei Minuten langen Brachialstück wird die hiesige Polizei nämlich mit den Schergen des Dritten Reich verglichen. Denn sie hatte angeblich seinerzeit im Herbst 1977 die „Ermordung“ von Andreas Baader und Gudrun Ensslin (jene Gründungsköpfe der RAF) in Stuttgart-Stammheim mit zu verantworten. Grund genug also für die damalige Staatsanwaltschaft, jenen Titel auf den Index zu setzten bis er dann von diesem im Jahre ´96/´97 doch wieder heruntergenommen wurde. Der Grund dafür: Die Zeiten hatten sich seither einfach unwiderruflich geändert und aus der heutigen Sicht ist der Text wirklich nur als ein provokanter Witz zu betrachten.

Slime bot inhaltlich immer eine Mischung aus Themen wie Klassenkampf und Straßenschlachten, Politik und Anarchie und sowie letztendlich aber auch Fußball und der reine Spaß am Leben. Unvergessen bleiben hier solch großen (und irgendwo noch immer zeitlosen) Hymen alá “A.C.A.B“, “Wenn der Himmel brennt“, “Linke Spießer“ und “Störtebecker“.

Soviel also mal zu den doch recht frühen Anfangstagen. Deswegen vollziehen wir also nun einen Sprung zum Jahreswechsel 1993/´94, da dort nämlich die vorliegende (und offiziell letzte) CD von Slime mit dem Titel “Schweineherbst“ aufgenommen und produziert wurde. Im Grunde wurde die inhaltlich politischste und musikalisch ausgewogenste Platte in der Slime – Ära eigentlich zum damaligen Wahljahr 1994 sehr passend auf den Markt gebracht. War doch auch dementsprechend der Anspruch innerhalb der Band selber recht groß zum Ende noch einmal richtig Gas zu geben und allen Pseudo-Punk-Bands zu zeigen, was eine wirkliche Harke ist! Dementsprechend verabschiedete man sich auch großflächig von plumpen Phrasen- und Schlachtgesängen und setzte mehr inhaltliche Tiefe, ohne dabei jemals aufgesetzt oder gar peinlich zu wirken...

Slime sind definitiv reifer und erwachsener geworden, was sie mit “Schweineherbst“ vorbildlich unter Beweis gestellt haben. Inhaltlich stand das Album immer noch unter den Nachwirkungen auf die schrecklichen und menschenverachtenden Anschläge auf ein Asylantenheim in Rostock ein Jahr zuvor. Dementsprechend waren doch recht viele Liedertexte vertreten, die sich mit dem Thema „Neofaschismus und die aktuelle Landespolitik“ auseinandersetzten. Einerseits relativ direkt angeprangert wurde dort u.a. der Schutz des Staates, den er für Neonazi Aufmärsche bereitstellte, während aber gleichzeitig friedliche Gegendemonstranten doch recht deutlich in die Schranken gewiesen worden (zu hören u.a. in den Liedern “Schweineherbst“, “Gewalt“ und “Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“).

Nachdem man schon im ´92er Album “Viva la muerte“ recht rockige und fast schon Metal-lastige Elemente in die heimischen Punksongs mit einbaute, wurde dieser Weg auch auf “Schweineherbst“ erfolgreich weiterentwickelt und ausgebaut: So erklingen Slime frischer und zugleich härter denn je, ohne auch nur irgendwie langweilig zu werden bzw. Gefahr zu laufen, sich musikalisch zu wiederholen.

Dementsprechend flott, konsequent und unbeirrt gehen auch die restlichen Tracks ihren Weg, ohne wirklich jemals an Schwung oder die Aggression der alten Tage zu verlieren. Aber dass auch etwas selbstironische Titel nicht fehlen dürfen ist klar: So setzen sich z.B. in diesem Falle die Stücke “Ich war dabei“ und “Brüllen, zertrümmern und weg“ mit der berühmten „Rauchhaus-Thematik“ der 80er Jahre auseinander (u.a. bezüglich besetzten Häusern und aktivem Widerstand dem Staat gegenüber).

Aber auch das persönliche Individuum kommt dieses mal bei Slime nicht zu kurz, gerade die sehr nachdenklichen Titel “Aufrecht gehen“ (geschrieben von „...But Alive“ Frontmann Marcus Wiebusch) und “Goldene Türme“ wirken auch heute noch politisch aktueller denn je!

So wurde damals schon recht weißlich prognostiziert, dass jedes (wirtschaftliche) Wachstum mal ein Ende haben wird und das dann diejenigen, die zurück bleiben, dann gnadenlos durch ein nicht wirklich vorhandenes Sozialnetz fallen werden. Nur um sich dann letztendlich auch der völligen Willkür von Staat und dekadenten Firmenchefs ausgeliefert zu sehen. Eine Horrorvorstellung und kolossale Individualitätsbeschneidung, die in der heutigen Zeit leider aktueller den je Wirklichkeit geworden ist.

Wie man also sieht, hat “Schweineherbst“ auch heute (fast 12 Jahre später) nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren! Sowohl inhaltlich, als auch musikalisch ist dieses Album sicherlich das beste Slime Werk neben “Alle gegen Alle“ (1983) und dem vom späteren “Die Ärzte“ Bassist Rodrigo Gonzales produzierten Album “Viva la muerte“ (1992).

Auch sollte abschließend auf Grund der Vollständigkeit nicht unerwähnt bleiben, dass sich kein reguläres Booklet in der CD-Packung befindet. Grund: Das Album besteht aus einem sehr schön gemachten, aufklappbaren Digipack, auf welchem sämtliche Texte abgedruckt wurden.

Ungelogen nicht nur eine der besten deutschsprachigen Punk-Platten der 90er Jahre, sondern zugleich auch aller Zeiten! Ein wirklich unsterblicher Meilenstein, der seines gleichen wohl auch noch weiterhin sehr lange suchen wird.

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