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Schandmaul: Anderswelt

Kehren zu alter Stärke zurück
Wertung: 9/10
Genre: Folk Rock, Mittelalter
Spielzeit: 52:2
Release: 04.04.2008
Label: F.A.M.E. Recordings

Nur allzu gerne erinnere ich mich zurück an die Zeit, in der ich das erste Mal mit dem Münchener Folk – Rock Sextett von Schandmaul in Kontakt kam. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres dritten Albums „Narrenkönig“ im Jahre 2002 kam mir dessen sensationeller Opener „Walpurgisnacht“ völlig unerwartet zu Ohren. Ich zögerte keine Stunde, eilte zum Plattenladen meines Vertrauens und kaufte mir ganz intuitiv, ohne jegliches Zögern den „Narrenkönig“. Und was soll ich sagen? Ich war spontan verliebt. Verliebt in die Leichtigkeit dieser Band, verliebt in die tollen Melodien, die hitverdächtigen Refrains und die treibenden Dudelsack-, Flöten-, Drehleier- und Geigenpassagen. Es dauerte anschließend höchstens drei Tage, bis ich auch die beiden Vorgänger „Wahre Helden“ und „Von Spitzbuben und anderen Halunken“ mein Eigen nennen durfte. Die Welle meiner Euphorie gipfelte später übrigens in meinem ersten, noch immer unvergessenen Schandmaul Konzert in einer brodelnd heißen und gut gefüllten Bochumer Matrix.

Und auch heute noch zähle ich Schandmaul zu meinen absoluten Favoriten, auch wenn ich gerade mit einigen Teilen der letzten Platte „Mit Leib und Seele“ (2006) nie so richtig warm geworden bin. Grund dafür war nicht die von manchem Fan der ersten Stunde angeprangerte Elektrogitarrendominanz und auch nicht die recht düstere Ausrichtung des Albums. Es ist vielmehr so, dass mir manch ein Song auch knapp zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Albums immer wieder völlig neu, unbekannt und nicht wirklich berauschend vorkommt. Das war auf vorhergehenden Alben der Jungs und Mädels insgesamt anders. Von einer schlechten Platte ist „Mit Leib und Seele“, mit tollen Hits wie „Mitgift“, „Lichtblick“ oder „Kein Weg zu weit“, dann allerdings doch meilenweit entfernt gewesen.

Nun steht in ein paar Tagen die Veröffentlichung des neuen Albums „Anderswelt“ an und ich war natürlich enorm gespannt, ob dieses wieder an alte Qualitäten anschließen kann. Und nach den ersten Durchläufen war mir klar, dass „Anderswelt“ hierzu absolut in der Lage ist. „Anderswelt“ zaubert mir jedenfalls stets ein Lächeln der Freude auf die Lippen und das nicht nur wegen des Albumtitels, der mich immer wieder an den leicht skurrilen Magier Vincent Raven aus der Pro7 - Eventshow „The Next Uri Geller“ erinnern lässt. Die Hauptgründe meiner Freude allerdings stellen die wundervollen Melodien und Ohrwürmer dieser Platte dar, die Schandmaul wieder so präsentieren, wie ich sie liebe.

Der Beginn des Openers „Frei“, bei dem die tiefe Sprechstimme von Frontmann Thomas Lindner zum Zuge kommt, sorgt gleich für eine schaurig schöne Atmosphäre, bis Dudelsack und E – Gitarre den Song in typischer Schandmaul – Art kräftig nach vorne treiben. Der druckvolle Refrain brilliert mit seinem Schwung und seiner Eingängigkeit und dürfte gerade auf künftigen Konzertvergnügen einiges reißen. In eine ganz andere Richtung geht das folgende „Krieger“, denn so metallisch und martialisch habe ich die Band bisher auch noch nicht erlebt. Packend ist gerade die Kombination aus knackigen Gitarrenriffs und wilden Geigen- und Celloarrangements (letztere stammen übrigens von Benni Cellini, der bekanntermaßen hauptberuflich bei denn Herren der Letzten Instanz sein Unwesen treibt und seinen Beitrag zu fünf Songs auf „Anderswelt“ liefert). Auch der Gesang von Thomas Lindner wirkt düsterer und kälter als gewohnt, ist aber dennoch mit packenden Melodien versehen.

Manch einem mögen bei „Krieger“ nun die Namen In Extremo und Subway To Sally durch den Kopf gehen und so ganz falsch sind diese Assoziationen angesichts der harten metallischen Gitarren ja auch nicht. Aber erstens hat der Song genügend eigene Identität, zweitens haben Schandmaul es gar nicht nötig, andere Bands zu kopieren und drittens bietet ein einziger Song mit Sicherheit nicht den Zündstoff für eine Grundsatzdiskussion. Ich begrüße „Krieger“ jedenfalls als fantastischen Song und gelungene Abwechslung.

Es folgt der Titelsong und mein persönliches Albumhighlight. Der Song wirkt zunächst sehr ruhig und weilt in schöner Melancholie, bis dann der in meinen Augen beste Refrain des Albums von der Leine gelassen wird, dessen Zeilen einem einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Mitsingkompatibel, tanzbar und ein typischer Schandmaul - Song der Extraklasse. Hat der Titelsong noch den besten Refrain des Albums zu bieten, enthält das direkt im Anschluss dargebotene „Königin“ die vielleicht packendste Strophe des Albums. Der Refrain des eher ruhigen Songs mit seinen großartigen Streichern kommt dagegen zwar nicht ganz an, geht aber nichtsdestotrotz tief unter die Haut.

Bei „Zweite Seele“ begibt sich die Band wieder in eher rockige Gefilde und verbindet die Leichtigkeit früherer Veröffentlichung mit dem Schwermut manch eines Songs der jüngeren Schandmaul – Ära. Unheimlich gut gelungen sind zudem die prägnanten Dudelsäcke am Ende des Songs. „Die Braut“ lässt sich am besten als eingängige Folk – Ballade beschreiben, die lyrisch eine tragische Liebesgeschichte erzählt. Sehr schön anzuhören, aber nicht unbedingt mein Lieblingssong auf „Anderswelt“. Bereits die ersten Töne und Zeilen von „Missgeschick“ lassen zutreffend den Schluss zu, dass die Band sich hier ganz ihrer eher schelmischen Vergangenheit widmet. Der humoristische Text, der mit einem deutlichen Augenzwinkern von einem urigen Schürzenjäger berichtet, dem im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz spezielles „Missgeschick“ geschieht, und die schnellen Flöten machen unheimlich viel Spaß und wissen zu gefallen.

Nach diesem ulkigen Spektakel kehrt die Band mit „Sirenen“ wieder zurück zu ernsteren Klängen und zeigt sich mit schönen Background – Chören und verträumten Flöten äußerst detailverliebt. Dazu gesellen sich ein Refrain, der über wirkliches Hitpotential verfügt, und ein starker Text, der aus der Feder von Birgit Muggenthaler (Dudelsack, Blasinstrumente) stammt und sich ein gesondertes Lob redlich verdient hat. Das sakrale Chorintro von „Stunde des Lichts“ bleibt eigentlich schon der Höhepunkt des recht überschaubaren Songs, der zwar ganz nett ist, mit den anderen Songs aber nicht wirklich mithalten kann. Hossa, Hossa! Es folgt das einzige und sehr tanzbare Instrumental des Albums „Fiddlefolkpunk“, dessen Namen jegliche Beschreibung überflüssig macht.

„Augen auf!“ und „Wolfsmensch“ sind zwei flotte Rocksongs, die mit sehr guten Gesangsmelodien und natürlich allerhand mittelalterlichen Instrumenten ausgestattet sind, so dass der Zugang zu ihnen sehr schnell gefunden ist. Beim treibenden „Wolfsmensch“ empfinde ich das Hörerlebnis allerdings noch ein wenig intensiver als bei „Augen auf!“, dessen Refrain mir im Gegensatz zum Rest des Songs fast schon ein wenig zu harmlos ist. Nach zwei eher härteren Songs kommt dann den beiden Balladen „Drei Lieder“ und „Prinzessin“ die Ehre zuteil, die „Anderswelt“ abzuschließen.

„Drei Lieder“ lebt von der mittelalterlichen Geschichte, die es erzählt und die es schafft den Hörer problemlos in vergangene Welten zu entführen, während „Prinzessin“ zwar ein wenig kitschig wirkt, aber ebenfalls einen echten Ohrwurm darstellt. „Prinzessin“ im Live - Doppelpack mit dem Klassiker „Dein Anblick“, das könnte ich mir richtig gut vorstellen und dürfte den Konzertbesuchern richtig gut gefallen.

Wunderbar ist zudem das kunstvolle und liebevolle Artwork des Albums, welches dann noch eine zusätzliche Kaufanregung liefern sollte.

Fazit: Mit „Anderswelt“ kehren Schandmaul für mich zu alter Stärke zurück und auch wenn das Album nicht ganz an den „Narrenkönig“ herankommt, so enthält es doch vierzehn gute bis sehr gute Songs, welche die Erfolgsgeschichte der sechs Schandmäuler locker weiterschreiben sollten. „Anderswelt“ ist Fortsetzung, Rückbesinnung und Weiterentwicklung in einem und so etwas schaffen heutzutage leider nur noch die wenigsten Künstler. Fans der Band dürfen also problemlos zugreifen und alle, die die Band noch nicht kennen sollten, dem Folk/Mittelalter – Genre aber nicht vollkommen abgeneigt sind, sollten „Anderswelt“ unbedingt mal antesten.

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