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Sepultura: Machine Messiah

Endgültiger Pflock für die Frühphasenbevorzuger
Wertung: 8,5/10
Genre: Thrash Metal
Spielzeit: 46:09
Release: 13.01.2017
Label: Nuclear Blast

Man muss wahrlich kein Prophet sein oder zu Hause eine Glaskugel bunkern, um vorherzusagen, dass die Thrasher vom Zuckerhut auch auf ihrem vierzehnten Album einen weiteren Pflock in die Herzen der ganzen frühen Fans schlagen werden, die es nicht geschafft haben zu akzeptieren, dass es auch ein Sepultura-Leben nach Max Cavalera gibt. Und wer nun die gebotene Objektivität herauskehren kann und einmal die Liveleistungen eines Derek Green mit dem heutigen Stand des Ex-Fronters vergleicht, der kann nur zu dem Schluss kommen, dass die aktuelle Besetzung einfach ungnädig durchsetzungsfähig alles in Grund und Boden ballert. Klar kann man lästern, dass die Brasilianer auf der kommenden Europatour als Support für Kreator agieren, aber hey: In Wahrheit hätte man sich vor zig Jahren die Finger nach solch einem Billing geleckt und bekommt es nun endlich geliefert – wenn da mal nicht spätestens in Essen „Blut“ fließt.

Schluss jetzt aber mit der pathetischen Juckelei, rein ins 14. Studioalbum, wofür Sepultura knapp dreieinhalb Jahre brauchten und einmal mehr ihren folkloristischen Blick quer durch die weltweite Musiklandschaft wandern ließen. Das hatten sie ja schon im Vorfeld angekündigt, dass sie eben noch eine Spur progressiver zu Werke gehen wollen, womit sie dann der ganzen alten Basis, die noch immer so sehr ihren Wertekonservatismus verteidigt, nicht nur den Pflock ins Herz jagen, sondern gleich das Stück Schwermetall mehrmals zum letzten Zucken herumdrehen.

Bei dem Trio zuckt es nicht nur gewaltig, sondern da strotzt es einmal mehr nur so vor Energie; Ohren und Poren auf Vollempfang, denn mit frisch ausbalanciertem Sound durch Knöpfchenhexer Jens Bogren (Opeth, Kreator, Ihsahn, Paradise Lost) blasen die Vier einmal mehr zum Vollangriff auf festgefahrere Hörgewohnheiten. Dabei muss man „Vollangriff“ zunächst einmal relativieren, denn es wird nicht wenige Fans geben, die beim Opener und Titeltrack „Machine Messiah“ glatt an eine Fehlpressung denken werden. Geht man erst von einer instrumentalen Einleitung aus, wo anschließend Derek sogar schwermütig und vor allem clean singt und der Track fast schon doomig episch langsam seine Durchschlagskraft entfaltet, auch auch wenn sie anschließend einen deutlichen Kübel Green-Shouting ausgießen, so bleiben Sepultura verhältnismäßig ruhig, geradezu melodisch und liefern so einen mehr als mutigen Opener, bei dem das Quartett mal so richtig Eier beweist, ab.

Um den Sargnagel für die Frühphasenbevorzuger noch tiefer ins Fleisch zu treiben, hat das Quartett druchaus eine Überraschung nach der anderen parat. Das Instrumental „Iceberg Dances“ zitiert aus dem Coroner-Lager und bietet eine verwirrend abwechslungsreiche Percussion- und Gitarrenarbeit, wozu sich auch noch die solistisch spacige Orgelarbeit gesellt und Akustikklampfen für den verstärkten Folklore-Ausflug sorgen. Genau da zeigen sich Sepultura mehr denn je als Weltenturner, bauen in „Phantom Self“ ein breit grinsendes Willkommen in der arabischen Streicher-Welt ein und der arabische Frühling bekommt so mal ein so richtig protziges, tanzbares, mit fetten Breakdowns versehenes Kosmopolitentrashstück auf die nationalistisch verkrusteten Lauscher geballert. Und wer schon hier längst abgeschaltet hat, der wird in „Resistant Parasites“ mit großer Bassdominaz durch eine schwermütige, bösartige, vom Hardcore gezeichnete und einer immer wieder indisch gesprägten Musikwelt geführt.

Klar, auf fast schon typische Thrashbolzer muss man dennoch nicht verzichten. „I Am The Enemy“ ist so ein straightes Thrashgeschoss mit ordenlicher Hardcore-Schlagseite aus dem Progressiv-Gebüsch und Sepultura ballern in nicht mal zweieinhalb Minuten jeden „lahm und lasch“-Vorwurf hinweg. Auch gegen Ende lassen sie nicht locker, wemsen mit dem peitschenden Thrashhammer „Silent Violence“ in die Parade und grooven wie auch im folgenden „Vandals Nest“ ohne wirkliche Kompromisse voll auf Moshpitwalzenniveau im Hochgeschwindigkeitsbereich.

Wer bis jetzt noch nicht vollkommen durch die grandiose Drumarbeit des Jungspundes Eloy Casagrande verrückt geworden ist, der darf dann hier mit fast jazzigem Wahnsinn und trotzdem fetten Wumms in „Alethea“ an einem Tisch sitzen und schräge, nahezu psychedelische Gitarren und kurz danach beitbeinige Riffwände mit leichtfüßigem Schwermut goutieren, „Sworn Oath“ ist dann wohl auch das Sinnbild für Sepultura anno 2017, liefert Streicher mit fast schon episch orchestralem Anstrich und schwer schleppende Passagen sowie kontrolliert ausbrechende Thrasherputionen in einem hochbrisanten Gebräu derber Kunst. „Cyber God“ ist dann irgendwie der logische Schluss, ein passender Albumrahmen, denn auch hier sorgen erhöhte Prog-Anteile, klarer Green-Gesang, doomige Passagen und derbe Growls wie schon beim Opener für melodische Melancholie, eine schwergewichtige Überraschung, die man sicherlich so nicht erwartet hat.

Keine Zeit für die Blaupause aus den Achtzigern, wer das nicht kapiert, sollte sich schon längst von Sepultura verabschiedet haben. Und so wie die Liveshows der Brasiliener nur so vor Energie strotzen, so gesellt sich nun auch eine Menge Mut zur eigenen Vision dazu. Wer gewillt ist, diesen Trip mitzugehen, wird mit einem bunten Strauß schwermetallischer Kost geradezu verwöhnt. Konservative Werte über Bord schmeißen und die Welt mit den Armen umfangen, Sepultura haben dafür den Soundtrack geliefert.

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