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Shining: Blackjazz

Ein tierisch schwer verdaulicher Brocken
Wertung: 4/10
Genre: Progressive Metal / Jazz
Spielzeit: 57:15
Release: 22.01.2010
Label: Indie Recordings

Wer wie der Verfasser dieser Zeilen auf King Crimson steht, weiß, dass die Engländer – ähnlich wie Frank Zappa – im Laufe ihrer Karriere eine Menge Experimente gewagt und meist nicht gerade leichte Kost veröffentlicht haben. Über das Album „Lizard“, welches 1970 erschien, sagte sogar Visionär Robert Fripp später selber, es sei „unhörbar“ und die Liebhaber dieses Albums müssten „sehr merkwürdig“ sein. Zu diesen merkwürdigen Leuten darf ich mich selbst übrigens durchaus ebenfalls zählen. Wenn aber Fripp schon solche Worte über eine Crimson-Platte verliert – was würde er dann bitte über „Blackjazz“, das neueste Release von Shining sagen? – Nein, nicht die Spinner aus Schweden um Quakfrosch, die sich gerne gegenseitig auf der Bühne zusammenschlagen, sich aufschlitzen und Suizid propagieren sind gemeint, mit denen hat diese Formation aus Norwegen nichts zu tun. Durchgeknallt ist diese zwar auch, aber auf andere Weise.

Durchgeknallt deswegen, da meine wahrlich an einiges gewöhnten Ohren etwas derart Atonales, Unzugängliches, Unbequemes und nahezu Unhörbares bisher noch nicht wahrgenommen haben – weder von King Crimson, noch von sonst irgendjemandem. Dagegen hört sich selbst Zwölfton- und sonstige moderne klassische Musik wie eine Mozartoper an. Wer ausschließlich auf klar strukturiertes Songwriting steht und mit Dissonanzen rein gar nichts anfangen kann, kann gleich aufhören weiterzulesen.

Leicht verdaulich ist hier weiß Gott nichts, wobei allerdings gesagt sei, dass – so gestört und abgedreht sich das Ganze auch anhört – es sich hier keineswegs um Free Jazz handelt, jedenfalls nicht durchgängig. Eine grundsätzliche Struktur liegt der Mucke schon zugrunde; man kann den Norwegern nicht absprechen, dass zumindest die Stücke der ersten Hälfte der Platte einen gewissen, wenn auch nicht gerade sofort erfassbaren Aufbau verfolgen, man sich um Riffing bemüht hat und nicht einfach nur irgendetwas durcheinander spielt. Technisches Vermögen ist ebenfalls erkennbar.

Dennoch zeigt bereits der Opener „The Madness And The Damage Done“ mit seinen ultraverzerrten Gitarren, den Industrialsounds und dem völlig kranken Gesang auf, dass hier eine Band am Werk ist, die verstören und unbequem sein will; das Teil ist ein harter Brocken, ein brutaler Schlag ins Gesicht, vor allem, wenn man überhaupt nicht ahnt, was auf einen zukommt. Auch das mit jaulenden Saxophonklängen versetzte, vom Tempo allerdings etwas gemäßigtere „Fisheye“ ist starker Tobak. Diese beiden Stücke sind trotzdem wohl noch die zugänglichsten des Albums, es scheint fast so, als wollten Shining den Hörer erst einmal behutsam – falls man dieses Wort in dem Zusammenhang überhaupt benutzen darf – in ihre kranke Welt einführen; mit dem über achtminütigen, mit völlig geistesgestörtem, verzerrtem Gesang versehenen „Exit Sun“, das zunächst noch verhältnismäßig ruhig beginnt, wird das Nervenkostüm des Hörers jedenfalls auf eine äußerst harte Probe gestellt.

Dasselbe gilt für „Healter Skelter“, das mit dem Beatles-Klassiker trotz ähnlicher Schreibweise eher wenig, oder besser gesagt rein gar nichts zu tun hat. Parallelen zu dem Pilzkopf-Song höre ich bei diesem von Saxophon und Schlagzeug dominierten Wutausbruch, bei dem nun tatsächlich Free Jazz-Anleihen aufkommen, jedenfalls nicht heraus.

Nachdem eine Art zweiter Teil des Openers erklungen ist, geht die Zerreißprobe, auf die die Gruppe den Hörer gestellt hat, mit dem elfminütigen „Blackjazz Deathtrance“ auf ihren Höhepunkt zu. Worte können nicht beschreiben, was hier abgeht. Völlig krankes Gemetzel wechselt sich mit Science-Fiction-mäßigen Keyboards ab, dazu ertönt immer wieder mal herausgeschriener, mal bedrohlich geflüsterter Gesang (Was gibt der da von sich? – „You fuck with your own brother“? – würde vom Sickness-Faktor jedenfalls passen, wenn der das wirklich singt) – keine Ahnung, was ich davon halten soll. Extreme ausloten und neue Wege gehen ist ja völlig okay, genauso wie das Unterfangen, dem Hörer ein unangenehmes Gefühl zu verpassen, denn Musik muss oder darf nun mal nicht immer schön sein, da Musik nicht mehr und nicht weniger als vertonte Emotionen ist und die können halt auch unangenehm sein – aber wer hört sich das denn öfter als ein- oder zweimal an? Die Mucke kann man nicht nebenbei herlaufen lassen, denn dass sie nichts zum Berieseln lassen ist, dürfte der geschätzte Leser inzwischen bemerkt haben, aber um dem Ganzen aufmerksam zuzuhören, ist es auch nicht das richtige – außer natürlich, man hat die entsprechenden Drogen parat. Wer weiß, wie die Hörerfahrung ist, wenn man Psilopilze, LSD oder Ecstasy zu sich genommen hat...

Klar, die Scheibe hat was Faszinierendes an sich, insbesondere das King Crimson-Cover von „21st Century Schizoid Man“ (eingegrunzt übrigens von Enslaved-Frontmann Grutle Kjellson), das anfangs – abgesehen von den eine gefühlte Oktave tiefer gestimmten Gitarren – sogar noch einigermaßen an das Original erinnert, dieses nachher jedoch beinahe bis zur Unkenntlichkeit entstellt (und erneut stellt sich die Frage, was Robert Fripp wohl dazu sagen würde, vielleicht fände er es sogar toll), aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sich jemand zu Hause hinsetzt und sich vornimmt, dieses Album jetzt zehnmal hintereinander zu hören, um neue Nuancen zu entdecken.

Andererseits gibt es ja bekanntlich nichts, was es nichts gibt und daher gibt es gewiss Liebhaber, die begeistert aufjubeln werden ob dieser neuen Auslotung des Extremen. Zumindest ist es mal was Neues (auch wenn „Blackjazz“ bereits das fünfte Album von Shining darstellt – keine Ahnung, wie die ersten vier klingen), das kann man nicht bestreiten. Ich bleibe trotzdem lieber bei King Crimson, Shining sind mir einfach ZU anstrengend...

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann