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Rummelsnuff: Brüder / Kino Karlshorst

Ahoi, min Jongs
Wertung: 8/10
Genre: EBM, Elektro-Pop
Spielzeit: n/a
Release: 21.01.2011
Label: Out Of Line

Ein Baum von einem Mann ist der Sänger Roger Baptist alias “Rummelsnuff” – schaut man ihn sich an, bekommt man entweder Angst oder der Neid steigt in einem hoch. Seine Geschichte begann 1966 in Großhain/Sachsen. Als Sohn einer Musikerfamilie wuchs er musikalisch auf. Er lernte verschiedene und vom Wesen her sehr ungleiche Instrumente spielen – darunter Fagott und Bassgitarre.
Doch hatte man es als rebellierender Jugendlicher in der ehemaligen DDR alles andere, als leicht – wurden doch Untergrundbands wegen ihrer zumeist kritischen und politischen Texte missbilligt. So war Roger Teil der von 1987 bis 1989 existierenden vorwiegend englischsprachigen Band “kein Mitleid”. Anschließend sah er sich nach etwas Anderem um und fand es noch im selben Jahr bei der Band “Freunde der italienischen Oper”. Auch hier sollte er nicht lange kreativer Mitwirkender sein; die Auflösung stand 1992 fest. Schier nahtlos schien der Einstieg 1992 bei “Automatic Noir”. Sieben Jahre in der EBM-lastigen Band hinterließen ihre musikalischen Spuren.

Doch hier stockte seine Geschichte. Man könnte meinen, er sei in dieser Zeit gewachsen. Rein physisch gesehen stimmt das allemal, denn er trainierte seinen Körper von nun an regelmäßig, verschanzte sich sinngemäß im Muckikeller – agierte sogar als Bodybuilder-Trainer. Auch psychisch gesehen wächst er, denn er “bereist die Weltmeere”. Was genau das heißt, bleibt offen und lässt Raum für Metaphern und persönliche “Abenteuerreisen”.
2004 wurde der Bandname “Rummelsnuff” zufällig durch einen guten Freund von Roger mitkreiert. (Rummel steht für Berlin-Rummelsburg – da wohnte Roger derzeit und snuff kommt von “zerschlagen”, “zunichte machen”). 2005 wurde “Rummelsnuff” schlussendlich geboren.

Ein Neuangriff auf die auditiven Sinneszellen preschte nun auf die Bevölkerung ein.
Worte, wie “schrullig”, “schwul”, “industrial-shanty”, “Freakshow”, “Neonazi”, “Anabolikaopfer”, “Volksmusikanhänger”, “kultig” und “wagemutig” begleiteten nun das übermännliche, doch ruhige Wesen des R. Baptist. Zwei Alben (“Halt’ durch” 2008 und “Sender Karlshorst” 2010) brillierten seine Karriere bisher. Die Texte hier waren härter, die Worte dreckiger.

Mit dem neuen Album “Brüder/Kino Karlshorst” schließt er mindestens an die anderen Alben an,- wenn er nicht sogar noch eine “Schippe” drauflegt, denn es handelt sich um eine Verwöhnung der Ohren, wie auch für die Augen (EP und DVD) – Freigabe ab 16 Jahren.

Das erste Lied “Brüder” behandelt das Thema Männerfreundschaft und Zusammenhalt unter Männern. Wie so oft in seinen Liedern. Deshalb auch der Doppelgänger auf dem Cover. “Du hast gut lachen, wenn dein Bruder bei dir ist, auch wenn er von anderen Eltern ist”, verlautet eine Zeile bedeutungsvoll. Das Lied ist ein Stomper, denn mit rhythmischen “Hey, hey, ho, ho”-Rufen im Refrain animiert er zum Tanzen.

“Rolling Home” besingt englischsprachig, ruhig und episch eindrucksvoll die Gefühle eines mit gebrochenem Herzen johlenden Seemanns. Er erzählt die Geschichte einer Liebe, die er an einem Hafen kennenlernte, doch vergebens wartet er auf sie.

“La Rochelle” verheißt einen wahren Schunkelsong, der scheinbar in der lebensbejahenden Hafenstadt La Rochelle/Frankreich entstanden sein wird.
Mit Akkordeon untermalt er diesen Song. “Auf, Matrosen, lasst Rotwein fließen.” Doch scheinbar haben auch viele Matrosen ihr Leben dort lassen müssen.

“Bonnie and Clyde” gehört der Titel des französisch/englischen Songs über eben dieses berühmte Gaunerpaares Anfang des 20. Jahrhunderts, Gastsängerin: Valerie Renay.
Hier ist ein schönes Zusammenspiel von Stimmen zu hören, die unterschiedlicher in ihrem Ausdruck nicht sein könnten. Es wirkt erotisch. Man könnte meinen, dass hier das Gaunerpaar höchstpersönlich singt.

Den Abschluss krönt das Widerstandslied “The Partisan” als englisches/französisches, ruhiges und von Christian Asbach gesungenes, so ganz andersartiges Lied. Es ist wenig instrumentiert, wirkt tieftraurig und berichtet von den Bildern und Geschichten, die der Autor im Krieg Deutschland gegen Frankreich im Zweiten Weltkrieg gesehen und erlebt hat. Der Song im Original stammt aus Frankreich (1969). Leonard Cohen schrieb ihn etwas um und vertonte ihn.

Die visuelle Breitseite zeigt 15 Videos aus den zwei vorangegangenen Alben.
Hier sind Bilder von ringenden nackten Männern, Nacht schaffenden drogenverfallenen Menschen, sowie auch idyllisch seemännischen Landschaften, zurecht geschnitten.

Ein Making-Of rundet das Stück humoristisch ab. Man meint, den Käpt’n hier richtig kennen zu lernen und persönlich treffen zu können. Der Käpt'n ist sehenswert, gerade wenn er seine Gummikopfbedeckung, die vom Designer Tom Lange kreiert wurde und aus Traktorreifen besteht, trägt und er mit seinem zumeist blanken Oberkörper auf der Bühne steht und die Menge zum Schunkeln bringt. Er selbst bezeichnet seine Musik gerne als “derbe Strommusik”, “Elektropunk” oder “moderne Arbeiterlieder”.

Alles in allem kommen die Songs mit wenig -Strom- aus und sind dennoch elektrisierend in ihrer Beschaffenheit. Sie sprechen über Situationen und Gefühle im Leben und wirken dadurch wie ein Tagebuch von Roger. – Hörens- und sehenswert.

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