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Rush: Clockwork Angels

Reicht erwartungsgemäß nicht an die Klassiker heran, dennoch ein sehr gutes Album, das die direkten Vorgänger übertrifft
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 66:06
Release: 08.06.2012
Label: Roadrunner Records

Schon seit geraumer Zeit lassen auch Rush es etwas ruhiger angehen. Veröffentlichten die Kanadier früher noch alle zwei, drei Jahre ein neues Studioalbum – was in den Siebzigern, seitdem die Band ja bereits existiert, ohnehin gang und gäbe war – gibt es mittlerweile deutlich längere Pausen. Die erste lag zwischen „Test For Echo“ (1996) und „Vapor Trails“ (2002), doch wir erinnern uns, dass Drummer Neil Peart damals zwei grauenhafte Schicksalsschläge verkraften musste (1997 starb seine Tochter bei einem Autounfall, 1998 seine Frau an Krebs) und es unklar war, ob das Trio überhaupt jemals wieder zusammen musizieren würde. Zwischen „Vapor Trails“ und der letzten Full-Length „Snakes & Arrows“ zogen dann wieder fünf Jahre ins Land (klammern wir „Feedback“ von 2004 als reines Coveralbum mal aus), und seit jener Scheibe sind inzwischen erneut fünf Jahre vergangen.

Klar, dass Spannung und Erwartungshaltung bezüglich des neuen Werks „Clockwork Angels“ da nahezu ins Unermessliche stiegen. Dass Rush noch nie Halbgares geschweige denn ein wirklich schlechtes Album auf den Markt geschmissen haben, darüber sind sich bekanntermaßen nicht nur Die-Hard-Fans einig. Sicherlich hatten „Test For Echo“, „Vapor Trails“ und „Snakes & Arrows“ nicht das überirdische Niveau der zahllosen Klassiker in der Diskographie der Prog-Rock-Meister, aber erstens ist es auch für die nordamerikanischen Klangzauberer unmöglich, ausschließlich Zehn-Punkte-Überflieger zu veröffentlichen, und zweitens waren auch diese Alben immer noch mehr als solide und beinhalten einige Stücke, die durchaus zurecht einen festen Platz in der Live-Setlist der Gruppe eingenommen haben.

Musikalisch knüpft „Clockwork Angels“ an seinen unmittelbaren Vorgänger an. War „Vapor Trails“ noch ein sehr basisches, puristisches Album, bei dem auf sämtliche Keyboardspielereien verzichtet wurde, wurden die Tasten bei der 2007er Platte zwar wieder reaktiviert, hielten sich jedoch verglichen mit der Achtziger-Phase eher dezent im Hintergrund. Auch diesmal bilden Gitarre, Bass und Schlagzeug die klar dominierende Basis, während die Keyboards relativ unauffällig, aber trotzdem wirkungsvoll als zusätzliche Würze verwendet werden.

Obwohl die Scheibe bereits die zwanzigste Studiolangrille der Band markiert, stellt sie in gewisser Weise ein Novum in der Karriere Rushs dar – der Science-Fiction-Autor Kevin J. Anderson und Schlagzeuger/ Texter Neil Peart planen nämlich auch eine Romanfassung von „Clockwork Angels“. Dass Romane, Gedichte und Erzählungen in Texten von Rocksongs oder in Konzeptalben aufgegriffen wurden, ist wahrlich nichts Neues, aber in umgekehrter Version dürfte es das wohl noch nicht gegeben haben. Aus diesem Grund muss wohl nicht näher erläutert werden, dass sich ein lyrischer roter Faden durch die Tracks auf dem Rundling zieht. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der eine Reise durch die Welt des Steampunk und der Alchemie unternimmt – die Bühnendekoration auf der von der Gruppe zuletzt absolvierten „Time Machine“-Tour deutete diese Thematik übrigens bereits an.

Doch wie stark ist „Clockwork Angels“ nun geworden? Die beiden Songs „Caravan“ und „BU2B“ (steht für „Brought Up To Believe“), die auch die ersten beiden Plätze in der Tracklist einnehmen, stellten die Drei schon auf der letzten Tour vor, und vor allem erstgenannte Nummer hinterließ einen sehr guten Eindruck und darf zweifellos als eines der Highlights der Platte gelten. Allein wie sich der schöne, eingängige Refrain harmonisch vom treibenden, irgendwie typischen und prägnanten Mainriff abhebt, ist einfach klasse gemacht. Die hauchdünnen Keyboards im Chorus geben diesem einen schwebenden Charakter und unterstreichen einmal mehr das feine Gespür der Herrschaften für geschmackvolle Arrangements – was nach so vielen Jahren der Routine und den in den letzten knapp vier Dekaden erbrachten zahllosen Beweisen für ihre musikalischen Qualitäten natürlich nicht wirklich verwunderlich ist.

Auch sonst muss sich der Fan aber keine Sorgen um etwaige Totalausfälle machen. Zwar kommen Rush erneut nicht an ihren eigenen Backkatalog heran, dazu sind Klassiker der Marke „2112“, „Moving Pictures“, „Permanent Waves“, „Grace Under Pressure“, „Signals“, „Power Windows“ und wie sie alle heißen, einfach zu göttlich (und wer hätte das auch ernsthaft erwartet?), aber zumindest gegenüber den beiden letzten Platten hat der neue Output meiner Meinung nach die Nase vorn. Die Kanadier liefern mehr als anständiges Material ab und eine Platte, die selbstredend unverkennbar Rush ist. Sicherlich bietet „Clockwork Angels“ keine revolutionären Überraschungen, aber irgendwie schaffen sie es immer wieder, eigenständige Werke, die für sich stehen, zu veröffentlichen, ohne ihre ureigenen Trademarks außer Acht zu lassen, doch auch ohne sich zu wiederholen. Nun gut, die Gesangslinien bei „Halo Effect“ ähneln „Half The World“ schon sehr auffällig, aber das sehen wir nach so vielen Releases mal großzügig als Lappalie an.

Dafür beeindruckt die wundervolle Gänsehaut-Ballade „The Wreckers“ außerdem umso mehr – dieser herrliche Refrain muss einem einfach ein Lächeln ins Gesicht zaubern und beweist, dass die Progger auch nach jahrelanger Erfahrung immer noch grandiose Einfälle haben und keineswegs zum alten Eisen gehören. Auch das mit teilweise orientalischen Vibes ausgestattete „The Anarchist“ und das fett groovende und im Chorus mit interessanten Schlenkern in der Gesangsmelodie versehene „Headlong Flight“ sind exzellente Kompositionen voller glänzender Ideen, die bei den nächsten Konzerten eigentlich auf der Setlist stehen müssen. Gerade diese Stücke sind sehr anschauliche Beispiele für den einzigartigen Sound der Band, bei dem Gitarre und Bass völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich in Melodie- und Riffführung immer wieder abwechseln. Und die Kunst bei der Toronto-Truppe lag schon immer darin, dass die drei Musiker zwar unfassbare Fähigkeiten an ihren Instrumenten besitzen, es jedoch vorziehen, ihre Musikalität dafür zu verwenden, ausgeklügeltes Songwriting zu kreieren, anstatt selbstverliebt zu gniedeln. 

Dennoch ist und bleibt es unglaublich, was für Basslines sich Geddy Lee immer noch aus dem Ärmel schüttelt und wie frisch und spritzig sein Tieftonspiel immer noch klingt, was für imposante Soundscapes Alex Lifeson seiner Klampfe entlockt – und über das Können eines Neil Peart müssen wohl keine weiteren Worte verloren werden. Apropos Soundscapes: Dieser Begriff trifft vor allem auch auf das abschließende, mit opulenten, aber nicht übertrieben pathetischen orchestralen Klängen bestückte „The Garden“ zu, das eine sehr passende Finalnummer darstellt und zudem mit einigen hübschen, perlenden Pianoklängen aufwartet.

Es ist einfach nur bewundernswert, was für eine Konstanz diese Band an den Tag legt. Wo andere Acts, die es schon lange gibt, häufig nur noch von ihren alten Klassikern zehren und gegen Ende ihrer Karriere entweder nur noch Durchschnitt oder gar kein neues Material mehr aufnehmen, haben Rush auch nach über 35 Jahren noch nichts verlernt. Dafür gebührt ihnen allerhöchster Respekt. PS: Man beachte die coole Gesamtspielzeit der CD.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann